09.08.2017: Besprechung der Kurzgeschichte „Die Porzellanmalerinnen“ von Irmgard Hannoschöck

cover-morde-und-andere-gemeinheitenMit diesem Beitrag möchte ich gerne eine Kurzgeschichte besprechen, die in dem Buch „Morde und andere Gemeinheiten“, herausgegeben vom Juhr-Verlag 2015, erschienen ist. Irmgard Hannoschöck hat diese geschrieben und trägt den Titel „Die Porzellanmalerinnen“. Sie ist ausdrücklich als Beitrag aus Hückeswagen gekennzeichnet, da der Band noch zwölf weitere Geschichten enthält, die jeweils in einer anderen Stadt oder Gemeinde des Oberbergischen Kreises spielen. Auslöser für diese Rezension ist eine Zufallsbegegnung am 8. August diesen Jahres auf dem Etapler Platz in Hückeswagen. Ich traf die Autorin, die in Hückeswagen arbeitet, und wir kamen im Laufe des Gesprächs auf die Geschichte zu sprechen. Zwar war mir diese als solches schon bekannt, als sie 2015 erschienen war, bisher hatte es jedoch noch keinen Anlass gegeben, das Werk näher zu besprechen.

Bevor ich auf die Story selbst zu sprechen komme, möchte ich drei Vorbemerkungen machen. Erstens: Ich bin in erster Linie Historiker und freier Journalist, weniger jemand, der Rezensionen oder Bücherkritiken schreibt und in Literaturgeschichte ausgebildet ist. Da es sich aber um einen historischen Stoff handelt, der u.a. von mir recherchiert wurde und die Autorin an meiner Meinung interessiert ist, sehe ich mich als Mitautor eines Werkes über den historischen Hintergrund, der in der Kurzgeschichte auch erwähnt wird, durchaus in einer Position, ein paar Zeilen dazu zu schreiben. Zweitens musste ich einen inneren Widerstand überwinden, mich der Geschichte zu nähern. Ich bin grundsätzlich als Historiker der Meinung, dass fiktive Geschichten, die einen realen historischen Hintergrund allzu deutlich aufgreifen – was hier der Fall ist -, die Überlieferung der wahrhaftigen Geschichte verwässern. Nach dem Motto „Es bleibt immer etwas hängen“ vermischen sich Wahrheit und Legende, was bei dem vorliegenden Stoff eine besondere Rolle spielt. Schon bei der Recherche der Historie war es für uns als Autoren des Hintergrundwerks sehr schwer, Fiktion und Wirklichkeit zu trennen. Hätte man mich vorher gefragt, hätte ich mich aus den eben genannten Gründen gegen ein solches Projekt ausgesprochen. Ich betone aber ausdrücklich, dass es das Recht der Autorin ist, dieses so zu tun, auch wenn es einige Historiker möglicherweise anders sehen. Hier wäre ein schöner Anknüpfungspunkt für eine grundsätzliche Diskussion zwischen Historikern und Literaten. Drittens besteht die Gefahr, dass ich aufgrund meiner Vertrautheit mit dem Stoff allzu genau auf die Details achte. Bei einer fiktiven Geschichte ist diese Exaktheit jedoch nicht unbedingt notwendig und für den Leser oftmals auch nicht relevant, wenngleich der historische Hintergrund natürlich korrekt dargestellt werden sollte.

Nun zur Kurzgeschichte selbst. Anfangen möchte ich mit einer Kritik an einer Formalie des Buches. Zwar wird auf der Einband-Rückseite kurz erklärt, dass das Buch 13 Kurzgeschichten aus dem Krimi-Genre enthält und auch die Namen der Autoren erwähnt, doch es fehlt ein Vorwort mit einer weiteren Einordnung. Der Leser erfährt im konkreten Fall also nichts über das Buchprojekt, nichts über die Autoren als Persönlichkeiten und im speziellen Fall von „Die Porzellanmalerinnen“ auch nichts über die Frage des realen historischen Hintergrunds. Dieser Umstand bekräftigt meine grundsätzlichen Bedenken, die ich eingangs kurz erläutert habe.
„Die Porzellanmalerinnen“ besteht aus einer kurzen Einleitung über eine halbe Seite, es folgen dann 25 Buchseiten mit der eigentlichen Geschichte. Die Rahmenhandlung der Kurzgeschichte ist schnell erzählt: Die Hauptprotagonistin ist die Autorin selbst, die in der Ich-Perspektive erzählt. Auf Seite 64 nennt sie sich mit der Formulierung: „Denk nach, Frau Hannoschöck, denk nach“ sogar selbst beim Namen. Sie schildert dann in der Geschichte, wie sie bei einem Physiotherapeuten zufällig das Gespräch einer Mitpatientin namens Frau Hasenclever mit dem Therapeuten belauscht, in dem diese über alte Zeiten aus dem Hotel Haus Hammerstein in Hückeswagen erzählt. Sie wird neugierig und will mehr erfahren, so dass sie sich für einen Porzellan-Malkurs in Lennep anmeldet, wo Frau Hasenclever ebenfalls malt. Frau Hasenclever hat noch zwei weitere Freudinnen, die ebenfalls in Haus Hammerstein angestellt waren und die genauso diesen Kurs besuchen. Die drei unterhalten sich permanent über alte Zeiten, zur Sprache kommt dabei auch das Verschwinden der Angestellten Rosa, wobei unsere Protagonistin schnell ein Verbrechen vermutet. Sie will der Sache auf den Grund gehen, kauft sich Hintergrundliteratur und besucht die Orte des Geschehens. Dabei trifft sich zufällig auf eine alte Frau. Nach einem ersten gescheiterten Anlauf gelingt ihr es, mit der alten Frau näher ins Gespräch zu kommen. Es stellt sich heraus, dass sie sowohl die verschwundene Rosa als auch die drei Damen aus dem Porzellanmalkurs kennt, da sie alle zusammen in dem Ort Dürhagen, benachbart zu Haus Hammerstein, gewohnt haben. Die alte Dame berichtet schließlich über die Dinge, die sie von Rosa weiß. Mit diesem Wissen und eigenen Vermutungen ausgestattet besucht sie nochmals den Porzellanmalkurs und provoziert die drei Damen und Mitmalerinnen mit ihrer eigenen Malerei, indem sie einen Mord an Rosa bildlich andeutet. Über das Ende des Kurzkrimis schweige ich natürlich an dieser Stelle.

Der historische Hintergrund von Haus Hammerstein und dem Kriegsgefangenenlager wird sozusagen in einer zweiten Erzählebene eingeflochten. Die Autorin lässt Frau Hasenclever bei ihren Besuchen in der Physiotherapie und dem Porzellanmalkurs immer wieder Geschichten erzählen, die zum Teil auf dem beruhen, was die AG Hammerstein der Bergischen Zeitgeschichte erforscht und später veröffentlicht hat. Aus diesen fragmentarisch vorhandenem Wissen über das Leben und die Ereignisse rund und die ehemalige Luxusherberge Haus Hammerstein, die durch Befragung vieler Zeitzeugen zusammengetragen wurden, webt Hannoschöck eine neue Geschichte, deren historischer Hintergrund zwar authentisch, aber ansonsten in dieser neuen Komposition fiktiv ist.
Außerordentlich gut gefällt mir die Art und Weise, wie Hannoschöck handwerklich vorgeht. Das Verweben der Erzählebenen und vor allem die Idee, mit der sie diesen historischen Stoff in einer zeitgenössischen Erzählung wieder an die Oberfläche bringt, sind sehr gelungen. Dass ältere Damen beim Physiotherapeuten oder in Porzellanmalkursen von alten Zeiten berichten, ist durchaus realistisch. Um daraus einen Krimi zu machen, setzt sie sich in die Rolle einer Ermittlerin und hat somit für den weiteren Verlauf der Geschichte freie Hand.

Umso erstaunlicher ist dann die große Schwäche der Geschichte. Hannoschöck versäumt es, die idyllische Landschaft und die außerordentliche Lage der Friedenskapelle und des Friedhofes in Voßhagen näher zu beschreiben. Es gelingt ihr einfach nicht, das „Kopfkino im Leser“ anzuwerfen. Sie schreibt zwar, dass es ein „Märchenschloss“ sei, benutzt auch auf Seite 55 die Vokabeln „imposant“ und „unfassbar“, beschreibt sie aber nicht. Warum ein Märchenschloss? Was ist die Landschaft so imposant? Dies hat zur Folge, dass die zweite Handlungsebene zum Haus Hammerstein „merkwürdig steril“ bleibt. Auch versäumt sie, die Orte zueinander in Beziehung zu setzen. Wie weit mussten die Angestellten, die in Dürhagen wohnten, wohl gehen, um nach Hause in ihre Pension zu kommen? Und wo war denn eigentlich das Lager, und wo war die Wupperschleife? Ernst ganz am Schluss wird klar, dass Haus Hammerstein am Wasser gelegen haben muss, als die Protagonistin die Porzellanmalerei zwecks Provokation ihrer Mitmalerinnen angeht.
Nun muss man sagen, dass eine Kurzgeschichte nicht alles berücksichtigen kann und dass der historische Hintergrund für die Autorin schon wegen seines Umfanges ein dicker Batzen war, an dem jeder Autor zu knacken gehabt hätte. Insofern ist es fast schade, dass der an sich brauchbare Stoff in einer Kurzgeschichte „verbrannt“ wurde. Die Story wäre ein ganzes Buch wert gewesen.

Nun noch eine Anmerkung als Historiker: Bis auf wenige Kleinigkeiten, z.B. hieß der Bahnhof „Kräwinklerbrücke“ und nicht „Kräwinkel“, und bis ein paar Formulierungen im Detail hat Hannoschöck das ihr vorliegende Material treffsicher und gut verwertet. Das sage ich als jemand, der sich mit anderen zusammen jahrelang mit dem Thema auseinandergesetzt hat, und als Historiker, die bekanntlich immer etwas zu meckern haben. Wenn man das bewusst Fiktive vom historischen Hintergrund trennt, gibt es keinen einzigen Patzer der Autorin, der für mich erkennbar wäre. Über die Tatsache, dass im Prinzip nur die Namen der Hotelbesitzer und einiger Protagonisten verändert wurden, die Originalschauplätze aber so benannt werden, will ich kein Urteil fällen, da die Technik von jedem Autor anders angewendet wird.

Als Gesamtfazit kann ich also ziehen: Aufgrund meiner allzu großen Nähe zum Thema ist mir diese Besprechung nicht leichtgefallen. Trotzdem konnte ich Stärken und Schwächen aus meiner subjektiven Sicht entdecken und benennen. Die gute Erzähltechnik steht im Kontrast zur schwachen atmosphärischen Beschreibung, war aber der gewählten Form geschuldet sein könnte. Ein großer Roman wäre hier besser gewesen als eine Kurzgeschichte. Es wird nicht die letzte Story gewesen sein, die ich von der Autorin lesen werde, ich bin gespannt, wie die Entwicklung verlaufen wird.

2 thoughts on “09.08.2017: Besprechung der Kurzgeschichte „Die Porzellanmalerinnen“ von Irmgard Hannoschöck”

  1. Hallo Herr Bangert,

    Ihre inhaltliche Kritik teile ich vollkommen. Ich lese auch viel Positives und freue mich über Ihre Rezension.

    Ändern Sie doch bitte noch den Buchstabendreher bei meinem Vornamen in der Überschrift.

    Viele Grüßevon
    Irmgard Hannoschöck

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