12.10.2017: „Wo bleibt die Menschenwürde“ – Ein Gespräch mit dem Bundesverdienstkreuz-Träger Friedel Pfeiffer

Friedel Pfeiffer am 21.09.2017. Foto: Jürgen Moll für die Bergische Morgenpost.
Friedel Pfeiffer am 21.09.2017 mit dem Archivfund aus dem Jahr 2009 aus Lübtheen. Foto: Jürgen Moll für die Bergische Morgenpost.

Friedel Pfeiffer, Urgestein Gründer der Gefährdetenhilfe Scheideweg, wendet sich im Vorfeld der Bundestagswahl nun mit eindringlichen Worten zu Wort. Anlass ist ein Archivfund aus dem Jahr 2009 verbunden mit schmerzlichen Erinnerungen an die NS-Zeit.

Alles hat seine Zeit – diese Worte markieren für Christen eine fundamentale Bibelstelle aus dem Buch der Prediger. Friedel Pfeiffer, ausgezeichnet mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und Gründer der Gefährdetenhilfe Scheideweg, ist Christ und nicht nur aus diesem Grund war für ihn nun die Zeit gekommen, auf ein für ihn ganz besonderes Dokument öffentlich hinweisen. Bekommen hat er es bereits im August 2009: Die ihm bekannte Archivarin Marlies Bünsch aus dem Gemeindearchiv Lübtheen in Mecklenburg-Vorpommern übersandte ihm die Kopie eines Zeitungsartikels vom 14. März 1932 mit dem profanen Titel „Drei Tote in Hückeswagen“. „Es war ein schlimmer und schwieriger Fund für Frau Bünsch“, erinnert sich Pfeiffer. Und auch ihn persönlich ließ dieser kurze Artikel nicht kalt. “Es kamen Rückerinnerungen an eine böse Zeit. Da ich 1935 geboren wurde, war die Nazizeit Bestandteil meines Lebens“, so Pfeiffer weiter.
Der Grund für die Reaktionen beider wird deutlich, wenn man sich das zeitgeschichtliche Ereignis vergegenwärtigt. Der Artikel schildert die Kommunistenmorde in Hückeswagen vom 13. März 1932, bei denen im Rahmen politischer Auseinandersetzungen Bruno Blumberg, Johann Fries und Wilhelm Mondre von einem Nationalsozialisten erschossen wurden. Das Ereignis sorgte in Hückeswagen für Aufruhr und schlug auch überregional große Wellen. Alleine der Trauerfeier für die drei Kommunisten wohnten 15.000 Menschen bei. Noch jüngst im November 2016 wurden an der Peterstraße, dem finalen Ort der Auseinandersetzung drei Stolpersteine verlegt.
„Als ich den Artikel 2009 zum ersten Mal las, war mir der konkrete Vorgang neu, aber meine Erinnerungen wurden wieder geweckt. Ich war zudem erschüttert, dass sich in dem sonst so schönen und beschaulichen Hückeswagen schon 1932 solche Dinge entwickeln konnten“, sagte Pfeifer.
Und hier schließt sich der Kreis zur Gegenwart. Friedel Pfeiffer sah sich im Angesicht des Wahlkampfes und der Bundestagswahl am 24. September genötigt, nochmals von dem Dokument zu berichten. „Damals saßen die Menschen am Volksempfänger und sprachen sinngemäß: „Still, der Führer spricht. Er hat auch von Vorsehung gesprochen.“. Das System der Einflussnahme in dieser Form hat für Pfeiffer einen tiefen Schrecken. So war es die Mutter gewesen, die ihre vier in Scheideweg aufwachsenden Kinder vor den Nazis bewahren wollte. „Sie hat uns den Umgang mit der HJ verboten, deren Prunk wir aus einiger Entfernung von einem Zaun aus manchmal beobachten konnten.“
Friedel Pfeiffers unausgesprochene aber deutliche Warnung vor Fehlentwicklungen ist dabei nicht nur auf extreme Parteien gemünzt, wie man angesichts der aktuellen Diskussion meinen könnte. Seine Sorge gilt den Geschundenen, egal ob er verfolgter Kommunist, Zwangsarbeiter im Dritten Reich oder Strafgefangener in der Mongolei ist. “Es ist unsagbar, wie Menschen manchmal mit Menschen umgehen! Ich habe auch viel in Gefängnissen gesehen. Ich frage mich manchmal: Wo bleibt die Menschenwürde?“

Zur „Grenz-Zeitung“:
Kurzmeldungen in Zeitungen, die von Ereignissen weit entfernt vom Erscheinungsort berichten, deuten alleine schon aus diesem Grund auf eine gewisse Relevanz hin. So war es auch in dem Fall von Friedel Pfeiffer. Die „Grenz-Zeitung“, die zuvor Lübtheener Nachrichten hieß und im heutigen Mecklenburg-Vorpommern regional begrenzt erschien, greift einen Vorgang aus dem weit entfernten Hückeswagen auf. Der Zufall wollte es nun, dass im Jahr 2009 der Archivarin Marlies Bünsch diese Meldung auffiel, weil sie langjährige Kontakte zur Gefährdetenhilfe, zu Friedel Pfeiffer und somit auch zu Hückeswagen pflegte. Der kurze Artikel datiert vom 14. März 1932 und trägt die Schlagzeile „Drei Tote in Hückeswagen“. Er berichtet von einem schweren Zwischenfall, der sich einen Tag zuvor ereignet in der Schloss-Stadt hatte. Um dem Leser von 1932 den Ort Hückeswagen in seiner geografischen Lage näher zu bringen, benutzt der Journalist die Formulierung „Hückeswagen bei Elberfeld“. Offenbar war die Stadtbezeichnung Wuppertal den Zeitge-nossen noch nicht sehr geläufig, da erst kurz zuvor 1929 Elberfeld und Barmen zu einer Stadt fusionierten. Bemerkenswert ist auch der Hinweis in der Meldung, dass es sich bei dem Täter um einen „auswärtigen Nationalsozialisten“ handelt, so als ob dieser Umstand für den Leser in Lübtheen eine Rolle spielen würde. Fazit: Das Dokument ist für die regionale Geschichtsschreibung insofern bedeutend, da es die weiträumigen Schockwellen aufzeigt, die dieser Vorfall in Hückeswagen ausgelöst hat.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 12. Oktober 2017:
http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/wo-bleibt-die-menschenwuerde-aid-1.7137676.amp („Wo bleibt die Menschenwürde“)

und

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/schockwelle-aus-dem-bergischen-aid-1.7137675.amp (Schockwellen aus dem Bergischen)

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