20.10.2017: „Fidele Brüder“ kegeln seit 70 Jahren – Kegeln als Wirtschafts- und Kulturgut

20170921-guenter-hartmann-und-pokale-fidele-bruederHans Böhl, Klaus Lorse, Gernot Göhlich, Fritz Wehberg oder Horst Flosbach: Was sich wie das „Who’s who“ aus dem öffentlichen Leben des 20. Jahrhunderts in Hückeswagen anhört, ist tatsächlich der Mitgliederliste eines ganz besonderen Clubs entnommen. Er heißt „Fidele Brüder“, ist ein Kegelclub und feiert in diesem Jahr das 70-jährige Bestehen.

Dass sich eine Gemeinschaft dieser Art derartig lange halten kann, ist schon bemerkenswert genug, dürfte aber nicht zuletzt auch dem engagierten und aktuellen Präsidenten Günter Hartmann zu verdanken sein. Diese Gemeinschaft von außergewöhnlichen Leuten hält zusammen, obgleich Hartmann nun in einem BM-Gespräch durchblicken lässt, dass der Zahn der Zeit seit der Gründung 1947 nicht spurlos an ihnen vorübergegangen ist.

20170921-fidele-brueder-urkundeBlicken wir kurz zurück auf ein Stück deutscher Sportgeschichte: Am 31. August 1960 schreibt der „Fidele Bruder“ Horst Flosbach im Olympiastadion von Rom ein Stück Leichtathletik-Geschichte. Nach 14:08 Minuten läuft er vor dem Ungarn Iharos beim 5.000 Meter-Vorlauf als Sieger über die Ziellinie. Günter Hartmann und der Club haben nun ihre ganz eigene Art, derartige Dinge oder auch Charaktereigenschaften ihrer Mitstreiter festzuhalten. „Als ‚Löper Horst‘ ist er bekannt, viel reist er durch das ganze Land. Immer

eifrig, selten da, doch kegeln kann er, das ist wahr“, liest Hartmann das von ihm selbst verfasste und in den Vereins-Annalen festgehaltene Gedicht vor, von dem er dann ganz beiläufig sagt: „Das habe ich dann auch gesungen!“

20170921-pudelbrueder-urkundeDie „Fidelen Brüder“ gründeten sich noch unter dem Namen „Geselligkeit“ im Haus Hartmann, das seiner Zeit von Günter Hartmanns Onkel Paul geführt wurde. 1960 nach einer Fusion mit den „Tennisspielern“ erfolgte die Umbenennung, wobei später noch mit den „Pudelbrüdern“ eine weitere Gruppierung den Club verstärkte. „Ich war ungefähr 20 Jahre alt, als mich mein damaliger Chef Fritz Wehberg in die Runde holte“, erinnert sich Hartmann. Sicher, es sei ein Herrenclub gewesen, prominent besetzt und nicht alle waren Heilige, so lässt der Hückeswagener mit Hinweis auf die eine oder andere Anekdote schmunzelnd durchblicken. Doch bei aller Geselligkeit stand immer das Kegeln im Mittelpunkt. Auch die jährlichen Fahrten waren keine „Sauftouren“, wie er betont, sondern abwechslungsreiche Touren mit Kulturprogramm. Es bestanden auch kurzeitig Überlegungen, aus dem Club einen richtigen Kegelverein zu machen, doch später wurde diese Pläne aufgrund der dann drohenden Bürokratie verworfen. Und trotzdem war man im Kegeln erfolgreich: Unter anderem zwei Wanderpokale von den Stadtmeisterschaften stehen in der Vitrine von Günter Hartmann und zeugen von einem gewissen Ehrgeiz der „Fidelen Brüder“.

Und die Geschichte des Clubs ist noch nicht zu Ende. Erst vor kurzem wurde aufgrund eines Pächterwechsels bei Haus Hartmann als neues Stammlokal Oberröttenscheid gewählt. Dort trifft man sich nun jeden Montag von 19 bis 22 Uhr, um im Kegelbuch eine neue Seite aufzuschlagen.

Kegeln als Wirtschafts- und Kulturgut in Hückeswagen
Als der Kegelclub „Geselligkeit“, die Urzelle der Fidelen Brüder“, 1947 im Haus Hartmann gegründet wurden, gab es noch die Reichsmark. Heute, zwei Währungen und sieben Jahrzehnte später, versetzen uns viele Gewohnheiten und Rituale des regen Vereinslebens in Erstaunen.

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Es beginnt schon mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Kegelns: So fanden in Hückeswagen in den 1950er-Jahren und später viele Firmenfeste im Saal von Haus Hartmann statt, wo die Aktivitäten auf der Kegelbahn fester Bestandteil war. „Von der Heyden, Feintuche Kotthaus, Schnabel, alle waren sie da“, erinnert sich Günter Hartmann. Doch die Zeiten haben sich geändert und nun fürchtet der Präsident des Kegelclubs, dass diese Freizeitbeschäftigung aussterben könnte. Nur allzu schwer las-se sich Nachwuchs finden.
Kegeln war auch immer ein Wirtschaftsfaktor. Noch bevor er um 1956/57 in den Club eintrat, verdiente er sich sein erstes Taschengeld als „Kegeljunge“. Gemeinsam mit Horst Flosbach musste er nach jedem erfolgreichen Wurf der Kegler die Holzpinne wieder aufstellen und die Kugel in die Rücklaufrinne einlegen. „Da kam was zusammen, wir hatten immer Geld, aber es war eine Plackerei“, erinnert sich Hartmann. Für die Gastwirte schien sich die Sache zu lohnen, denn die machten trotz der Bezahlung der Kegeljungs ihren Schnitt. Heute stellen sich die Pinne automatisch auf, die mittlerweile genauso wie die Kugeln aus Kunststoff bestehen.

Und schließlich: Kegeln ist und war ein Träger für Sozio-Kulturelles. So werden an den Kegelabenden Lieder gesungen und Rituale gepflegt. „Einmal im Jahr findet ein Königskegeln statt. Der Sieger erhält die Königskette und wird als solcher mit einer Art Vorbeimarsch inthronisiert“, erläutert Hartmann. Der neue König muss sich zuvor dem Ritual des Nackenrasierens unterziehen. Er stellt sich auf einen Stuhl und muss am Hals eine (harmlose) Rasur über sich ergehen lassen.

Immer zu einem bestimmten Zeitpunkt im abendlichen Spieleablauf wird ein Vereinslied nach der Melodie des Frankenliedes gesungen. Weitere Bestandteile sind das Kegelbuch, in der seit 1956 alle Ergebnisse eingetragen werden, handgefertigte Nadeln, kunstvolle Urkunden und zeitweise sogar ein Programmheft. Günter Hartmann fertigte weiterhin liebevolle Reiseberichte mit Skizzen und Gedichten an. Alles zusammengenommen ermöglicht uns heute 2017 einen unschätzbar wertvollen Einblick in ein Vereinsleben, das vom Aussterben bedroht ist.

Der Artikel ist (in leicht gekürzter Fassung) erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 20.10.2017 unter der URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/fidele-brueder-kegeln-seit-70-jahren-aid-1.7154545
(„Fidele Brüder“ kegeln seit 70 Jahren) … und…

http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/das-kegeln-als-wirtschafts-und-kulturgut-aid-1.7154547
(Das Kegeln als Wirtschafts- und Kulturgut)

BM-Artikel vom 20.10.2017: "Fidele Brüder" kegeln seit 70 Jahren
BM-Artikel vom 20.10.2017: „Fidele Brüder“ kegeln seit 70 Jahren

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