09.12.2017: Rückblende (21) zum 9. Dezember 1952 – Erstfahrt des „roten Bombers“. Ein Schienenbus sorgt für Entzückung

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(nob) Eisenbahnchroniken sind in der Regel ob der Detailversessenheit ihrer Ersteller exakt und städtische Chroniken sind es normalerweise auch. Umso erstaunlicher ist der scheinbare Widerspruch bezüglich des Datums, an dem erstmals auf der Bahnstrecke zwischen Lennep und Gummersbach der berühmte rote Schienenbus gefahren ist. Während die Stadt den 9. Dezember 1952 nennt, weisen die dem Eisenbahnhistoriker Kurt Kaiß vorliegenden Zeitungsberichte auf den offiziellen Fahrplanwechsel am 18. Mai 1952 hin. Ob nun Sommer oder Winter, es war vor 65 Jahren, als sich das neuartige Gefährt erstmals über die hiesigen Schienen bewegte.

Schon die Namensgebung für das Fahrzeug ist abwechslungsreich, von dem ein Exemplar in Wipperfürth nahe dem kommunalen Bauhof öffentlich präsentiert wird. Die städtische Chronik nennt ihn martialisch den „roten Bomber“, in den Zeitungen ist vom „Schienenomnibus“ zu lesen, andere sagen nur „Schienenbus“. Die abkürzungsliebenden Eisenbahnfachleute nennen ihn kurz „To“ für „Triebwagenomnibus“.

Denjenigen Hückeswagenern, die damit zur Schule oder zur Arbeit gefahren sind, wird es egal sein. Fast einhellig fällt bei den Zeitzeugen die Reaktion aus, wenn sie darauf angesprochen werden. Sie bekommen glänzende Augen, so als ob man von ihrem liebsten Haustier spricht. Die technischen Daten lesen sich da wesentlich emotionsloser: Ein Schienenbus mit Anhänger konnte 132 Passagiere befördern, wobei 63 Sitzplätze im Hauptgefährt vorhanden waren. Im Anhänger war ein Gepäckraum für Reisende, ein Detail also, das man in den heutigen Regionalzügen meistens vergeblich sucht. Der Schienenomnibus war 13,1 Tonnen schwer und verbrauchte „22 Kilogramm Brennstoff“ auf 100 Kilometer. Die Spitzengeschwindigkeit betrug 90 km/h, auf den bergischen Strecken fuhren sie jedoch meistens mit 50 bis 60 km/h. Der Lokführer bediente sechs Gänge, das Getriebe regulierte einen so genannten Büssingmotor – benannt nach dem Unternehmer und Erfinder Heinrich Büssing (1843-1929). Ein Journalist, der im Mai 1952 in Wipperfürth erstmals bei einer Probefahrt mit an Bord sein durfte, stellte zur Inneneinrichtung fast bewundernd fest: „Die blau-grünen Polsterüberzüge harmonieren farblich mit der ockerfarbenen Holzbekleidung.“

Unabhängig von der noch zu ermittelnden Erstfahrt in der Schloss-Stadt steht fest, dass der Schienenbus erstmals am 2. Mai 1952 bei einer Probefahrt durch Wipperfürth brauste. Die Bahn war angetreten, mit diesem Gefährt eine höhere Verkehrsdichte zu erzielen. Die Einrichtung zusätzlicher Haltepunkte, zum Beispiel des Haltepunkts „Bevertalsperre“ bei Kleineichen, sollte für die Fahrgäste den Weg zum Bahnhof verkürzen. Die ÖPNV-Planer sprachen dabei von einem „Mittler zwischen Landbezirk und Stadt“.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost am 7.12.2017, URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/vor-65-jahren-startet-der-rote-bomber-zur-ersten-fahrt-aid-1.7250007

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