26.07.2018: Rückblende (44) zum 26. Juli 1923 – Eine Wege-Sperre der französischen Besatzer wird aufgehoben

Ansichtskarte aus Dreibäumen, auf der eine Wegesperre der frz. Besatzer zu sehen ist.

(nob) Es ist eine kurze Zeitungsnotiz vom 26. Juli 1923, die bei einem unbefangenen Leser zunächst mehr Fragen als Antworten aufwerfen: In Hückeswagen wird eine Verkehrssperre aufgehoben, die von der französischen Besatzungsmacht erlassen wurde. Eine französische Besatzung in der Schloss-Stadt mit einer Verkehrssperre?

Hintergrund dieser Meldung ist die Besetzung des Ruhrgebietes und Teile des Bergischen Städtedreiecks im Jahr 1923, deren lokale Auswirkungen u.a. von Wilhelm Blankertz und später dem Leiw Heukeshoven-Autor Walter Dahlhaus beschrieben wurden.

Französische und belgische Truppen begannen am 11. Januar 1923 mit dem Vormarsch und besetzten die Region, da sie der Meinung waren, dass Deutschland seinen Verpflichtungen zur Erfüllung der alliierten Reparationsforderungen nicht erfüllt habe, die nach dem Ersten Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und den Siegermächten vertraglich festgelegt wurden. Hückeswagen lag nun genau im Grenzbereich. Zunächst blieb das Gebiet unbesetzt, was sich jedoch am 6. Februar 1923 änderte, als eine 100 Mann starke Vorhut der Franzosen eintraf, die am Abend des gleichen Tages noch durch Panzerwagen und eine Maschinengewehrkompanie verstärkt wurde. Quartiere wurden im Hotel Beielstein (heute Hotel Kniep) und im Hofgarten bezogen, die Offiziere ließen sich kurzerhand in den Bürgerhäusern der Marktstraße nieder. Zwar war einige Tage später der Spuk vorbei, doch immer wieder kam es in den folgenden Wochen zu Einquartierungen. Brennpunkt war der Bahnhof Hückeswagen, da die Besatzer jeglichen Warenverkehr in und aus der Besatzungszone verhindern wollten.

Ab dem 1. Juli 1923 wurde es dann in Hückeswagen brenzlig. Die Alliierten beschlossen eine hermetische Abriegelung des besetzten Gebietes. Es gab strengste Passkontrollen, harmlose Spaziergänger und Waldbeerensucher, die die Grenze ohne Kontrolle überschritten, wurden zur Wache gebracht. Jeder Handelsverkehr war nun unterbunden. Posten standen auf dem Weg nach Pixberg, an der Fuhr, in der Reinsbach, in den Garagen der Firma Hueck, in Dörpersteeg, am Tannenbaum und an der Eisenbahnbrücke am Schwarzen Weg. Alle übrigen Straßen und Wege wurden durch breite Gräben für den Verkehr unpassierbar gemacht. Es bildete sich daraufhin ein Schmuggelwesen aus, dessen Aktivitäten am Grenzverlauf sich in der Regel nachts abspielten.

Da die allgemeine Zollsperre erst am 8. September 1924 aufgehoben wird, handelte es sich bei der Aufhebung der Wegesperre in Hückeswagen am 26. Juli 1923 also nicht um das Ende der allgemeinen Grenzziehung, sondern lediglich um eine lokalspezifische Lockerung der seit dem 1. Juli geltenden hermetischen Abriegelung. Der Juli 1923 und die Monate danach standen also ganz in Zeichen eines Grenzregimes mitten im Bergischen Land.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 27. Juli 2018

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