08.10.2018: Rückblende (52) zum 8. Oktober 1918 – Gemeinde bietet baltische Landarbeiter an

Das Inserat mit der Offerierung der baltischen Landarbeiter durch die Gemeinde Neuhückeswagen am 8. September 1918.

(nob) Es ist ein Inserat der Gemeinde Neuhückeswagen, das stutzig macht und alleine schon wegen des Inhalts bemerkenswert. Am 8. Oktober 1918 lässt Bürgermeister Richard Leyhausen in der Bergischen Volkszeitung folgenden Text veröffentlichen:

„Es besteht die Möglichkeit für Landwirte tüchtige baltische Landarbeiter zur Arbeitsleistung anzufordern. Die Leute werden wie Deutschrussen behandelt und brauchen nicht bewacht zu werden, außerdem können sie einzeln untergebracht werden. Anträge sind schriftlich unter der Größe der Ackerfläche spätestens bis zum 12. des Monats hierhin einzureichen.“

Die Passage „…brauchen nicht bewacht zu werden…“ offenbart somit in aller Öffentlichkeit ein System, dem sich die Geschichtsforschung systematisch erst seit wenigen Jahren widmet: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Der Historiker Christian Westerhoff veröffentlichte 2012 ein weithin anerkanntes Werk, in dem er sich speziell der deutschen Arbeitskräftepolitik in Polen und Litauen widmet.

Teile des Baltikums waren von 1915 bis 1918 von Deutschland besetzt und standen unter dem Namen „Ober Ost“ de facto unter Militärverwaltung. Heute gehört dieses Gebiet östlich von Königsberg in Teilen zu Lettland, Litauen, Polen und Weißrussland. Da während des Ersten Weltkriegs im Kernland in Industrie und Landwirtschaft Arbeitskräftemangel herrschte, warb man ausländische Kräfte an, zunächst freiwillig, später dann zwangsweise. Letzteres heißt konkret, dass kräftig aussehende Männer bei regelrechten Razzien festgenommen und zur Arbeit gezwungen worden. Zwangsarbeit war also nicht nur ein Phänomen des Zweiten Weltkrieges, wo diese allerdings im noch größeren Stil angewandt wurde. Nach den Schätzungen Westerhoffs wurden während des Ersten Weltkriegs zirka 24.000 Menschen aus Ober Ost zwangsweise vermittelt, aus dem ungleich größeren Weichselgebiet, der westlichen Provinz des Russischen Reiches (damals auch „Russisch-Polen“ genannt), waren es zirka 220.000 Menschen.

Obwohl schon im August 1918 die Kriegsniederlage des Deutschen Reiches abzusehen war, setzten die Militärverwaltung die Rekrutierungsmaßnahmen fort, so dass eben noch im Oktober 1918 Bürgermeister Leyhausen „seinen Landwirten“ das Angebot machen konnte. Doch nach dem Waffenstillstandsabkommen von Compiègne am 11. November 1918 brach die Verwaltung im besetzten Gebiet zusammen und der Arbeitskräftezufluss versiegte. Nur noch wenige kamen danach freiwillig ins Kernland, denn der Arbeitsmarkt wurde nun mit rückkehrenden Soldaten gefüllt, die alle wieder an ihren Arbeitsplatz wollten.

Leyhausen erwähnt in seinem Inserat auch die Deutschrussen, die während des Ersten Weltkrieges als Landarbeiter sehr willkommen waren. Der Spiegel-Autor Uwe Stock stellt einem Artikel dazu fest, dass viele von ihnen in Russland nun plötzlich als „Vorposten des mächtigen Deutschen Reiches und als potentielle Vaterlandsverräter“ gebrandmarkt wurden.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 19.10.2018.

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