Elektromobilitäts-Geschichte(n): Robert Anderson, der erfundene Erfinder des Elektroautos? – Ausgabe 1, 11/2018

(nob) Wenn man sich der Frage nähern will, wer denn das erste Elektroauto der Geschichte gebaut hat, ist es zunächst ratsam, eine einigermaßen allgemein gültige und für Laien nachvollziehbare Definition eines „Elektroautos“ zu geben. Denn Elektromobilität im Allgemeinen wurde schon in den Pionierjahren Mitte des 19. Jahrhunderts auch in anderen Formen realisiert, zum Beispiel auf der Schiene. Zu bedenken ist auch, dass viele fundamentale Erfindungen, auf denen die heutigen Fahrzeuge beruhen, zum Beispiel die des Akkumulators, erst wesentlich später gemacht wurden. In unserer gegenwärtigen Vorstellung wäre ein Elektroauto ein motorisiertes und sich auf einer Straße fortbewegendes nicht-leitungsgebundenes Gefährt, mit dem ein oder mehrere Menschen transportiert werden können und dessen Energiequelle eine an Bord befindliche Batterie ist.

Halten wir uns an diese Definition, stoßen wir nach einer ersten oberflächlichen Sichtung im Internet schnell auf den schottischen Autopionier und Erfinder Robert Anderson, der 1839 ein erstes Elektrofahrzeug gebaut haben soll, nachdem er 1832 einen „Elektrokarren“ konstruierte. Weiterhin finden wir eine Aussage in einem im Jahr 2010 ohne Autorenangabe publizierten Text des Bayrischen Rundfunks, nachdem besagter Anderson auf der „Pariser Weltausstellung 1835“ ein Elektrofahrzeug vorgestellt haben soll. Schon bei dieser Formulierung kommen erste Zweifel, denn eine „Pariser Weltausstellung“, die als solches anerkannt wurde, hat es 1835 nicht gegeben. Möglicherweise ist hier eine Ausstellung der „Society for the Promotion of Arts, Manufactures and Commerce“ gemeint, die bereits ab 1757 derartige Veranstaltungen organisierte. Für alle drei Ereignisse (1832, 1835 und 1839) finden sich in den einschlägigen Onlinetexten kein weitergehender und vor allem qualifizierter Beleg (beispielsweise ein Hinweis auf eine Archiv-Akte oder ein wissenschaftliches Fachbuch), was unter anderem bei einem Beitrag von Mary Bellis offenbar zu der allgemeinen Aussage führte: „Between 1832 and 1839 (the exact year is uncertain), Robert Anderson of Scotland invented a crude electric-powered carriage.“

Nun hatte die bei Anderson an Bord befindliche Batterie einen kleinen Nachteil: Gemäß dem Blogbeitrag des Autors „Bobby“ auf „upsbatterycenter.com“ war diese nicht wieder aufladbar. Demnach handelte es sich also um eine Primärzelle und nicht um einen Akkumulator. Zudem soll er die Energie für seine selbst erfundene Batterie mit Rohöl erzeugt haben. An diesen beiden nicht weiter belegten Details merken wir schon, dass wir uns von unserer heutigen Vorstellung eines Elektroautos wieder ein klein wenig entfernen.

Machen wir uns also auf die Spurensuche in der Welt jenseits des Internets und schauen, welche Standardwerke überhaupt Auskunft über die Geschichte der Anfänge der Elektromobilität geben und ob sie die Pionierrolle von Anderson anerkennen oder zumindest erwähnen.

Wir nehmen die Spur auf über eine Dissertation von Thomas Meyer aus dem Jahr 2012, der die Elektromobilität aus soziologischer Perspektive betrachtete. Meyer nennt Thomas Davenport (1834) und Robert Davidson (1838), weist aber darauf hin, dass „zahlreiche Ingenieure in Deutschland, Holland, Schottland und den USA (…) bereits Anfang und Mitte des 19. Jahrhunderts erste Elektrofahrzeuge entwickelt und gebaut“ haben. Dankenswerterweise nennt uns Meyer mit den Autoren Michael Hereward Westbrook sowie Curtis D. und Judy Anderson zwei Werke, in denen mehr Details zu finden seien. Bei Meyer selbst erfahren wir aber schon vorweg, dass ein entscheidender Schritt bei der Entwicklung des Elektroautos durch David Salomons gelang, der 1874 erstmals einen Akkumulator einsetzte. Gemäß unserer Definition eingangs würden wir aber auch eine Primärzelle gelten lassen, so dass Anderson nach wie vor in Frage käme.

Im Werk von Westbrook ist tatsächlich von Anderson nicht die Rede, wohl aber von seinem Landsmann Robert Davidson, der jedoch im Zusammenhang mit der Jahreszahl 1837 genannt wird und nicht wie Meyer schreibt 1838. Und auch Albert Kloss, der in seinem 1996 erschienenen Buch „Elektrofahrzeuge vom Windwagen zum Elektromobil“ die Geschichte der Elektromobilität ausführlich beschreibt, kennt einen Robert Anderson nicht. Wiederum wird der Schotte Robert Davidson genannt und in diesem Zusammenhang heißt es: „Davidson war vermutlich der erste, der es schaffte, sowohl auf freiem Gelände wie auf Schienen mit seinem elektrischen Kraftwagen Personen zu befördern.“ An Ende des Buches führt Kloss zudem eine Zeittafel für „Batterie-Straßenwagen“ auf, in dem Davidson unter dem Jahr 1839 (nicht 1837 oder 1838) aufgeführt wird: „Zweipersonenwagen, Davidson, England“. Parallel zu seinen Aktivitäten auf der Straße experimentierte Davidson demnach auch auf der Schiene. So konnte seine Elektrolokomotive „Galvani“ (im Buch ist eine Zeichnung abgebildet) auf der Strecke zwischen Edinburgh und Glasgow eine Entfernung von drei Kilometern zurücklegen.

Ein Robert Anderson ist meinen weiteren Recherchen zufolge in der Fachliteratur nicht bekannt, auch nicht als Erfinder eines Elektromotors, deren Entwicklung im Vorfeld und parallel dazu ja eine Voraussetzung für ein Elektroauto ist. Somit bleiben drei Möglichkeiten: Erstens könnte es sein, dass die Fachwelt die Aktivitäten Andersons noch nicht aufgegriffen hat. Dann muss man sich allerdings fragen, warum die Online-Publikationen nicht weitergehende Quellen anführen. Denkbar ist zweitens auch eine Namensverwechslung mit Robert Davidson, der ebenfalls Schotte ist und wo die Jahre um 1839 eine Rolle spielen. Bleibt als dritte Möglichkeit ein ungeheuerlicher Verdacht: Robert Anderson ist ein erfundener Erfinder. Ob ein schottischer Zeitgenosse gerne einen Landsmann ganz vorne im Rennen um die Erfindung des Elektroautos sehen wollte? Solange also kein direkter Beleg publiziert wird, muss man hinter der Person von Robert Anderson noch ein großes Fragezeichen machen.

Literatur:

  • Michael Hereward Westbrook (2001): The Electric Car: Development and Future of Battery, Hybrid and Fuel-cell Cars. Institution of Electrical Engineers, Society of Automotive Engineers.
  • Thomas Meyer (2012): Elektromobilität. Soziologische Perspektiven einer automobilen (R)evolution. PL Academic Research.
  • Albert Kloss (1996): Elektrofahrzeuge vom Windwagen zum Elektromobil, Vde-Verlag.
  • Curtis D. Anderson, Judy Anderson (2010): Electric and Hybrid Cars. A History. Second Edition, Me Forland & Company, Inc. Jefferson, North Carolina.

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