11.11.2018: Rückblende (54) zum 11. November 1968 – Jugend-Demo beim großen St. Martinszug

V.l.: Bernd Lindmeyer und Peter Jobke vor der Pauluskirche nahe des Schlossplatzes, und somit am Ort des Geschehens.

(nob) In den Novembertagen des Jahres 1968 brach in Hückeswagen etwas an die Oberfläche. Es lag ein Aufbegehren in der Luft der bergischen Kleinstadt, so wie in der Gesellschaft der Bonner Republik vor 50 Jahren. Die Jugend und die Studenten des Landes standen körperlich wie geistig auf den Barrikaden, während die Welt wie so oft aus den Fugen zu geraten drohte. Und ein großer Teil der Eltern- und Großelterngeneration stand empört, irritiert und bisweilen hilflos daneben.

Empört, irritiert und hilflos waren auch die Teilnehmer und Zuschauer des Martinszugs am 11. November 1968, als den Kindern in einigem Abstand 80 bis 100 Jugendliche mit Protestplakaten folgten. Das schöne Traditionsfest mit dem wohltätigen Heiligen und den glücklichen Kindern: Gestört von einer Gruppe, die scheinbar wie aus dem Nichts in die öffentliche Wahrnehmung der Stadtgesellschaft einbrach. Wie konnte das nur passieren?

Ins Rollen kam die Sache ein paar Tage zuvor, als die Volkshochschule Hückeswagen (VHS) ihre Eröffnung mit einer Veranstaltung im Hofgarten feiern wollte, unter anderem mit der Kabarettgruppe „Floh de Cologne“. Sehr wahrscheinlich ohne vorherige Kenntnis der dargebotenen Inhalte hatte die VHS-Leitung eine Einladung ausgesprochen. Es folgte ein denkwürdiger Auftritt, bei der auch auf der Bühne ganz im Zeitgeist der immer freier werdenden Liebe dreimal das „F-Wort“ fiel. Der Skandal war perfekt und das ausgewählte bürgerliche Publikum entsetzt.

Schon kurz darauf setzte eine zunächst nicht-öffentliche politische Debatte ein, die vor allen in CDU-Kreisen zu Bestrebungen führte, die VHS-Leitung um den Pädagogen Martin Koenen abzusetzen. Die Kenntnis über diese Pläne drangen auch an die Ohren der Unterstützer der VHS und der Jugendlichen, die sich daraufhin zu der Protestaktion auf dem St. Martinszug entschlossen. Zeitzeuge Peter Jobke, damals Teil der Jugendbewegung: „Praktischerweise demonstrierten wir direkt auch gegen den Vietnamkrieg, den Einmarsch in die CSSR und gegen die Notstandsgesetze.“

Als dann der BM-Journalist Theo Dörpinghaus in seinem Bericht über den Martinszug die Demo in einem Nebensatz erwähnte, erkennbar im Bestreben, die Sache auf kleiner Flamme zu kochen, war die Büchse der Pandora geöffnet: Es folgte eine Anzahl von Leserbriefen, bei denen von Mal zu Mal mehr Details zum Auftritt der Kabarettgruppe, zu den Ereignissen beim Martinszug und der politisch internen Diskussion ans Licht kam. Nach übereinstimmenden Aussagen stießen die jungen Demonstranten auf eine Mauer der Ablehnung, da auch viele Eltern über die Störung verärgert waren. Bezeugt ist auch, dass ihnen Protestplakate weggerissen wurden. Ob es tatsächlich auch Repressalien durch Polizei und Zuschauern in Form von Tritten und Beinstellen gab, ist nicht abschließend geklärt. Die Diskussion in der CDU mündete schließlich in einer scharfzüngigen und polemischen öffentlichen Rede von Alfons Koppelberg, die den Kampfparolen der auf den Barrikaden stehenden in nichts nachstand. Die anschließende Resolution der Fraktionsführung zur Absetzung von Koenen wurde aber von moderaten Mitgliedern, zu denen auch Peter Biesenbach gehörte, gestoppt. Die Welle der Empörung ebbte schließlich ab und die VHS-Führung blieb im Amt. Neu waren nun jedoch Wunden einer Kleinstadt-Gesellschaft zu Beginn einer politischen Zeitenwende.

Zwei Zeitzeugen erinnern sich

Viele der jungen Menschen, die damals als Protestler dem Martinszug hinterher gelaufen sind, haben heute das 60. Lebensjahr überschritten. Zu ihnen gehören der heute in Kürten lebende Peter Jobke und der Hückeswagener Bernd Lindmeyer. Die damaligen Ereignisse im Kontext der 68er-Bewegung, so die übereinstimmen-den Aussagen, hatten beide ganz entscheidend geprägt. „Ich behaupte, dass keine Generation nach uns politischer war“, zeigt sich Lindmeyer überzeugt. Dieses Politisch sein äußerste sich unter anderem darin, dass Jobke gemeinsam mit Lindmeyer und anderen den „Politischen Arbeitskreis Hückeswagen“ gründete. In seiner Ausrichtung stand dieser ganz eindeutig links von der SPD: „Wir, das waren Schüler und Lehrlinge, ein paar gestandene Altkommunisten mit KZ-Erfahrung, ADFler (Anmerkung: Mitglieder der kurzlebigen, kommunistisch geprägten Partei „Aktion Demokratischer Fortschritt“) und DFUler (Anmerkung: Deutsche Friedens-Union, eine linke Sammlungsbewegung und Kleinpartei, die später durch die SED der DDR beeinflusst wurde), Lehrer und Gewerkschafter“, beschreibt Jobke die Zusammensetzung.

Getroffen hatte man sich in Hinterzimmern diverser Kneipen oder später im alten Arbeitsamt. Für Lindmeyer, der genauso wie Jobke die Realschule besuchte, war besonders sein Lehrer Heinrich Bode prägend. „Vormittags stand er vor der Klasse, abends dann war er im Arbeitskreis Diskussionspartner auf Augenhöhe. Das hat mir imponiert“, erinnert er sich.

So standen sie sich also gegenüber: Einerseits die klassische Kleinstadt-Gesellschaft mit den Parteien CDU, SPD und FDP, den Kirchen und auch der fest im Gefüge befindlichen Presse, die – von einigen Ausnahmen abgesehen – allesamt damit beschäftigt waren, die NS-Zeit aus ihren Köpfen zu verdrängen. Andererseits eine Gruppe Versprengter, die entflammt durch die Studentenbewegung begann, ihre Elterngeneration in gut (Nicht-Nazi) und schlecht (Nazi) einzuteilen. Nebenbei postulierten sie ein neues politisch verklärtes Ideal. Dieses Lebensgefühl beschreibt Jobke wie folgt: „Für mich war die zweite Hälfte der 60er-Jahre postpubertärer Protest und Identitätssuche zwischen Ideal und Wirklichkeit“. Und der Lindlarer ergänzt: „Gehe ich heute mal durch die Islandstraße, hoffe ich – wahrscheinlich vergeblich – dass die Jugend dort heute mehr Rechte der Mitbestimmung hat, als wir, die wir gelangweilt vor Valenti (Anmerkung: Eiscafé am Wilhelmsplatz) saßen.“ Ein wenig optimistischer beurteilt Bernd Lindmeyer den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte: „Aus heutiger Sicht waren die Ereignisse um den 11. November für mich trotz allem mehr als ein „Sturm im Wasserglas“, spiegelten sich doch auch im kleinen beschaulichen Hückeswagen gesellschaftliche und politische Umwälzungen ab, die letztlich die gesamte Bundesrepublik erfasste und Gott sei Dank veränderte.“

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 10.11.2018.

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