18.11.2018: Rückblende (55) zum 18. November 1653 – Leutnant Jungbluth erobert mit 25 Soldaten das Schloss

Der Reiter links soll den Leutnant Jungbluth darstellen im Festzug 1935. Quelle: Stadtarchiv Hückeswagen

(nob) Es gibt Ereignisse in der Hückeswagener Geschichte, die sind so fern der Gegenwart, dass wir deren Hintergründe kaum noch richtig einordnen können. Ein solches geschah am 18. November 1653, als ein gewisser Leutnant Jungbluth, der in Diensten des jülich-bergischen Regenten Phillip Wilhelm von Pfalz-Neuburg stand, mit 25 Männern über Sturmleitern in das mit gerade einmal fünf Wachen gesicherte Schloss eindrang. Als eventuelle Verstärkung hatten sich sicherheitshalber weitere 100 Soldaten anderthalb Marschstunden entfernt postiert.

Seit diesem Vorfall wabert besagter Leutnant als prominente Gestalt durch die Ortsgeschichte. Beispielsweise wurde er beim historischen Festumzug zur 850-Jahr-Feier im Jahr 1935 von einem Laienschauspieler hoch zu Pferd dargestellt (siehe Bild), der dann gemeinsam mit anderen historischen Persönlichkeiten an der jubelnden Zuschauermenge vorbeizog.

Versuchen wir, uns einmal in die komplizierte Gemengelage des 17. Jahrhunderts hineinzuversetzen: Der Dreißigjährige Krieg wurde 1648, also fünf Jahre vor dem Schloss-Sturm, durch den Westfälischen Frieden beendet. Weite Landstriche waren verwüstet. Historiker schätzen, dass bis zu 40 Prozent der Landbevölkerung von Krieg und Seuchen dahingerafft wurden. Auch die Hückeswagener Bevölkerung hatte schwer zu leiden. Zwischen 1618 und 1648 kam es zu vielfachen Einquartierungen von Soldaten durchziehender Heere. Diese mussten versorgt und vor dem Weiterziehen mit frischen Pferden ausgestattet werden. Hinzu kamen Abgaben an den Territorialherren für seine Kriegskasse. Seit 1631 gehörte Hückeswagen mit Schloss, Freiheit und Kirchspiel dem Grafen Adam von Schwarzenberg, der es als „bergisches Mannslehen“ erwarben. Das heißt, er musste seinem Lehensgeber militärische Dienste leisten und erhielt im Gegenzug ein vom Herzogtum Jülich-Berg de facto abgetrenntes Territorium inklusive aller wirtschaftlichen Einnahmemöglichkeiten. Lediglich einige Steuereinnahmen und die Vertretung nach außen bei den Reichsständen verblieben beim Landesherrn.

Das Hückeswagener Territorium wurde fortan zum Zankapfel zwischen den Grafen von Schwarzenberg und dem Herzog von Jülich-Berg, da trotz abgeschlossener Verträge insbesondere die Steuer- und Abgabenfrage immer wieder zu Zwist führte. Im Jahr 1639 kam es beinahe zu einem bewaffneten Konflikt, weil der jülich-bergische Regent seinen Ansprüchen folgend kurzerhand Vieh in der Schloss-Stadt konfiszierte. Darüber hinaus nahm er Gefangene, die er mitsamt dem Vieh nach Düsseldorf bringen ließ. Im letzten Moment jedoch wurde ein Vergleich geschlossen und ein Kampf verhindert.

1641 starb Adam von Schwarzenberg, als Regent folgte sein Sohn Johann Adolf. Als auch der bergische Herrscher Wolfgang Wilhelm 1653 starb und sein Sohn Phillip Wilhelm von Pfalz-Neuburg die Regentschaft im Herzogtum übernahm, änderte letztgenannter die Politik und versagte den von seinem Vater abgeschlossenen Vergleich die Anerkennung. Aus seiner Sicht galt es nun, Hückeswagen mit Gewalt zurückzuholen, was dann mit dem Überfall geschah. Tatsächlich konnte sich Phillip-Wilhelm in der Schloss-Stadt festsetzen, was dann mit einem weiteren Vergleich 1675 endgültig besiegelt wurde. Die Schwarzenberger Herrschaft war zu Ende.

Info: Weitergehende Informationen zu diesem Vorgang finden sich im Standardwerk von Waldemar Harleß „Zur Geschichte von Amt und Freiheit Hückeswagen“ aus dem Jahr 1890. Der Bergische Geschichtsverein hat Mitte der 2010er-Jahre einen umfangreichen Doppelband herausgegeben, in dem die bergische Territorialgeschichte von Historikern detailliert und mit umfangreicher Zitation auf den neuesten Stand gebracht wurde.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 20.11.2018

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