29.10.2018: Rückblende (53) zum 29. Oktober 1868 – Dienstjubiläum von Pfarrer Giesen wird groß gefeiert

Pfarrer Giesen, Foto Nachlass Paffrath, Stadtarchiv.

(nob) Wenn der Rauch von Kanonen durch eine Kleinstadt des 19. Jahrhunderts wabert und dazu noch der Donner der Geschütze die Menschen morgens aus den Betten wirft, ist das normalerweise kein gutes Zeichen. „Ist denn wieder Krieg?“, mögen sich so manche Uninformierte gefragt haben. Mitnichten war Krieg, vielmehr feierte Pfarrer Johann Peter Heinrich Giesen sein 25-jähriges Pfarrjubiläum.

Am 29. Oktober 1868 wird dieser Jubeltag in Hückeswagen groß gefeiert. Ein ausführlicher Bericht des Lenneper Kreisblatts, dessen Umfang für ein lokales Ereignis zu dieser Zeit eher ungewöhnlich ist, widmet sich diesem Geschehen. Schon am Abend des 28. Oktober begannen die Feiern mit einem Fackelzug. Dabei gebraucht der Verfasser des Artikels die Formulierung „eine große Anzahl seiner Verehrer“, womit wir einen weiteren Hinweis auf den Status dieses Mannes in der Stadt erhalten. Auch die zahlreichen weiteren Berichte vor und nach dem Jubiläum künden von der enormen Beliebtheit des Geistlichen.

Am Festtag selbst leiteten dann die schon beschriebenen Kanonenschläge die weiteren Feiern ein. Es folgte zunächst ein Gottesdienst in Form eines Hochamtes. Giesen wurde dabei mit einem Umzug von der Schuljugend in die Kirche geleitet. Nach dem Hochamt ging es dann in einem Festzug zur Schule, wo Ehrengeschenke überreicht wurden. Besonders betont wird im Bericht die Gratulation der Armen und Kranken des Marienhospitals, das von Giesen 1866 gegründet und eingerichtet wurde.

Nach den Gratulationen in der Schule erfolgte ein Festdiner im Hotel Königs mit 150 Gästen. Zum damaligen Zeitpunkt war das Hotel ein wichtiger Treffpunkt in der städtischen Gesellschaft.

Die große Beliebtheit von Johann Peter Heinrich Giesen erklärt sich in Teilen auch aus seiner Biografie. Als Geistlicher war er ein Seiteneinsteiger. In Hückeswagen wurde er am 28. September 1797 geboren. Ursprünglich lernte er das Gewerbe des Tuchmachers. Im Alter von 27 Jahren fand er noch Aufnahme in eine Schule, um mit 32 Jahren das Abitur zu machen. Es folgte eine vierjährige theologische Ausbildung. 1833, im Alter von 36 Jahren, wurde er Pfarrverwalter in Cronenberg, wo er sich auch den Rufnamen „dä Bettelpastur“ (der Bettelpastor) erwarb. Seine Beharrlichkeit in Sachen Geldeintreiben für die Belange der Kirche stellte er ab November 1843 auch in Hückeswagen unter Beweis, wo er zum Pastor der katholischen Gemeinde ernannt wurde. Für das Marienhospital sammelte er unermüdlich Geld und wurde sogar überkonfessionell tätig, in dem er Hauskollekten und Lotterielose auch an die Protestanten verkaufte. Giesen war in der Schloss-Stadt auch als Schulpfleger tätig und Mitgründer des „Katholischen Gesellenvereins zu Hückeswagen e.V.“, der heute Kolpingsfamilie Hückeswagen heißt.

Als krönender Abschluss des Festtages erhielt Giesen den preußischen Verdienstorden „Roten Adlerorden der IV. Klasse“.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 29.10.2018

01.04.2018: Rückblende (32) zum 1. April 1868 – In Herweg wird ein Nebengebäude für die Landschule errichtet

Die ehemalige Schule Herweg am 8.3.2018. Foto: N. Bangert.
Die ehemalige Schule Herweg am 8.3.2018. Foto: N. Bangert.

(nob) Die ehemalige Schule Herweg, dessen Kerngebäude 1816/17 errichtet wurde, war wohl die renommierteste Landschule auf dem heutigen Stadtgebiet. Zu verdanken hatte sie diesen Ruf dem Lehrer Heinrich Wilhelm Dortkampf, dem seine Schüler noch viele Jahre nach seinem Tod (1863) ein Denkmal gesetzt hatten. Unter seiner Leitung von 1843 bis 1862 blühte die Schule derart auf, dass Schüler nicht nur aus den benachbarten Schulbezirken, sondern sogar aus Rheinland und Westfalen zu ihm geschickt wurden. Noch heute ist das gut erhaltene und ansehnliche Gebäude in Neuenherweg zu bestaunen, wo sich auch das Denkmal des Dorflehrers befindet.

Ein wichtiger Schritt, die eine der Grundlagen für den späteren Bedeutungszuwachs bildete, war der Bau eines Nebengebäudes im Jahr 1868. Nur in einem Gebäude, das den damaligen Anforderungen einigermaßen gerecht wurde, konnte auch ein guter Unterricht gedeihen. In der Ausgabe vom 1. April 1868 des Lenneper Amtsblattes heißt es wörtlich: „Zu Herweg sollen ein Schulhaus-Anbau, sowie ein neues Stallgebäude, verbunden mit einer Retirade erbaut – und die zu 1600 Thlr. veranschlagte Arbeiten im Wege der öffentlichen Submission vergeben werden. Die Vergantungs-Bedingungen nebst Plänen und Kosten-Anschlägen liegen im Amtslokale des Unterzeichneten zur Einsicht offen. Unternehmungslustige wollen ihre schriftlichen Offerten versiegelt bis spätestens Montag den 6. k. Mts. bei mir einreichen. Die Eröffnung der eingegangenen Offerten findet am Dienstag, den 7. k. Mts. April, Vormittags 10 Uhr, in meinem Amtslokale statt. Hückeswagen, den 27. März 1868. Der Bürgermeister Wirth.“

Die Ausschreibung zeigt sehr schön, wie sich innerhalb von 150 Jahren Sprache verändern kann. Mit „Retirade“ ist eine Toilette gemeint, eine „Submission“ ist das veraltete Wort für eine Ausschreibung und „Vergantungs-Bedingungen“ sind die Konditionen für die Vergabe des Auftrages nach den Prinzipien des Höchstgebotes. Und mit „Unternehmungslustigen“ sind nicht etwa vergnügungssüchtigen Wochenendausflügler gemeint, sondern mögliche Auftragnehmer.

Die Bezeichnung „Hückeswagen“ in dieser Ausschreibung ist schlichtweg ein Irrtum. Julius Wilhelm Wirth war 1868 Bürgermeister von Neuhückeswagen, wie die Landgemeinde bezeichnet wurde, und nicht der Stadtgemeinde Hückeswagen. Das „Amtslokal“, von dem die Rede ist, befand sich im heutigen Gebäude Rader Straße, wo sich einst die Verwaltung der Landgemeinde befand.

18 Jahre nach der Errichtung des Nebengebäudes fand dann die entscheidende Erweiterung statt: 1886 wird die Nutzfläche des Schulgebäudes verdoppelt. Noch bis 1966 dauerte der Schulbetrieb in Neuenherweg an, 1971 kaufte dann der Stuckateur Karl-Heinz Reich das Haus und wandelte es in ein Wohnhaus um.

Info: Über die Schule Herweg, das Gebäude und das Denkmal liegen mehrere Aufsätze und Veröffentlichungen vor, u.a. im Jubiläumsbuch „900 Jahre Hückeswagen“, Leiw Heukeshoven Nr. 39 (Hella Krumm: Das Dortkamp-Denkmal in Herweg) und Zusammenfassungen und Materialien von Karl-Heinz Reich.

URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/in-herweg-wird-ein-nebengebaeude-fuer-die-landschule-errichtet-aid-1.7494165, erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 5. April 2018.

20180405-bm-rueckblende-neues-nebengebaeude-der-schule-herweg