27.12.2017: Rückblende (23) zum 27. Dezember 1917 – Als Rodeln verboten war

Die Original-Anzeige des Rodelverbotes am 28.12.1917 in der Bergischen Landeszeitung.
Die Original-Anzeige des Rodelverbotes am 28.12.1917 in der Bergischen Landeszeitung.

(nob) Der Volksmund sagt, je weniger der Mensch den Schnee mag, desto älter ist er. Und in der Tat: Während Kinder die weiße Pracht lieben, verdammt so mancher Erwachsene jede einzelne Flocke. Doch die Verordnung, die am 27. Dezember 1917 in Hückeswagen von Bürgermeister Ludwig van Spankeren erlassen wurde, ist auf den ersten Blick ein Hammer. So lautet die Bekanntmachung im Wortlaut:
„Die durch das Rodeln hervorgerufene Glätte birgt in der heutigen Zeit, in der die Straßen wenig oder gar nicht beleuchtet werden dürfen, namentlich abends eine noch größere Gefahr für Fußgänger und Fuhrwerke in sich, als dies ohnehin schon der Fall ist. Diese Gefahr wird noch vergrößert dadurch, daß Verhinderungsmaßnahmen städtischerseits durch Bestreuen mit Asche, Sand oder Viehsalz nicht in den erforderlichen, unter anderen Umständen immer angewandten Umfange möglich sind. Ich mache deshalb erneut auf das bestehende Verbot des Rodelns auf sämtlichen öffentlichen Straßen und Plätzen der Stadt aufmerksam, und habe die Polizei-beamten angewiesen, alle wahrgenommenen Übertretungen unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen. Auch behalte ich mir vor, bei vorkommenden Unglücksfällen die Beteiligten für die der Stadt geltend gemachten Schadensersatz-Ansprüche haftbar zu machen.“

Nun wissen wir aus zeitgenössischen Schilderungen, wie groß die Not zur damaligen Zeit in Hückeswagen war. In einer BM-Rückblende vom August wird beschrieben, wie Polizisten sogar die Tischdecken aus den Gaststätten wegpfänden und welches Elend der evangelische Pfarrer Friedrich Julius Stiehl seelsorgerisch bewältigen musste. Und tatsächlich, diese Verordnung bestätigt diesen Zusammenhang, ohne jedoch das Kind beim Namen zu nennen. Die Grenze zwischen Klage und Unpatriotismus war eben fließend.

Gleich zu Anfang wird Bezug genommen auf „die heutige Zeit“, in der auf das Beleuchtungsverbot hingewiesen wird. So sei es dadurch nicht nur dunkel, sondern auch noch glatt. „Unter anderen Umständen“, so heißt es weiter, würde man das Streuen immer im erforderlichen Umfang durchführen. „Nur eben nicht unter den gegebenen“, lautet die gedankliche Fortsetzung.

Damit ist klar: Der Erste Weltkrieg bindet auch in Hückeswagen wichtige Ressourcen der kommunalen Daseinsvorsorge. Und letztendlich war es schon damals auch eine Haftungsangelegenheit, wie man dem letzten Absatz entnehmen kann.

Nun werden sich auch 1917 die Eltern gefragt haben: Rechtfertigen diese Umstände wirklich ein Verbot für die Kinder zum Rodeln? Wir sollten nicht zu hart urteilen, denn es waren andere Zeiten und wir im technisierten und (für uns) friedlichen 21. Jahrhundert haben gut reden. Aber eines wird nicht anders gewesen sein als heute: Die Freude der Kinder beim Rodeln und das Unverständnis, wenn der Schutzmann mit einer Zurechtweisung um die Ecke kommt.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 27. Dezember 2017, URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/als-das-rodeln-verboten-war-aid-1.7286430

20171227-rueckblende-das-rodelverbot-von-hueckeswagen-im-jahr-1917

01.08.2017: Rückblende (7) zum 1. August 1917- Heute vor 100 Jahren – Pfarrer Stiehl und die Not im Kriegsmonat August

Friedrich Julius Stiehl (1879-1925)
Friedrich Julius Stiehl (1879-1925)

(nob) Gerade will der Gastronom einer kleinen Hückeswagener Pension den Frühstückstisch für die Gäste decken, da klopft es laut an der Tür. Und dann stehen die Gendarmen auch schon im kleinen Gästesaal. Ohne große Worte, mit grimmigem Blick und mit der Verordnung des Reichsbekleidungsamtes in einer der Jackentaschen werden die gesamten Bestände an Bettwäsche und Tischdecken kurzerhand beschlagnahmt. Zurück bleibt der hilflose Betreiber.

Wir wissen nicht genau, welcher Gasthof es war, von der Beschlagnahmung jedoch berichtete die Bergische Volkszeitung (BVZ) am 29. August 1917 in einer knappen Meldung. Es ist einer von vielen Berichten im August vor 100 Jahren, die die pure Not während des Ersten Weltkriegs beschreiben – einem seit drei Jahren tobenden irrwitzigen Stellungskrieg, der unzähligen Menschen das Leben gekostet hatte.

Die Reichsbranntweinstelle rationierte den Brennspiritus, die Gasanstalten mussten dafür sorgen, dass nicht so viel Gas verbraucht wird. Ein Artikel der BVZ vom 24. August 1917 warnte die Hausfrau mit hilfreichen Tipps vor dem vergeblichen Einkochen, weil die Gummiringe, mit der die Einmachgläser normalerweise abgedichtet werden, entweder in schlechter Qualität oder gar nicht mehr geliefert wurden.

Die Beispiele für dieses alltägliche Elend auch in der Schloss-Stadt ließe sich ohne Probleme ausweiten. Es gibt einige Menschen, die wollten, so gut sie konnten, Abhilfe schaffen. Sie stemmten sich der vielfachen Verzweiflung in den Familien entgegen. Einer von ihnen war der evangelische Pfarrer Friedrich Julius Stiel (1879-1925). Am 1. November 1906 kam der studierte Geistliche, der die Universitäten in Halle, Tübingen und Bonn absolvierte, als Vikar nach Hückeswagen.

Im Juni 1907 wurde er von der Gemeinde einstimmig zum neuen Pastor gewählt; sein Amt hatte er bis zu seinem Tod im Jahr 1925 inne. Im Kriegsmonat August 1917 war er als Schriftführer für den „Vaterländischen Frauenverein Hückeswagen-Neuhückeswagen“ tätig. Für seinen Einsatz und das unermüdliche Einsammeln von Spenden für die Ärmsten erhielt der Pastor schließlich am 27. August 1917 das Verdienstkreuz für Kriegshilfe.

Ein weiteres Beispiel für einen Menschen, der mit Sicherheit sein Bestes getan hat, ist Schwester Ositha, Oberin des Marienhospitals. Sie erhielt die „Rote-Kreuz-Medaille allerhöchst“. Wie verzweifelt die Schwester angesichts des Elends im Hospital gewesen sein muss, erfahren die Leser in den kurzen Schilderungen nicht. Was heutzutage als Fernsehkonsumenten im Gedächtnis bleibt, sind die vielen medial aufbereiteten Bilder jener vergangenen Tage von den Schlachten in Verdun und anderswo. Über Pfarrer Stiehl, die Schwester Oberin und andere hingegen hat sich längst wieder der Mantel des Vergessens gelegt.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 1. August 2017 unter der URL:
http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/pfarrer-stiehl-und-die-not-im-kriegsmonat-august-1917-aid-1.6983302

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