17.05.2018: Rückblende (37) zum 17. Mai 1943 – Bomben fallen auf die Bevertalsperre

(nob) Wenn der ehemalige Rektor Wilhelm Stuckmann in seiner Zeitzeugen-Chronik des Zweiten Weltkrieges schreibt, dass viele Hückeswagener Familien am 17. Mai 1943 ein „herrliches Fischgericht“ auf dem Tisch hatten, dann ist ein gewisser Galgenhumor unverkennbar. Denn die Zeiten vor 75 Jahren waren alles andere als vergnüglich.

Bei einem Fliegerangriff in der Nacht zuvor waren Bomben auf die Talsperre geworfen worden. Die Städtische Chronik berichtet von genau zwei Bomben, die eingeschlagen sind. Zwar blieb die Staumauer unbeschädigt und Menschen kamen auch nicht zu Schaden, jedoch wurde der Fischbestand stark in Mitleidenschaft gezogen. „Die Wasseroberfläche war mit Fischen bedeckt“, berichtet Stuckmann. Trotzdem waren die Fische offenbar genießbar.

Das Ereignis hatte noch eine weitere Folge: Noch am gleichen Tag wurde „leichte Flak“ an die Talsperre verlegt, um weiteren möglichen Angriffen nicht vollkommen wehrlos ausgesetzt zu sein. Später dann wurde das Personal durch Aushilfspolizisten ersetzt.

Doch warum nahmen die alliierten Kampfverbände überhaupt die Bevertalsperre ins Visier? Auf der Casablanca-Konferenz am 21. Januar wird die Direktive für eine „gemeinsame Bomberoffensive“ der westlichen Alliierten USA und Großbritannien gegen das Deutsche Reich verabschiedet. Der Angriff auf die Talsperre ist mutmaßlich Teil einer Aktion, die in der Kriegsgeschichte unter dem Namen „Operation Chastise“ (dt.: „Züchtigung“) bekannt wird und zum Ziel hatte, Staumauern von Talsperren in Hessen und dem späteren Nordrhein-Westfalen durch eine spezielle Staffel der Royal Air Force anzugreifen. Das Bild der zerstörten Edertalsperre, bei dem ein großes Stück aus der Mauerkrone herausgesprengt wurde, ist ins kollektive Bildergedächtnis der Deutschen übergegangen. Die überregionalen Kriegschroniken berichtet zwar nicht über einen geplanten oder stattgefunden Angriff auf die Bevertalsperre, doch das Datum ist mit Sicherheit kein Zufall.

Der britische Premierminister Winston Churchill geht in einer Rede am 8. Juni 1943, also knapp einen Monat nach dieser Operation, nochmal in einem Propaganda-Flugblatt auf die Motivation der Bombenabwürfe ein, damit Ursache und Wirkung nicht verdreht werde: „Der Feind stimmt jetzt ein lautes Wehgeschrei darüber an, dass diese Form der Kriegsführung, durch die er selbst die Weltherrschaft zu erlangen gedachte, sich so entschieden zu ihrem Nachteil gewendet hat.“ Rektor Wilhelm Stuckmann beklagt in seiner Chronik, dass 1943 im zunehmenden Maße „die schönen deutschen Städte in Schutt und Asche gelegt werden“. Alleine in Hückeswagen gab es 34-mal Luftalarm und an 55 Gebäuden entstanden Schäden. Fünf Menschen kamen ums Leben, 14 Kühe und ein Pferd verendeten nach Bränden.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 17. Mai 2018, URL: https://rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/grosses-fischsterben-nach-bombenangriff-auf-die-bever-talsperre_aid-22686049

05.01.2018: Rückblende (24) zum 5. Januar 1943 – 75. Todestag des „Rosenprofessors“ Ewald Gnau

v.l.: Rosenzüchter Peter Lambert und Prof. Ewakd Gnau in Sangerhausen.
v.l.: Rosenzüchter Peter Lambert und Prof. Ewald Gnau in Sangerhausen.

(nob) Bereits des Öfteren wurde in den letzten Jahrzehnten der gebürtige Hückeswagener Ewald Gnau gewürdigt. Über das Leben des Rosarium-Gründers in Sangerhausen schrieben Dr. Peter Bode, Carola Lepping, Arno Paffrath und weitere Autoren aus der Schloss-Stadt. Zu Anfang der Betrachtung stand immer der Umstand, dass der Rosenexperte von Weltruf am 1. März 1853 in einem Haus an der Marktstraße geboren wurde. Die ersten 16 Lebensjahre verbrachte er in Hückeswagen, um dann nach dem Abitur mit einem Stipendium ausgestattet an die Universitäten in Straßburg und Berlin Mathematik, Botanik und Physik zu studieren. Es begann seine Karriere als Akademiker und Rosenzüchter.

Nur vereinzelt thematisiert jedoch wurden seine letzten Lebensjahre. Zwei Jahre vor Ende des Zweiten Weltkriegs, am 5. Januar 1943, starb Ewald Gnau im Alter von 89 Jahren. Was wissen wir nun über die Umstände seines Todes und die unmittelbare Zeit davor?

37 Jahre lang lehrte er am Gymnasium Sangerhausen. 1921 wurde Gnau pensioniert, jedoch schon neun Jahre zuvor erkrankte er an Gelenkrheumatismus. Es folgten noch schaffensreiche Jahre am Rosarium, bevor für Gnau ein Leidensweg begann. Seine Tochter Gela Tepelmann-Gnau spricht diesen Wendepunkt deutlich an, während sich das 2003 erschienene Jubiläumsband „100 Jahre Rosarium Sangerhausen“ in die Floskel „Rückzug aus politischen Gründen“ flüchtet. Tepelmann-Gnau: „Dann kam das Jahr 1933, dass unserem Vater wohl die größte Enttäuschung seines Lebens brachte. Er verweigerte die Gleichschaltung (Anm.: durch die Nationalsozialisten) und verzichtete auf eine weitere Mitarbeit.“ Der im Jahr 1924 ernannte Ehrenbürger von Sangerhausen wird also 1934, ein Jahr nach der Machtergreifung Hitlers, politisch kaltgestellt. Dem Trägerverein des Rosariums, seinem Lebenswerk, musste er fernbleiben.

Seine Tochter führt weiter aus, dass er diese Zurücksetzung dennoch habe meistern können. Immerhin hatte man für den verdienten Bürger später noch die Verleihung der Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft an seinem 90. Geburtstag vorgesehen, eine vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg 1932 gestiftete Auszeichnung (nicht zu verwechseln mit der Auszeichnung des Goethe-Instituts). Doch er sollte es nicht mehr erleben, wenige Wochen zuvor starb Gnau. Die Trauerfeier fand am 13. Januar 1943 im Sangerhäuser Gymnasium statt. Erwähnenswert ist dies deshalb, weil in einem Nachruf seiner Schule zu dieser Gelegenheit Zeilen aus einem Goethe-Brief zitiert wurden, die sowohl Lepping als auch Paffrath in ihren Texten aufgriffen. Der Gartenfreund Goethe schrieb bei einen seiner vielen Reisen durch Europa:

„Bringt mich wieder nach Hause,
Was hat ein Gärtner zu reisen?
Ehre ist es und Glück,
Wenn er sein Gärtchen besorgt“.

(zitiert nach Johann Wolfgang von Goethe, in: Poetische und prosaische Werke: in zwei Bänden, Band 1, Cotta 1837, S. 214.)

 

Artikel erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 5. Januar 2018. URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/rosenprofessor-ewald-gnau-stirbt-am-5-januar-1943-aid-1.7301260

20180105-bm-rosenprofessor-ewald-gnau-stirbt-am-5-januar-1943