Elektromobilitäts-Geschichte(n) – Ausgabe Januar 2019 – Spannendes aus der Familiengeschichte um 1900: Mein Ur-Großvater als Wegbereiter der Elektromobilität

Abbildung aus einem Jubiläumsband der Firma Gottfried Hagen, S. 46.

(nob) Die Pionierzeit der Elektromobilität um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert ist mittlerweile zu einer Epoche ohne Zeitzeugen geworden, so dass wir bei der Erforschung auf öffentliche und private Archive angewiesen sind. Umso erfreulicher ist es für einen Historiker, wenn neben dem Interesse für den Untersuchungsgegenstand auch noch ein familiärer Bezug hinzukommt. So geschehen im August 2011, als ein Brief von meinem Großcousin Horst Eßwein und seiner Frau Anna Josefine bei mir einging. Dabei handelte es sich um die Antwort auf eine Frage zur Familiengeschichte. Mir war aufgefallen, dass mein Uropa Johannes Eßwein und seine Familie offenbar vielfach umgezogen und herum gekommen ist, da fast jedes der fünf Kinder an einem anderen Ort zur Welt kam, die zudem weit auseinander lagen. Und in dem Brief erfuhr ich nun des Rätsels Lösung. Zitat: „Unser Großvater Johannes war bei der Firma Gottfried Hagen in Köln beschäftigt, die seit 1884 Akkumulatoren herstellte. 1904 gründete sie ein Automobilwerk welches Elektroautos herstellte und auch selber vertrieb. Unser Großvater war dort Werkmeister und hat für die Firma Vertretungen oder Niederlassungen in mehreren Städten aufgebaut. Das war auch der Grund, warum alle 5 Kinder in verschiedenen Orten geboren wurden.“

Mein Ur-Großvater baute Elektroautos! Wer kann das schon von seinen Vorfahren aus dieser Zeit behaupten? Zunächst verschwand diese aus damaliger Sicht schon interessante Randnotiz der Familiengeschichte in der Ablagemappe „Ahnenforschung, später mal zu bearbeiten“. Aber schon damals organisierte ich mir das Buch von Johannes Baptist Scherer über die Firma Gottfried Hagen aus dem Jahr 1953. Ich wollte schließlich wissen, was das für eine Firma war. Heute, im Jahr 2019 ist diese Randnotiz urplötzlich wieder aktuell. Vor acht Jahren konnte ich noch nicht wissen, dass ich einmal eine monatliche Essay-Reihe „Elektromobilitätsgeschichte(n)“ schreiben werde. Aber schon vor der ersten Folge im November 2018 war mir klar: Das wird ein Thema werden. Nun ist es also an der Zeit, einen Blick auf die Geschichte der Firma zu werfen.

Das Unternehmen „Gottfried Hagen Aktiengesellschaft“ ist aus einer Metallhandlung hervorgegangen, die von dem Kaufmann Franz Josef Hagen im Spätherbst 1827 in Köln gegründet wurde. Lange Zeit stand der Metallhandel im Fokus. Als dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Elektrizität aus den Laboren in die realen Lebenswelten eindrang, war Gottfried Hagen, ein Nachfahre des Firmengründers, mit von der Partie. Er wagte sich als Verantwortlicher eines Blei verarbeitenden Unternehmens auf das Gebiet der Akkumulatoren, die damals auch einfach „Stromsammler“ genannt wurde. Er begann 1884 mit der Herstellung von Elektroden, wobei auch Bleiplatten und Bleigitter benötigt wurden. Diese fertigte er im Auftrag der Firma „Electriciteits-Maatschappij, System de Khotinsky“ aus Rotterdam. Gottfried Hagen bekam dabei kräftige Unterstützung durch einen weiteren Werksmeister namens Carl Beyer, der sich um die Verbesserung der „Khotinsky-Stromsammler“ bemühte, die nach einem russischen Erfinder und Unternehmer benannt wurden. Beyer erfand schließlich ein neues Elektrodengitter und eine dafür benötigte Gießform. Beide Produkte wurden entsprechend auch patentiert. Die auftraggebene Gesellschaft in Rotterdam lehnte jedoch diese Verbesserungen ab und begann auf deutschem Gebiet mit der Niederlassung eigener Werke. Grund genug für Hagen, die patentierten Produkte nun auf eigene Rechnung herzustellen. 1890 wurde daher der Elektriker und Akkumulatorenfachmann Dr. Erich Sieg eingestellt und ihm die Leitung des Geschäftszweiges übertragen. Der Aufbau der Firma erfolgte in Köln-Kalk, wohin die Firma Hagen kurz zuvor umgezogen war. Härtester Konkurrent war in dieser Zeit die „Accumulatorenfabrik Aktiengesellschaft“ in Hagen (Westfalen), die im Besitz der Lizenz für ein Patent des Erfinders Camille Alphonse Faure war, und das grundlegend für den Akkumulatorbau war. Es kam zu Rechtsstreitigkeiten mit negativem Ausgang für Gottfried Hagen, so dass man sich auf den Lizenzbau beschränken musste. Da das Patent aber 1896 auslief, endete auch der Vertrag und man war wieder ungebunden.

Die Entwicklung der Akkumulatorentechnik ging weiter und es wurden neue Einsatzgebiete erschlossen. Ab 1895 erfolgten erste Aufträge von Eisenbahnbetrieben, beispielsweise den badischen Staatsbahnen. 1900 wurden dann Kleinakkumulatoren für Kraftfahrtzeuge mit Verbrennungsmotor benötigt. Um den Motor anzuwerfen, bedurfte es der elektrischen Zündung und dement-sprechend einer Stromquelle. Dr. Erich Sieg hatte noch ein weiteres Geschäftsfeld aufgetan: Akkumulatoren für das Elektromobil. Benötigt wurde nun ein Stromsammler mit möglichst geringem Gewicht und großer Leistung. Sieg entwickelte eine Batterie mit einer Leistung von 34 Wattstunden je Kilogramm Batteriegewicht. Die Konstruktion erwies sich als bahnbrechend. Angespornt durch den Erfolg und im Glauben an den Siegeszug der Elektrofahrzeuge eröffnete man im Jahr 1904 ein eigenes Automobilwerk, wo man Chassis, Karosserien und Motoren herstellte. Man ließ sich sogar einen eigenen Namen für das Elektroauto patentieren, den so genannten „Urbanuswagen“.

Zwei Entwicklungen liefen jedoch gegen die Firma: Erstens gelang es nicht, eine Serienproduktion der Fahrzeuge zu errichten, um so die Kosten zu senken. Die Kunden hatten zu viele Sonderwünsche, die man realisieren wollte. Des Weiteren wurde die Konkurrenz der Benzinkutschen immer stärker, so dass man im Jahr 1909 die Herstellung der Autos wiedereinstellte. Die Akkumulatoren wurden jedoch weiter gebaut.

Durch die Familienüberlieferung ist nun bekannt, dass mein Ur-Großvater Johannes Eßwein als Werkmeister und durch den Aufbau von Niederlassungen an diesem Geschäft mitwirkte. Wo konkret er allerdings eingesetzt wurde, bleibt leider im Unklaren. Mein Großvater Hermann Eßwein wurde in Tangermünde geboren, andere Geschwister in Süddeutschland. Eine konkrete Niederlassung lässt sich nicht zuordnen. Fest steht aber, dass Johannes Eßwein an der großen Story Elektroauto in der einen oder andere Form mitwirkte, eine Idee, die nun in unserer Gegenwart mit zirka 100-jähriger Verspätung Fahrt aufnimmt.

Quellen:

  • Horst und Anna Josefine Eßwein (2011): Der Ur-Großvater Johannes Eßwein. Bonn, 31.07.2011. Brief an Angela Holtmann und Norbert Bangert.
  • Scherer, Johannes Baptist (1953): Das Unternehmen der Firma Gottfried Hagen, Köln-Kalk, im Wandel der Zeiten. 1827 – 1952. Köln-Sülz: Kuschbert.