01.05.2018: Rückblende (36) zum 1. Mai 1893 – Winterhagen bekommt einen Eisenbahnhaltepunkt

Der Bahnhof Winterhagen mit dem alten und dem neuen Stationsgebäude. Foto Archiv Kux/Johann.

(nob) Der Tanz in den Mai 1893 war für die Menschen in Winterhagen ein ganz besonderes Fest. Der 1. Mai war ein Montag und würde ihre kleine Welt nachhaltig verändern. Angekündigt war nämlich die Eröffnung eines Eisenbahnhaltepunktes.

Als am 13. Mai 1876 die Bergisch-Märkische Eisenbahn die ersten Züge zwischen Lennep und Hückeswagen nach offiziellem Fahrplan rollen ließ, war davon noch keine Rede. Die Menschen in Winterhagen, wo die Trasse durch das Gebiet der Landgemeinde führte, blieben zunächst Zaungäste und mussten ihre Fahrkarten entweder in Hückeswagen oder in Bergisch Born lösen. Doch knapp zwei Jahrzehnte änderte sich das. Es stand der generelle zweigleisige Ausbau der Strecke von Lennep nach Bergisch Born an und Vorprüfungen kamen zu dem Ergebnis, dass sich nun die Eröffnung eines Haltepunktes in Winterhagen, dass an dem Abzweig von Bergisch Born nach Wipperfürth lag, für den Personenverkehr lohnen würde. Und so erfolgte am 2. März 1893 der erste Spatenstich. Voller Vorfreunde wertet die Bergische Volkszeitung den Beginn der Arbeiten „als einen weiteren Fortschritt für die Entwicklung unserer Verkehrsverhältnisse“.

Der neue Fahrplan hatte immerhin 15 Halts in Winterhagen in die eine oder andere Richtung vorgesehen. Der erste Zug startete um 6.17 Uhr nach Bergisch Born, der letzte fuhr um 22.17 Uhr nach Wipperfürth. Und die Menschen konnten dort nicht nur Fahrkarten kaufen. Die Landwirte konnten an der Station ihre Milchkannen verladen und eine neue Gaststätte eröffnete. Somit entstanden ein neuer Warenumschlagsplatz und ein Treffpunkt, an dem Neuigkeiten ausgetauscht wurden.

Eine erste Bilanz zwei Monate nach Eröffnung gab den Optimisten recht, die eine starke Frequenz vorhergesagt hatten: Alleine im Premierenmonat Mai wurden über 2400 Fahrkarten ausgegeben. Auch am anderen Ende der Landgemeinde an der Grenze zu Wipperfürth kam Vorfreude auf, denn noch für November war ein Halt in Hämmern geplant.

In den folgenden Jahren florierte die Bahnverbindung, so dass 1898 erste Erweiterungen erfolgten. Der Bahnsteig wurde um 50 Meter verlängert und das Stationsgebäude erhielt einen Wartesaal für die Passagiere der 1. und 2. Klasse. Der Höhepunkt der Winterhagener Eisenbahngeschichte kam am 1. Dezember 1906: Direkt neben dem ersten Stationsgebäude entstand ein neuer Bahnhof und wie es damals hieß, das schönste Bahnhofsgebäude der Region. Als die Familie Kux das Gebäude viele Jahrzehnte später erwarb und im Jahr 2006 im privaten Kreis „das Hundertjährige“ Bestehen feierte, war das erste Stationsgebäude schon lange abgerissen. Bilder im Eingangsbereich der Heilpraxis von Ute Kux künden noch heute von den ruhmreichen Zeiten.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 8. Mai 2018. URL: https://rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/winterhagen-bekommt-einen-eisenbahnhaltepunkt_aid-22487313

09.12.2017: Rückblende (21) zum 9. Dezember 1952 – Erstfahrt des „roten Bombers“. Ein Schienenbus sorgt für Entzückung

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(nob) Eisenbahnchroniken sind in der Regel ob der Detailversessenheit ihrer Ersteller exakt und städtische Chroniken sind es normalerweise auch. Umso erstaunlicher ist der scheinbare Widerspruch bezüglich des Datums, an dem erstmals auf der Bahnstrecke zwischen Lennep und Gummersbach der berühmte rote Schienenbus gefahren ist. Während die Stadt den 9. Dezember 1952 nennt, weisen die dem Eisenbahnhistoriker Kurt Kaiß vorliegenden Zeitungsberichte auf den offiziellen Fahrplanwechsel am 18. Mai 1952 hin. Ob nun Sommer oder Winter, es war vor 65 Jahren, als sich das neuartige Gefährt erstmals über die hiesigen Schienen bewegte.

Schon die Namensgebung für das Fahrzeug ist abwechslungsreich, von dem ein Exemplar in Wipperfürth nahe dem kommunalen Bauhof öffentlich präsentiert wird. Die städtische Chronik nennt ihn martialisch den „roten Bomber“, in den Zeitungen ist vom „Schienenomnibus“ zu lesen, andere sagen nur „Schienenbus“. Die abkürzungsliebenden Eisenbahnfachleute nennen ihn kurz „To“ für „Triebwagenomnibus“.

Denjenigen Hückeswagenern, die damit zur Schule oder zur Arbeit gefahren sind, wird es egal sein. Fast einhellig fällt bei den Zeitzeugen die Reaktion aus, wenn sie darauf angesprochen werden. Sie bekommen glänzende Augen, so als ob man von ihrem liebsten Haustier spricht. Die technischen Daten lesen sich da wesentlich emotionsloser: Ein Schienenbus mit Anhänger konnte 132 Passagiere befördern, wobei 63 Sitzplätze im Hauptgefährt vorhanden waren. Im Anhänger war ein Gepäckraum für Reisende, ein Detail also, das man in den heutigen Regionalzügen meistens vergeblich sucht. Der Schienenomnibus war 13,1 Tonnen schwer und verbrauchte „22 Kilogramm Brennstoff“ auf 100 Kilometer. Die Spitzengeschwindigkeit betrug 90 km/h, auf den bergischen Strecken fuhren sie jedoch meistens mit 50 bis 60 km/h. Der Lokführer bediente sechs Gänge, das Getriebe regulierte einen so genannten Büssingmotor – benannt nach dem Unternehmer und Erfinder Heinrich Büssing (1843-1929). Ein Journalist, der im Mai 1952 in Wipperfürth erstmals bei einer Probefahrt mit an Bord sein durfte, stellte zur Inneneinrichtung fast bewundernd fest: „Die blau-grünen Polsterüberzüge harmonieren farblich mit der ockerfarbenen Holzbekleidung.“

Unabhängig von der noch zu ermittelnden Erstfahrt in der Schloss-Stadt steht fest, dass der Schienenbus erstmals am 2. Mai 1952 bei einer Probefahrt durch Wipperfürth brauste. Die Bahn war angetreten, mit diesem Gefährt eine höhere Verkehrsdichte zu erzielen. Die Einrichtung zusätzlicher Haltepunkte, zum Beispiel des Haltepunkts „Bevertalsperre“ bei Kleineichen, sollte für die Fahrgäste den Weg zum Bahnhof verkürzen. Die ÖPNV-Planer sprachen dabei von einem „Mittler zwischen Landbezirk und Stadt“.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost am 7.12.2017, URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/vor-65-jahren-startet-der-rote-bomber-zur-ersten-fahrt-aid-1.7250007

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