07.08.2018: Rückblende (45) zum 7. August 1918 – Klammheimliche Suche in den Zügen nach Deserteuren

Ein Bild zur Illustration, der Bahnhof Hückeswagen in der 1970er-Jahren. Foto: Hans Dörner.

(nob) Auf einen US-amerikanischen Politiker der Republikaner, Hiram Johnson aus Kalifornien (1866-1945), geht der Satz zurück: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“. 1918 war der Erste Weltkrieg bereits in seinem vierten Jahr und die Wahrheit lag derweil zigtausende Male auf den Soldatenfriedhöfen rund um Verdun und nicht etwa in den Artikeln der Bergischen Volkszeitung, die zu dieser Zeit mit Propaganda und Durchhalteparolen durchsetzt war.

Dort erfuhren die Leser aus Hückeswagen in der Heimatausgabe am 7. August 1918 zur Einleitung: „Die von den Militärbefehlshabern […] zum Schutze der militärischen Maßnahmen gegen die Betätigung feindlicher Agenten eingerichteten ‚Eisenbahnüberwachungsreisen‘ haben sich für die Sicherheit des Reiches als förderlich erwiesen“. Aus diesem Grunde appellierte nun der Verfasser des Artikels, dass man die „verantwortungsvolle Aufgabe der Eisenbahnüberwachungsreisenden“ auch in Hückeswagen bei Zugreisen dahingehend unterstützen könnte, Papiere mit zu nehmen, die über die eigene Persönlichkeit Aufschluss gäben. Als Vorschlag hat er in petto: Schulzeugnisse, Steuerquittungen oder Radfahrkarten. Die Vorlage eines Passes von deutschen Reisenden hingegen, so die damalige allgemeine Rechtsauffassung, konnte nicht verlangt werden, worauf die BVZ auch hinwies.

Diese „Eisenbahnüberwachungsreisenden“ gab es tatsächlich. Das Besondere an ihnen war, dass sie nicht an einer Uniform zu erkennen, sondern in Zivil unterwegs waren. Buchautor Christoph Jahr, international anerkannter Experte für den Ersten Weltkrieg, weist in seiner Dissertation aus dem Jahr 1998 das Wirken dieser Spezialkräfte ab 1915 nach. Ab dem Frühjahr 1918 häuften sich dann die Erlasse zum Thema „Ausweispflicht von Reisenden“. Doch der Grund für diese Maßnahmen waren mitnichten die „feindlichen Agenten“, die möglicherweise in Deutschland umherreisten. Christoph Jahr erläutert: „Es war eine konstante Sorge der Militärbehörden, dass die Soldaten die oft unübersichtlichen Verhältnisse des Frontbereichs und der Etappe zum Untertauchen nutzen könnten.“ Mit anderen Worten: Die „Eisenbahnüberwachungsreisenden“ waren nicht auf der Suche nach Agenten, sondern nach Deserteuren. Und in diesem Zusammenhang standen die Bahnlinien im Mittelpunkt ihres Interesses.

Ob der Artikelverfasser der BVZ zwangsweise oder aus Unwissen die falschen Motive für die Kontrollen nennt, wissen wir nicht, wir erfahren aber noch etwas über die polizeiartigen Befugnisse der Überwacher. Die waren berechtigt, Reisende solange an der Weiterfahrt zu hindern, bis die Persönlichkeit einwandfrei festgestellt war. Menschen konnten also auch am Bahnhof in Hückeswagen ohne weiteres aus dem Zug geholt werden.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 9.8.2018.

27.12.2017: Rückblende (23) zum 27. Dezember 1917 – Als Rodeln verboten war

Die Original-Anzeige des Rodelverbotes am 28.12.1917 in der Bergischen Landeszeitung.
Die Original-Anzeige des Rodelverbotes am 28.12.1917 in der Bergischen Landeszeitung.

(nob) Der Volksmund sagt, je weniger der Mensch den Schnee mag, desto älter ist er. Und in der Tat: Während Kinder die weiße Pracht lieben, verdammt so mancher Erwachsene jede einzelne Flocke. Doch die Verordnung, die am 27. Dezember 1917 in Hückeswagen von Bürgermeister Ludwig van Spankeren erlassen wurde, ist auf den ersten Blick ein Hammer. So lautet die Bekanntmachung im Wortlaut:
„Die durch das Rodeln hervorgerufene Glätte birgt in der heutigen Zeit, in der die Straßen wenig oder gar nicht beleuchtet werden dürfen, namentlich abends eine noch größere Gefahr für Fußgänger und Fuhrwerke in sich, als dies ohnehin schon der Fall ist. Diese Gefahr wird noch vergrößert dadurch, daß Verhinderungsmaßnahmen städtischerseits durch Bestreuen mit Asche, Sand oder Viehsalz nicht in den erforderlichen, unter anderen Umständen immer angewandten Umfange möglich sind. Ich mache deshalb erneut auf das bestehende Verbot des Rodelns auf sämtlichen öffentlichen Straßen und Plätzen der Stadt aufmerksam, und habe die Polizei-beamten angewiesen, alle wahrgenommenen Übertretungen unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen. Auch behalte ich mir vor, bei vorkommenden Unglücksfällen die Beteiligten für die der Stadt geltend gemachten Schadensersatz-Ansprüche haftbar zu machen.“

Nun wissen wir aus zeitgenössischen Schilderungen, wie groß die Not zur damaligen Zeit in Hückeswagen war. In einer BM-Rückblende vom August wird beschrieben, wie Polizisten sogar die Tischdecken aus den Gaststätten wegpfänden und welches Elend der evangelische Pfarrer Friedrich Julius Stiehl seelsorgerisch bewältigen musste. Und tatsächlich, diese Verordnung bestätigt diesen Zusammenhang, ohne jedoch das Kind beim Namen zu nennen. Die Grenze zwischen Klage und Unpatriotismus war eben fließend.

Gleich zu Anfang wird Bezug genommen auf „die heutige Zeit“, in der auf das Beleuchtungsverbot hingewiesen wird. So sei es dadurch nicht nur dunkel, sondern auch noch glatt. „Unter anderen Umständen“, so heißt es weiter, würde man das Streuen immer im erforderlichen Umfang durchführen. „Nur eben nicht unter den gegebenen“, lautet die gedankliche Fortsetzung.

Damit ist klar: Der Erste Weltkrieg bindet auch in Hückeswagen wichtige Ressourcen der kommunalen Daseinsvorsorge. Und letztendlich war es schon damals auch eine Haftungsangelegenheit, wie man dem letzten Absatz entnehmen kann.

Nun werden sich auch 1917 die Eltern gefragt haben: Rechtfertigen diese Umstände wirklich ein Verbot für die Kinder zum Rodeln? Wir sollten nicht zu hart urteilen, denn es waren andere Zeiten und wir im technisierten und (für uns) friedlichen 21. Jahrhundert haben gut reden. Aber eines wird nicht anders gewesen sein als heute: Die Freude der Kinder beim Rodeln und das Unverständnis, wenn der Schutzmann mit einer Zurechtweisung um die Ecke kommt.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 27. Dezember 2017, URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/als-das-rodeln-verboten-war-aid-1.7286430

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05.11.2017: Rückblende (18) zum 5. November 1917 – Bericht zu den Feierlichkeiten „400 Jahre Reformation“ im Ersten Weltkrieg

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg: Die Ev. Kirchengemeinde begeht das Reformationsjubiläum u.a. mit einer Ausstellung in der Pauluskirche.
100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg: Die Ev. Kirchengemeinde begeht das Reformationsjubiläum u.a. mit einer Ausstellung in der Pauluskirche.

(nob) In diesem Jahr war in Deutschland der Reformationstag am 31. Oktober erstmals ausnahmsweise ein gesetzlicher Feiertag. Schon vor 100 Jahren war man sich solcher „runden Jubiläen“ bewusst. Allerdings fiel dieses in ein denkbar ungünstiges Umfeld, war doch der November 1917 ein Kriegsmonat. Der Erste Weltkrieg forderte immer mehr Opfer und die Not auch in Hückeswagen war groß.

Umso faszinierender ist ein Bericht in der Bergischen Volkzeitung vom 5. November 1917, in dem der Journalist umfassend die Festivitäten in der Schloss-Stadt beschreibt. Gefeiert wurde damals im Wesentlichen an zwei Tagen: Am Mittwoch, dem 31. Oktober mit einem Festgottesdienst und darüber hinaus mit einer Festversammlung am Sonntag, dem 4. November.

Bereits am besagten Mittwoch muss die Stadt prächtig geschmückt gewesen sein. Den besten Eindruck vermittelt ein längeres ungekürztes Zitat: „Glockengeläute von beiden Kirchen läutete den großen Erinnerungstag an. Ein Bläserquartett ließ vom Turm der Pauluskirche Choräle erklingen. Reichster Fahnenschmuck, besonders auf der Marktstraße, gab der Feier auch äußerlich ein festliches Gepränge. Zum Festgottesdienst strömten die Gemeindeglieder in solchen Scharen zusammen, dass die große, 1200 Sitzplätze fassende Kirche bald überfüllt war. Im feierlichen Zug schritten die Herren des Presbyteriums und der Repräsentation, die vollzählig gekommen waren, vom Gemeindesaal an der Kölner Straße zur Kirche. Altar und Kanzel waren mit Girlanden, Lorbeerbäumen, Kränzen und Blumen geschmückt, von der Kanzel her grüßte ein Lutherbild.“

Interessanterweise erfahren wir etwas über die Anzahl der Besucher, die mit 1.200 Personen immens hoch war. Weiter lesen wir, dass sich 1917 der Gemeindesaal an der Kölner Straße befand. Wo dieser ganz konkret zu finden war, ist noch ungeklärt. Jedenfalls beschließt 1904 die Gemeindevertretung den Ausbau der Johanneskirche zu einem Gemeindehaus. Allerdings kommt der Beschluss gemäß Wilhelm Blankertz nicht zur Ausführung, wohl aber wird die Johanneskirche 1907 grundlegend renoviert. 1912 spendet Kirchmeister Arnold Hueck erneut 10.000 Mark für den „späteren Bau eines Gemeindehauses“ und auch noch 1917 wird hierüber diskutiert.

Der 4. November 1917 ist schließlich der Tag der Festreden. Es sprechen ein Professor Schmitz aus Münster, der damalige Mittelschullehrer Wilhelm Blankertz sowie Pfarrer Friedrich Julius Stiehl. Den Abschluss bildete die Aufführung eines Lutherfestspiels im Händelerschen Saale (heute Gaststätte Zum Alten Markt). Ein Riesenerfolg, denn: „Es war ein lebensgefährlicher Andrang. Es mussten die Gemeindeglieder aus der Stadt gebeten werden, den überfüllten Saal zu verlassen.“ Eine Woche später wurde das Festspiel dann auf vielfachem Wunsch erneut aufgeführt.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 30. Oktober 2017. URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/feierlichkeiten-zu-400-jahren-reformation-im-ersten-weltkrieg-aid-1.7176307

20171031-rueckblende-feiern-400-jahre-reformation-im-ersten-weltkrieg

01.08.2017: Rückblende (7) zum 1. August 1917- Heute vor 100 Jahren – Pfarrer Stiehl und die Not im Kriegsmonat August

Friedrich Julius Stiehl (1879-1925)
Friedrich Julius Stiehl (1879-1925)

(nob) Gerade will der Gastronom einer kleinen Hückeswagener Pension den Frühstückstisch für die Gäste decken, da klopft es laut an der Tür. Und dann stehen die Gendarmen auch schon im kleinen Gästesaal. Ohne große Worte, mit grimmigem Blick und mit der Verordnung des Reichsbekleidungsamtes in einer der Jackentaschen werden die gesamten Bestände an Bettwäsche und Tischdecken kurzerhand beschlagnahmt. Zurück bleibt der hilflose Betreiber.

Wir wissen nicht genau, welcher Gasthof es war, von der Beschlagnahmung jedoch berichtete die Bergische Volkszeitung (BVZ) am 29. August 1917 in einer knappen Meldung. Es ist einer von vielen Berichten im August vor 100 Jahren, die die pure Not während des Ersten Weltkriegs beschreiben – einem seit drei Jahren tobenden irrwitzigen Stellungskrieg, der unzähligen Menschen das Leben gekostet hatte.

Die Reichsbranntweinstelle rationierte den Brennspiritus, die Gasanstalten mussten dafür sorgen, dass nicht so viel Gas verbraucht wird. Ein Artikel der BVZ vom 24. August 1917 warnte die Hausfrau mit hilfreichen Tipps vor dem vergeblichen Einkochen, weil die Gummiringe, mit der die Einmachgläser normalerweise abgedichtet werden, entweder in schlechter Qualität oder gar nicht mehr geliefert wurden.

Die Beispiele für dieses alltägliche Elend auch in der Schloss-Stadt ließe sich ohne Probleme ausweiten. Es gibt einige Menschen, die wollten, so gut sie konnten, Abhilfe schaffen. Sie stemmten sich der vielfachen Verzweiflung in den Familien entgegen. Einer von ihnen war der evangelische Pfarrer Friedrich Julius Stiel (1879-1925). Am 1. November 1906 kam der studierte Geistliche, der die Universitäten in Halle, Tübingen und Bonn absolvierte, als Vikar nach Hückeswagen.

Im Juni 1907 wurde er von der Gemeinde einstimmig zum neuen Pastor gewählt; sein Amt hatte er bis zu seinem Tod im Jahr 1925 inne. Im Kriegsmonat August 1917 war er als Schriftführer für den „Vaterländischen Frauenverein Hückeswagen-Neuhückeswagen“ tätig. Für seinen Einsatz und das unermüdliche Einsammeln von Spenden für die Ärmsten erhielt der Pastor schließlich am 27. August 1917 das Verdienstkreuz für Kriegshilfe.

Ein weiteres Beispiel für einen Menschen, der mit Sicherheit sein Bestes getan hat, ist Schwester Ositha, Oberin des Marienhospitals. Sie erhielt die „Rote-Kreuz-Medaille allerhöchst“. Wie verzweifelt die Schwester angesichts des Elends im Hospital gewesen sein muss, erfahren die Leser in den kurzen Schilderungen nicht. Was heutzutage als Fernsehkonsumenten im Gedächtnis bleibt, sind die vielen medial aufbereiteten Bilder jener vergangenen Tage von den Schlachten in Verdun und anderswo. Über Pfarrer Stiehl, die Schwester Oberin und andere hingegen hat sich längst wieder der Mantel des Vergessens gelegt.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 1. August 2017 unter der URL:
http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/pfarrer-stiehl-und-die-not-im-kriegsmonat-august-1917-aid-1.6983302

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