04.05.2019: Rückblende (72) zum 4. Mai 1919 – Sieg am Morgenstern: ATV-Fußballer schlagen Wipperfürth

Die Badeanstalt am Morgenstern, eine der wenigen existierenden Aufnahmen. Quelle: Archiv Bangert.

(nob) Im Verlauf der Fußballgeschichte hat es so einige legendäre Spiele gegeben. Eines der bekanntesten ist wohl „das Wunder von Bern“, als die junge Bundesrepublik 1954 überraschend Weltmeister wurde. Oder denken wir an das 7:1 im WM-Halbfinale gegen Brasilien, dass in dem südamerikanischen Land als „Schock von Mineirã“ in das kollektive Gedächtnis einging.

Das Spiel der Fußballabteilung des ATV gegen den Wipperfürther Fußballclub am 4. Mai 1919 gehört eindeutig nicht dazu, obwohl das Ergebnis von 4:3 aus Hückeswagener Sicht den Stoff für Erzählungen geboten hätte, wurde doch der Erzrivale aus der Nachbarstadt besiegt. In der kurzen Zeitungsnotiz sind weder Torfolge, Torschützen noch der Verlauf des Spiels überliefert. Immerhin vermerkte der Journalist, dass es ein „interessantes Spiel“ war. Für eine Legendenbildung taugt dieser 100 Jahre alte Spielbericht also nicht. Es sind vielmehr die Begrifflichkeiten, die für Lokalhistoriker von Interesse sind und ein kleinen Blick in eine längst untergegangene Fußballhistorie möglich machen.

So fand das Spiel „auf dem „Sportplatz am Morgenstern“ statt. Heute würden wir das Areal als Freizeitgelände bezeichnen, denn das Spielfeld lag direkt an der Wupper auf einer Wiese neben einem Freibad und wurde auch von den Leichtathleten genutzt. Eine Rundlaufbahn gab es allerdings nicht, dafür aber eine Sprunggrube. Für das Bad ist überliefert, dass es schon ab 1895 existierte und um 1903 regen Zulauf genoss. Das Areal war städtisches Gelände und teilweise von einem Gastwirt gepachtet. Zum 1. Januar 1942 wurde es an die Firmen Klingelnberg, Bêché & Grohs sowie Zach abgegeben, damit diese ihre Firmengelände erweitern konnten. Der Name „Morgenstern“ stammt von der Gaststätte „Zum Morgenstern“, die sich unmittelbar an der Peterstraße befand und die Wilhelm Blankertz als „alte Fuhrmannsherberge“ bezeichnete. Der Platz am Morgenstern war somit der Vorläufer des Sportplatzes an der Schnabelsmühle, der erst 1951 entstand.

Wir lesen von der „1. Mannschaft der Fußball-Abteilung des hiesigen Allgemeinen Turnvereins“. In anderen Berichten wird er auch „Ballspielverein“ genannt. Die Chronik des ATV geht nur kurz darauf ein, dass 1919 ein „Ballspielverein“ als Abteilung aufgenommen wurde. Möglicherweise ist das Match vom 4. Mai 1919 eines der ersten unter der Flagge des ATV.

Der Ballspielverein ist der Vorläufer des RSV 09 Hückeswagen und noch heute trägt der Raspo die Jahreszahl „09“ im Vereinsnamen. Durch den Ersten Weltkrieg kam der Fußballsport in Hückeswagen jedoch fast zum Erliegen und erst 1928 erfolgte durch neue Initiativen einzelner Mitglieder eine Wiederbelebung. Doch bevor es soweit war, hatten einige der Fußballenthusiasten im besagten Jahr 1919 beim ATV eine neue Bleibe gefunden. Was aus der Abteilung wurde, ist in den ATV-Chroniken nicht überliefert. In diversen Zeitungsinseraten sind aber Aktivitäten in der Abteilung dokumentiert. Aus dem Ballspielverein wurde später der RSV 09, dessen goldene Zeiten dann in den 1960er- und 1970er-Jahren anbrachen.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, 3. Mai 2019.

14.04.2019: Rückblende (70) zum 14. April 1909 – Bockhackers Traum: eine Eisenbahndirektverbindung

Friedrich Bockhacker jun. (1835-1912), Quelle: LH 44, S. 125.

(nob) Pläne zu schmieden, ist eine Sache, diese dann auch umzusetzen, noch eine ganz andere. Konkret ging es um eine Diskussion, die im April 1909 im preußischen Abgeordnetenhaus, der Zweiten Kammer des Preußischen Landtages, geführt wurde. Der Hückeswagener Fabrikant Friedrich Bockhacker (1835-1912) hatte gemäß der Berichterstattung in der Bergischen Landeszeitung am 14. April 1909 in einer Denkschrift angeregt, das Wupper- und das Dhünntal durch Schienenwege besser zu erschließen. Er schlug unter anderem vor, eine Trasse von Hückeswagen über Kräwinklerbrücke nach Radevormwald zu bauen. Diese sei, so begründete er, „weit kürzer, billiger und lohnender“, als die Verbindung nach „Barmen-Rittershausen“.

Um diesen Vorschlag zu verstehen, müssen wir uns kurz in die Lage des Unternehmers versetzen und uns die damaligen Streckenverläufe vor Augen führen. Bockhacker leitete eine Tuchfabrik am Mühlenweg (seit 1938 Standort der Firma Pflitsch). Dieser Industriebetrieb war einer von vielen im so genannten Corneliusthal, das sich etwa vom Kieköm (Bezeichnung einer alten Wupperschleife) bis zum Damm der Wuppervorsperre erstreckte. Wollte man nun Ware auf der Schiene in das damals ebenfalls wichtige Industriegebiet Kräwinklerbrücke und weiter nach Radevormwald und ins Märkische bringen, führte der Weg über Lennep und Krebsöge, was einen Umweg bedeutete. Diese real existierende Strecke führte dann weiter nach Wuppertal-Rittershausen womit sich der zweite Teil der Anmerkung Bockhackers erschließt. Dem Unternehmer schwebte in der Endausbaustuffe eine Fortführung von Radevormwald nach Milspe und zur Ennepetalsperre vor, womit die Industriegebiete von Berg und Mark enger verzahnt gewesen wären.

Die Pläne des Industriellen wurden unter dem Schlagwort „Kleinbahn-Vorlage“ im Abgeordnetenhaus diskutiert. Oftmals besteht das Missverständnis, dass es sich somit um Straßen- oder Schmalspurbahnen gehandelt haben müssten. Der Begriff Kleinbahn stand in Preußen jedoch für eine „Bahn dritter Ordnung“. Sie hatte eine geringere Bedeutung als beispielsweise Hauptbahnen und in der Bau- und Betriebsführung galten weniger strenge Anforderungen. Das machte die Sache somit auch für nichtstaatliche Unternehmen interessant. Eine Kleinbahn war also keine Miniaturausgabe einer großen Bahn oder verlief auf einem besonders schmalen Gleis, denn sie konnte auch Normalspurbreite haben. Die Geschichte lehrt uns, dass es zum Bau der Trasse niemals kam. Viele Jahrzehnte später wurde das Areal zum Einzugsgebiet der Wuppertalsperre und der Ort Kräwinklerbrücke „versank in den Wupperfluten“, so ein griffiger Buchtitel des Radevormwalders Norbert Wolff.

Interessanterweise tauchten Pläne für diese Schienenverbindung fast genau zehn Jahre später im April 1919 als Anregung aus der Industrie wieder auf. Dieses Mal sollte eine „Elektrische“ vom Corneliusthal nach Kräwinklerbrücke führen, also tatsächlich eine Straßenbahn. Zum damaligen Zeitpunkt war dieser Fahrzeugtyp sehr populär, auch die Nachbarstädte Remscheid und Wermelskirchen hatte eine solche. Aber auch daraus wurde bekanntlich nichts, geblieben ist einzig und allein Bockhackers Traum.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, 25. April 2019.