22.02.2019: Rückblende (65) zum 22. Februar 1879 – Das Kaiserliche Postamt zieht an den Stricks Platz

Der Stricksplatz im Jahr 1904, Postkarte „Stadtplatz“, Archiv Erich Kahl.

(nob) Wenn ein Kaiserliches Postamt umzieht, ist das in einer Kleinstadt immer ein Ereignis von allgemeinem Interesse. So geschehen am 22. Februar 1879, als diese wichtige öffentliche Einrichtung von Kolls Ecke (Ecke Bachstraße/Friedrichstraße) an den Stricks Platz (heute Wilhelmsplatz) umzog. Gemietet wurde das Haus von Julie Strick, der Witwe des 1876 gestorbenen Heinrich Strick jr. Der damalige Postmeister Johannes Franz Steinkäuler notierte in einer im Jahr 2016 veröffentlichten Chronik mit dem 1. Januar 1879 zwar ein um ein paar Wochen abweichendes Datum, doch dieses ändert nichts an dem Umstand, dass der Standortwechsel historisch gesehen Teil einer tiefgreifenden Veränderung der städtischen Strukturen von Hückeswagen war. Um diesen Prozess zu verstehen, ist zunächst das Wissen um Funktion und Bedeutung des Platz um 1900 unabdingbar.

Noch 1897 war der Platz ein Tränkweiher für Postpferde. Wilhelm Blankertz berichtete in einem seiner zahlreichen Aufsätze, dass besagter Weiher gemeinsam mit dem „Wolfsweiher“ hinter der Sparkasse in die Reihe der ehemaligen Burgweiher gehören würde. Wie auch immer: Es ergibt sich der Hinweis, dass an dieser Stelle Postpferde Zwischenstation machten, was aufgrund des damaligen Standortes der Post gut nachvollziehbar ist. Erst 1924 zog die damals staatliche Behörde nur etwa 100 Meter weiter stadtauswärts in die Villa Clarenbach, wo sich das privatisierte Unternehmen heute noch mit einem Verteilerzentrum in einem angrenzenden Gebäude befindet.

An einem Verkehrsknotenpunkt lag der Platz tatsächlich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Von zirka 1770 bis etwa 1790 wurde die Fernstraße Elberfeld-Siegen gebaut. Diese verlief von Waag kommend über den Kratzkopf (Wiehagen), die Friedrichstraße und die Islandstraße bis zur Peterstraße und dann weiter Richtung Tannenbaum. Genau dort, wo sich Stricks Platz befand, machte die Fernstraße einen Schwenk auf die Peterstraße Richtung Wipperfürth. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie am 13. Mai 1876 verlagerte sich zumindest ein Teil des Waren- und Postverkehrs auf die Schiene, somit lag man am Standort Kolls Ecke ein wenig abseits. Am Stricks Platz hingegen war man wieder näher am Brennpunkt des Personen- und Warenumschlags und die Bahnhofstraße führte schnell zum Haltepunkt.

Um 1900 herrschte rund um den Platz eine rege Bautätigkeit. Diese hatte einen Stadtbild verändernden Charakter und ist durchaus vergleichbar mit den jüngsten Umwälzungen am Etapler Platz um die Jahrtausendwende. Die Familie Strick errichtete 1877 und 1888 zwei Wohn- und Geschäftshäuser und es siedelten sich weitere wichtige Einrichtungen an. Zu nennen wäre beispielsweise das heutige Kolpinghaus, das 1907 in Nachfolge der Gaststätte Brügger entstand oder etwa 1910 die Bahn mit einem Haus (Bahnhofstraße 14) für die Bahnmitarbeiter. Die Stadtsparkasse Hückeswagen folgte erst 1920, als Stadt- und Landgemeinde vereinigt wurden. Doch zu diesem Zeitpunkt war aus Stricks Platz 1906 der Wilhelmsplatz geworden, nachdem zuvor die Stadt 1898 die Fläche erwarb und der HVV den Platz verschönerte.

Der Wilhelmsplatz sollte auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Treff- und Kommunikationspunkt bleiben. Doch mittlerweile ist der Glanz etwas verblasst, woran auch die große Altstadtsanierung in den 1970er-Jahren nichts Grundlegendes änderte. Die Islandstraße ist für den Fernverkehr unrelevant geworden und die Aufenthaltsqualität um den mittlerweile versiegten Brunnen ist stark ausbaufähig. Doch ein Vorteil bleibt: Er liegt immer noch in der Nähe des neuen Pulsgebers, dem Etapler Platz.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 21.02.2018.

06.09.2018: Rückblende (48) zum 6. September 1968 – Der Abriss von Kolls Ecke beginnt

Kolls Ecke in der Ansicht vor 1968.

 

(nob) Die 1960er-Jahre waren allgemein dafür bekannt, dass man in Bezug auf den Abriss alter Häuser relativ schmerzfrei war. Unabhängig von der Stadtkernsanierung in Hückeswagen wurden historisch bedeutende Bauten schnell dem Erdboden gleich gemacht, falls sie den immer breiter werdenden Straßen im Weg waren. Eines dieser Häuser war Kolls Ecke. Nach Meinung von Rat und Verwaltung stellte diese einfach nur eine Sichtbehinderung und Gefährdung für den Verkehr dar. Und der Berichterstatter schreibt am 6. September 1968 in der Bergischen Morgenpost in Bezug auf den Abriss fast erwartungsvoll: „Lange kann es nicht mehr dauern.“ Tatsächlich waren die letzten Mieter ausgezogen und das Schaufenster mit Brettern vernagelt. In der zweiten Oktoberhälfte war dann das Zerstörungswerk fast erledigt.

Kolls Ecke war nicht irgendein Haus. Schon der Name hat sich im Volksmund durchgesetzt und er diente bei der Stadtverwaltung als feststehende Ortsangabe für den Kreuzungsbereich Lindenbergstraße/Friedrichstraße/Bachstraße unterhalb der heutigen Stadtbibliothek. Noch heute ist der Begriff vielen Hückeswagenern geläufig, wenngleich die Erinnerung so langsam verblasst.

Folgt man dem Heimatforscher Arno Paffrath, war 1834 in dem Haus Franz Steinkäuler ansässig, der dort eine Weinwirtschaft betrieb. Historische Bedeutung erlangte das Gebäude, weil dort von 1842 bis zum 22. Februar 1879 die Poststation untergebracht war, bevor sie an den „Stricks Platz“ (Wilhelmsplatz) verlegt wurde. Steinkäuler wurde Postmeister und das Gebäude fortan „Posthaus“ oder später dann „alte Post“ genannt.

Der eigentliche Namensgeber von Kolls Ecke war Friedrich Wilhelm Koll, der im Jahr 1905 auf den Plan trat. Er kaufte das Anwesen und richtete dort sein Polster- und Dekorationsgeschäft ein. Vier Jahre später kam es dann zur Katastrophe: Am 16. Dezember 1909 – Koll hatte noch am Tag zuvor für das Weihnachtsgeschäft geworben – brannte es bis auf die Außenmauern nieder. Doch er gab nicht auf. Größer und architektonisch ansprechender ließ er es im Jahr 1910 dreigeschossig wiederaufbauen, wobei die Gebäudeecke hin zum Kreuzungsbereich abgerundet wurde. Der verrohrte Brunsbach verlief interessanterweise unter dem Haus.

Bis 1936 blieb Koll ansässig, bis der nächste berühmte Hückeswagener einzog: Wilhelm Distelmeier, später FDP-Ratsmitglied und Vorsitzender des Haus- und Grundbesitzervereins, verlegte sein Lebensmittelgeschäft von der Bachstraße 2 in Kolls Ecke. Noch bis 1968 wurde es noch unter anderem von Heinrich Menke und Herbert Mörl als Geschäft genutzt, bevor der Beschluss zum Abriss fiel, um einer neuen Verkehrsführung der Lindenbergstraße Platz zu machen.

Info: Hella Krumm hat die Geschichte von Kolls Ecke in Leiw Heukeshoven Nr. 45 zusammengefasst, unabhängig dazu berichtete Arno Paffrath aus der Entstehungszeit. Umfangreiches Material inklusive eines Lageplans zur Verdeutlichung befindet sich im Stadtarchiv.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 6.9.2018.