20.08.2018: Rückblende (47) zum 20. August 2003 – Pilot stirbt nach Flugzeugabsturz in Hambüchen

Flugzeugabsturz am 20. August 2003 in Hambüchen, Foto Nico Hertgen für die Bergische Morgenpost, erneut publiziert am 28.08.2018 im Rahmen der BM-Rückblende.

(nob) Diesen Mittwochnachmittag im August des Jahres 2003 werden die Zeitzeugen soll schnell nicht vergessen. Es war gegen 14.45 Uhr, als einer von ihnen, der Anwohner Dieter Wurth auf dem Dierl, mit Arbeiten an seinem Haus beschäftigt war. Plötzlich tauchte ungewöhnlich dicht über dem Dach ein Kleinflugzeug mit einem Segler im Schlepptau auf. Nur zirka 20 Sekunden später war es auch schon passiert: Er hörte einen Knall. Nachdem er aufs Dach gestiegen war, sah er auf einem Feld in Hambüchen eine schwarze Rauchwolke emporziehen.

Vor 15 Jahren ereignete sich der bislang einzige in Hückeswagen bekannte Flugzeugabsturz zu Friedenszeiten. Der 73-jährige Pilot Heinz Spies verlor dabei sein Leben, und hinterließ trauernde Angehörige und Kameraden des Luftsportvereins Wipperfürth. Unterwegs war der Radevormwalder mit einer Maschine vom Typ „Robin DR 400/180R Remorqueur“. Er hatte zudem 600 Stunden Flugerfahrung, wobei er zirka 700 Starts absolvierte. Er wollte einen Segler, einen Amateurbau vom Typ „Condor IV/2“, in die Lüfte ziehen, wobei beide Maschinen aber kaum an Höhe gewannen. Nach dem Absturz des Motorflugzeugs auf einem Feld bei Hambüchen – der Segler hatte sich zuvor ausgeklinkt – brannte die Maschine aus und der Pilot starb am Unfallort. Die Feuerwehr war bereits wenige Minuten später zur Stelle, konnte aber nicht mehr viel ausrichten, da das Flugzeug im Wesentlichen aus Holz und Leinen bestand und so die Flammen schnell Nahrung fanden.

Spies gehörte einer Seniorengruppe des Vereins an, die sich in regelmäßigen Abständen traf. Er war in der Regel derjenige, der mit dem Motorflugzeug den Segler in die Höhe zog.

Auch die Tage danach wurde über die Ursachen des Absturzes gerätselt. Einen Notruf hatte der Pilot zumindest nicht abgesetzt. In der Zwischenzeit waren Sachverständige herbeigeeilt, um die Überreste der Maschine in einer Halle in Wipperfürth zu untersuchen. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung vermerkt später in seinem Bericht, dass der Pilot plötzlich an Höhe verlor und das Flugzeug unkontrolliert in Rückenlage aufschlug. Die eigentliche Unfallursache wird aber auch in diesem wohl abschließenden Report nicht erwähnt.

Im Segelflieger saß ein 64-jähriger Mann aus Leichlingen. Dieser hatte eine so genannte Außenlandung nahe der Neye-Kapelle vollzogen, nachdem ihm klar wurde, dass das Fluggerät nicht genügend Thermik für einen normalen Landeanflug in Neye bekommen würde. Ein solches Flugmanöver wird von Segelflugpiloten regelmäßig trainiert.

Bei den Anwohnern löste der tödliche Absturz indes Besorgnis aus, nicht nur in Dierl, sondern auch in Kobeshofen oder Stahlschmidtsbrücke. Allerdings handelte es sich bei dem Kurs der Unglücksmaschine damals nicht um eine normale Route. Der Pilot wich nur deswegen ab, weil er nicht genug an Höhe gewann.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 28. August 2018.

06.09.2018: Rückblende (48) zum 6. September 1968 – Der Abriss von Kolls Ecke beginnt

Kolls Ecke in der Ansicht vor 1968.

 

(nob) Die 1960er-Jahre waren allgemein dafür bekannt, dass man in Bezug auf den Abriss alter Häuser relativ schmerzfrei war. Unabhängig von der Stadtkernsanierung in Hückeswagen wurden historisch bedeutende Bauten schnell dem Erdboden gleich gemacht, falls sie den immer breiter werdenden Straßen im Weg waren. Eines dieser Häuser war Kolls Ecke. Nach Meinung von Rat und Verwaltung stellte diese einfach nur eine Sichtbehinderung und Gefährdung für den Verkehr dar. Und der Berichterstatter schreibt am 6. September 1968 in der Bergischen Morgenpost in Bezug auf den Abriss fast erwartungsvoll: „Lange kann es nicht mehr dauern.“ Tatsächlich waren die letzten Mieter ausgezogen und das Schaufenster mit Brettern vernagelt. In der zweiten Oktoberhälfte war dann das Zerstörungswerk fast erledigt.

Kolls Ecke war nicht irgendein Haus. Schon der Name hat sich im Volksmund durchgesetzt und er diente bei der Stadtverwaltung als feststehende Ortsangabe für den Kreuzungsbereich Lindenbergstraße/Friedrichstraße/Bachstraße unterhalb der heutigen Stadtbibliothek. Noch heute ist der Begriff vielen Hückeswagenern geläufig, wenngleich die Erinnerung so langsam verblasst.

Folgt man dem Heimatforscher Arno Paffrath, war 1834 in dem Haus Franz Steinkäuler ansässig, der dort eine Weinwirtschaft betrieb. Historische Bedeutung erlangte das Gebäude, weil dort von 1842 bis zum 22. Februar 1879 die Poststation untergebracht war, bevor sie an den „Stricks Platz“ (Wilhelmsplatz) verlegt wurde. Steinkäuler wurde Postmeister und das Gebäude fortan „Posthaus“ oder später dann „alte Post“ genannt.

Der eigentliche Namensgeber von Kolls Ecke war Friedrich Wilhelm Koll, der im Jahr 1905 auf den Plan trat. Er kaufte das Anwesen und richtete dort sein Polster- und Dekorationsgeschäft ein. Vier Jahre später kam es dann zur Katastrophe: Am 16. Dezember 1909 – Koll hatte noch am Tag zuvor für das Weihnachtsgeschäft geworben – brannte es bis auf die Außenmauern nieder. Doch er gab nicht auf. Größer und architektonisch ansprechender ließ er es im Jahr 1910 dreigeschossig wiederaufbauen, wobei die Gebäudeecke hin zum Kreuzungsbereich abgerundet wurde. Der verrohrte Brunsbach verlief interessanterweise unter dem Haus.

Bis 1936 blieb Koll ansässig, bis der nächste berühmte Hückeswagener einzog: Wilhelm Distelmeier, später FDP-Ratsmitglied und Vorsitzender des Haus- und Grundbesitzervereins, verlegte sein Lebensmittelgeschäft von der Bachstraße 2 in Kolls Ecke. Noch bis 1968 wurde es noch unter anderem von Heinrich Menke und Herbert Mörl als Geschäft genutzt, bevor der Beschluss zum Abriss fiel, um einer neuen Verkehrsführung der Lindenbergstraße Platz zu machen.

Info: Hella Krumm hat die Geschichte von Kolls Ecke in Leiw Heukeshoven Nr. 45 zusammengefasst, unabhängig dazu berichtete Arno Paffrath aus der Entstehungszeit. Umfangreiches Material inklusive eines Lageplans zur Verdeutlichung befindet sich im Stadtarchiv.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 6.9.2018. 

 

09.08.2018: Rückblende (46) zum 9. August 1968 – Die Hauptschule nimmt ihren Betrieb auf

Das Lehrerkollegium der neu gegründeten Hauptschule, Foto vom 12.08.1968 in der BM, Fotograf nicht genannt.

(nob) Es war eine logistische Meisterleistung, die die Verantwortlichen bei der Stadt und den Schulen vollbracht hatten: Am 9. August 1968 nahm die neue Hauptschule ihren Betrieb auf, obwohl das zentrale Gebäude „im Talgrund zwischen Lindenberg und Pixwaag“, wie es damals hieß, erst in der Planung war. Stattdessen begann der Unterricht in drei teilweise weit voneinander entfernten Gebäuden. Belegt wurden die Schule in Scheideweg sowie die Evangelische und die Katholische Stadtschule (beide gegenwärtig Teil der Löwen-Grundschule). Auch die Eltern wussten bis zuletzt nicht, an welchem Ort genau ihre Sprösslinge demnächst unterrichtet werden, bis zum letzten Tag hatte die Verwaltung daran gefeilt. Betroffen waren 509 Kinder, wo denen alleine 146 die 5. Klasse besuchen würden.

Die allgemeinen politischen Ziele wurden damals vom Kultusminister Fritz Holthoff (SPD) definiert, der mit dieser Schulform das allgemeine Bildungsniveau heben und individuelle Bildungschancen für sozial benachteiligte Kinder erhöhen wollte. Mit CDU, SPD und FDP waren sich alle drei Parteien im nordrhein-westfälischen Landtag damals einig.

In Scheideweg begann in diesen August-Tagen das große Stühlerücken, denn alle vier Klassen des 5. Schuljahres wurden dort untergebracht. Die Schüler der Klassen 1 bis 4, die dort bis dato unterrichtet wurden, mussten nun in die Schule Straßweg ausweichen, da für alle kein Platz war.

In der Evangelischen Stadtschule, die später zur Gemeinschaftsgrundschule Stadt und schließlich zur Löwen-Grundschule wurde, kamen die drei Klassen des 6. Schuljahrs und zwei Klassen des 7. Schuljahrs unter. Dort standen auch der Physiksaal, der Werkraum und die Lehrküche zur Verfügung. Die katholische Stadtschule, die heute ebenfalls Teil der Löwen-Grundschule ist, beherbergte dann noch jeweils zwei Klassen des 7. bis 9. Schuljahrs. Dort gab es auch einen so genannten Nadelarbeitsraum (Handwerksraum) und eine Lehrküche.

Doch die Raumfrage war nur eines der zu lösenden Probleme. Mindestens ebenso kompliziert war die Frage, wie denn die Schüler zu den teilweise weit entfernten Unterrichtsstätten kamen. Dazu richtete die Stadt insgesamt fünf Schulbuslinien ein, die auf sehr kompliziert anmutenden Routen fuhren. Es mussten die verschiedenen Standorte der Schulen, die weit entfernten Wohnstätten in den Außenortschaften und auch der unterschiedliche Unterrichtsschluss unter einen Hut gebracht werden. Die BM brauchte damals einen seitenfüllenden Artikel, um die Routen den Eltern näher zu erläutern.

Personell ging man mit dem Hauptlehrer Rudolf Schäfer an den Start, der mit Franz Schmitz einen Konrektor zur Seite gestellt bekam.

Einem BM-Bericht ein paar Wochen nach dem Start der Hauptschule lässt sich entnehmen, dass die komplizierte Logistik gemeistert wurde, wenngleich auch die Zusatzbemerkung fiel: „Eine so zersplitterte Schule kann natürlich kein Dauerzustand sein.“ Das Provisorium mit den drei Standorten wurde insgesamt vier Jahre benötigt, am 7. August 1972 hatten alle Schüler ab der 5. Klasse dann erstmals an einem gemeinsamen Lernort Unterricht.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 15.08.2018.

07.08.2018: Rückblende (45) zum 7. August 1918 – Klammheimliche Suche in den Zügen nach Deserteuren

Ein Bild zur Illustration, der Bahnhof Hückeswagen in der 1970er-Jahren. Foto: Hans Dörner.

(nob) Auf einen US-amerikanischen Politiker der Republikaner, Hiram Johnson aus Kalifornien (1866-1945), geht der Satz zurück: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“. 1918 war der Erste Weltkrieg bereits in seinem vierten Jahr und die Wahrheit lag derweil zigtausende Male auf den Soldatenfriedhöfen rund um Verdun und nicht etwa in den Artikeln der Bergischen Volkszeitung, die zu dieser Zeit mit Propaganda und Durchhalteparolen durchsetzt war.

Dort erfuhren die Leser aus Hückeswagen in der Heimatausgabe am 7. August 1918 zur Einleitung: „Die von den Militärbefehlshabern […] zum Schutze der militärischen Maßnahmen gegen die Betätigung feindlicher Agenten eingerichteten ‚Eisenbahnüberwachungsreisen‘ haben sich für die Sicherheit des Reiches als förderlich erwiesen“. Aus diesem Grunde appellierte nun der Verfasser des Artikels, dass man die „verantwortungsvolle Aufgabe der Eisenbahnüberwachungsreisenden“ auch in Hückeswagen bei Zugreisen dahingehend unterstützen könnte, Papiere mit zu nehmen, die über die eigene Persönlichkeit Aufschluss gäben. Als Vorschlag hat er in petto: Schulzeugnisse, Steuerquittungen oder Radfahrkarten. Die Vorlage eines Passes von deutschen Reisenden hingegen, so die damalige allgemeine Rechtsauffassung, konnte nicht verlangt werden, worauf die BVZ auch hinwies.

Diese „Eisenbahnüberwachungsreisenden“ gab es tatsächlich. Das Besondere an ihnen war, dass sie nicht an einer Uniform zu erkennen, sondern in Zivil unterwegs waren. Buchautor Christoph Jahr, international anerkannter Experte für den Ersten Weltkrieg, weist in seiner Dissertation aus dem Jahr 1998 das Wirken dieser Spezialkräfte ab 1915 nach. Ab dem Frühjahr 1918 häuften sich dann die Erlasse zum Thema „Ausweispflicht von Reisenden“. Doch der Grund für diese Maßnahmen waren mitnichten die „feindlichen Agenten“, die möglicherweise in Deutschland umherreisten. Christoph Jahr erläutert: „Es war eine konstante Sorge der Militärbehörden, dass die Soldaten die oft unübersichtlichen Verhältnisse des Frontbereichs und der Etappe zum Untertauchen nutzen könnten.“ Mit anderen Worten: Die „Eisenbahnüberwachungsreisenden“ waren nicht auf der Suche nach Agenten, sondern nach Deserteuren. Und in diesem Zusammenhang standen die Bahnlinien im Mittelpunkt ihres Interesses.

Ob der Artikelverfasser der BVZ zwangsweise oder aus Unwissen die falschen Motive für die Kontrollen nennt, wissen wir nicht, wir erfahren aber noch etwas über die polizeiartigen Befugnisse der Überwacher. Die waren berechtigt, Reisende solange an der Weiterfahrt zu hindern, bis die Persönlichkeit einwandfrei festgestellt war. Menschen konnten also auch am Bahnhof in Hückeswagen ohne weiteres aus dem Zug geholt werden.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 9.8.2018.

01.07.2018: Rückblende (42) zum 1. Juli 1933 – Langjähriger Bürgermeister Richard Leyhausen wird durch die Nationalsozialisten drangsaliert

Richard Leyhausen, Foto: Stadtarchiv Hückeswagen.

(nob) Die Machtergreifung der Nationalsozialisten hat politisch viele Facetten. Dieser Übergang von einer Republik zur Diktatur spiegelt sich nicht nur in der Hauptstadt, sondern auch in den Ereignissen vor Ort wider. Als am 1. Juli 1933 ein förmliches Dienstverfahren gegen den Hückeswagener Bürgermeister Richard Leyhausen begann, war dieser schon fast drei Monate nicht mehr im Amt. „Wegen Gehorsamsverweigerung“, so formulierte es Leyhausen selbst in einem der vielen im Stadtarchiv aufbewahrten Dokumente, hatte die NSDAP ihn aus dem Amt entfernt und stattdessen Albert Gimbel eingesetzt.

Dabei war Leyhausen schon lange Bürgermeister. Als Sohn von Franz Leyhausen und Ida Leyhausen, geb. Beckmann, wurde er am 23. Januar 1884 in Hoffnungsthal geboren. Der Protestant absolvierte ein juristisches Studium sowie eine Ausbildung, bevor er am 1. August 1910 als Bürgermeister nach Neuhückeswagen kam. Als Kriegsfreiwilliger wurde er am 15. Juni 1915 im Ersten Weltkrieg zum Heeresdienst eingezogen, den er bis Ende September 1916 absolvieren musste. Am 13. Oktober 1915 erhielt Richard Leyhausen das Eiserne Kreuz, am 27. August 1917 folgte, nun wieder zu Hause, das Verdienstkreuz für Kriegshilfe.

Der am 25. November 1917 geborene Sohn wird später im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront als vermisst gemeldet, zu einem Wiedersehen kam es bis zum Tod des Vaters 1949 nicht mehr.

Nach dem Zusammenschluss der Gemeinden Hückeswagen und Neuhückeswagen im Jahr 1920 wurde Leyhausen auch Bürgermeister der neu gebildeten Kommune. In einem Nachruf der Bergischen Morgenpost wird ihm eine vornehme Art sowie ein offenes und gerades Wesen bescheinigt. Sein Einsatz, so hob es damals Pastor Henke in der Trauerrede hervor, galt vor allen Dingen der Landbevölkerung, wo er sich für eine Wegeinfrastruktur und die Landschulen einsetzte.

Die perfide Art, in der Leyhausens Nachfolger Albert Gimbel ihn auch persönlich zu diskreditieren versuchte, wurde ausführlich von der ehemaligen Hückeswagenerin Ingrid Betz in einem Aufsatz aus dem Jahr 2006 analysiert. So schrieb Gimbel an die Staatsanwaltschaft: „Zusammenfassend muss ich nochmals die sehr mangelhafte und unverantwortliche Ausführung des Bürgermeisters i.R. Leyhausen feststellen. Der durch persönliche oder auch andere leichtfertige Aufwendungen der Stadt Hückeswagen entstandene Schaden ist nicht gering. Wenn auch vielleicht einzelne Ausgaben aus formal-juristischen Gründen nicht beanstandet werden können, so ist doch die moralische Beurteilung einer solchen Handlungsweise eindeutig klar.“

Nachdem Leyhausen am 26. Juni 1945 nach Ende der NS-Herrschaft kurzfristig als Bürgermeister und danach als Stadtdirektor reaktiviert wurde, starb er am 27. August 1949 nach zweijährigen Leiden an einem Gehirnschlag. Mit einer Trauerfeier am 30. August 1949 in der Johanniskirche wurde einem Mann letztmalig in Hückeswagen gedacht, sein Leichnam wurde in Hagen eingeäschert.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 20. Juli 2018 in stark gekürzter Fassung.

 

26.07.2018: Rückblende (44) zum 26. Juli 1923 – Eine Wege-Sperre der französischen Besatzer wird aufgehoben

Ansichtskarte aus Dreibäumen, auf der eine Wegesperre der frz. Besatzer zu sehen ist.

(nob) Es ist eine kurze Zeitungsnotiz vom 26. Juli 1923, die bei einem unbefangenen Leser zunächst mehr Fragen als Antworten aufwerfen: In Hückeswagen wird eine Verkehrssperre aufgehoben, die von der französischen Besatzungsmacht erlassen wurde. Eine französische Besatzung in der Schloss-Stadt mit einer Verkehrssperre?

Hintergrund dieser Meldung ist die Besetzung des Ruhrgebietes und Teile des Bergischen Städtedreiecks im Jahr 1923, deren lokale Auswirkungen u.a. von Wilhelm Blankertz und später dem Leiw Heukeshoven-Autor Walter Dahlhaus beschrieben wurden.

Französische und belgische Truppen begannen am 11. Januar 1923 mit dem Vormarsch und besetzten die Region, da sie der Meinung waren, dass Deutschland seinen Verpflichtungen zur Erfüllung der alliierten Reparationsforderungen nicht erfüllt habe, die nach dem Ersten Weltkrieg zwischen dem Deutschen Reich und den Siegermächten vertraglich festgelegt wurden. Hückeswagen lag nun genau im Grenzbereich. Zunächst blieb das Gebiet unbesetzt, was sich jedoch am 6. Februar 1923 änderte, als eine 100 Mann starke Vorhut der Franzosen eintraf, die am Abend des gleichen Tages noch durch Panzerwagen und eine Maschinengewehrkompanie verstärkt wurde. Quartiere wurden im Hotel Beielstein (heute Hotel Kniep) und im Hofgarten bezogen, die Offiziere ließen sich kurzerhand in den Bürgerhäusern der Marktstraße nieder. Zwar war einige Tage später der Spuk vorbei, doch immer wieder kam es in den folgenden Wochen zu Einquartierungen. Brennpunkt war der Bahnhof Hückeswagen, da die Besatzer jeglichen Warenverkehr in und aus der Besatzungszone verhindern wollten.

Ab dem 1. Juli 1923 wurde es dann in Hückeswagen brenzlig. Die Alliierten beschlossen eine hermetische Abriegelung des besetzten Gebietes. Es gab strengste Passkontrollen, harmlose Spaziergänger und Waldbeerensucher, die die Grenze ohne Kontrolle überschritten, wurden zur Wache gebracht. Jeder Handelsverkehr war nun unterbunden. Posten standen auf dem Weg nach Pixberg, an der Fuhr, in der Reinsbach, in den Garagen der Firma Hueck, in Dörpersteeg, am Tannenbaum und an der Eisenbahnbrücke am Schwarzen Weg. Alle übrigen Straßen und Wege wurden durch breite Gräben für den Verkehr unpassierbar gemacht. Es bildete sich daraufhin ein Schmuggelwesen aus, dessen Aktivitäten am Grenzverlauf sich in der Regel nachts abspielten.

Da die allgemeine Zollsperre erst am 8. September 1924 aufgehoben wird, handelte es sich bei der Aufhebung der Wegesperre in Hückeswagen am 26. Juli 1923 also nicht um das Ende der allgemeinen Grenzziehung, sondern lediglich um eine lokalspezifische Lockerung der seit dem 1. Juli geltenden hermetischen Abriegelung. Der Juli 1923 und die Monate danach standen also ganz in Zeichen eines Grenzregimes mitten im Bergischen Land.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 27. Juli 2018

24.06.2018: Rückblende (41) zum 24. Juni 2008 – Die Ernst-Müller-Brücke an der Wuppervorsperre stürzt ein

Die eingestürzte Ernst-Müller-Brücke am 30.06.2008. Foto: N. Bangert.

(nob) Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht noch am Dienstagabend, den 24. Juni 2008, herumgesprochen, und am Mittwochmorgen setzte sich eine Heerschar von Schaulustigen in Richtung Wanderparkplatz Mühlenweg in Bewegung. „Hast Du schon gehört, die Brücke ist eingestürzt“ begann so oder ähnlich fast jedes Gespräch. Gemeint war die „Ernst-Müller-Brücke“, deren zerstörte Holzkonstruktion nun fast wie ein Ponton auf dem Wasser lag. Die Menschen am Ufer waren verblüfft, teilweise aber auch wurde ein Lob für den Wupperverband ausgesprochen. „Die wussten wohl doch sehr genau was sie taten“, sagte seinerzeit ein Anwohner bei einem Interview anerkennend. Er meinte damit die Entscheidung des Verbandes, das Bauwerk zu sperren, nachdem im November 2006 ein Gutachter Holzfäule und damit verbunden die Einsturzgefahr feststellte. Zwar wurde allgemein bedauert, dass aufgrund der Sperrung der bei den Erholungssuchenden und Sportlern sehr beliebte Rundweg um die Wuppervorsperre nicht mehr zu nutzen war, doch spätestens beim Anblick der kaputten Brücke setzte sich die Einsicht durch.

Gerade einmal 21 Jahre tat die Bogenbrücke ihren Dienst. Kurz vor Weihnachten 1985 wurde sie von Bürgermeister Helmut Ptock für die Öffentlichkeit freigegeben. Als Geschenk der Stadt an die Bürger anlässlich 900-Jahr-Feier wurde das Bauwerk deklariert, dessen Planung 1993 begann und mit der Errichtung im Oktober 1985 vollendet wurde. Lokalhistorisch bemerkenswert ist die Namensgebung. Die Brücke über die Wuppervorsperre trug niemals offiziell den Namen „Ernst-Müller-Brücke“ und trotzdem wurde sie von den Menschen so genannt. Dies geschah im Andenken an den SPD-Politiker Ernst Müller, der sich in besonderer Weise für die Freizeit-Infrastruktur an der Vorsperre eingesetzt hatte.

Auf den Zeitplan für die Errichtung des Nachfolgebauwerks hatte der Einsturz so gut wie keine Auswirkungen, denn die Montage war bereits auf ein Datum zwei Wochen später terminiert. Tatsächlich begannen Anfang August 2008 die Arbeiten, wobei man sich dieses Mal für eine Metallkonstruktion entschied, die einen markante blaue Farbe bekam. Interessanterweise setzte sich dieses Mal kein Spitzname durch, versuchte Namensgebebungen wie „Blauer Klaus“ oder „Blaues Wunder“ blieben erfolglos. Und so wurde beim offiziellen Festakt mit Bürgermeister Uwe Ufer und dem Vorstandsmitglied des Wupperverbandes Bernd Wille am 4. September 2008 einfach eine neue Brücke eingeweiht. Den Sportlern und Wanderern war der Name eh egal, sie hatten nach anderthalb Jahren endlich ihren geliebten Rundweg wieder.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 22. Juni 2018.

18.06.2018: Rückblende (40) zum 18. Juni 1968 – Stadtrat beschließt Grundzüge der Stadtsanierung

Der Plan zeigt ein geplantes Geschäftszentrum im Goethetal, das nie zustande gekommen ist. Foto: BM vom 11.12.1965.

(nob) Als am 18. Juni 1968 die Ratsmitglieder ihre Hände für eine Abstimmung erhoben, machte es den Eindruck einer wichtigen, aber eher routinierten Entscheidung. Das Gremium hatte soeben die Grundzüge für die Stadtkernsanierung beschlossen. Zuvor gemachte Einzelbeschlüsse wurden gebündelt, damit die Stadt einen Bebauungsplan aufstellen konnte. Doch der Eindruck täuschte: Die Ereignisse im Vorfeld und besonders die in der ersten Jahreshälfte 1965 waren ein Stück aus dem politischen Tollhaus und wohl bis heute in dieser Form einzigartig in der Geschichte der Stadt.

Was war passiert? In aller Stille hatte die Stadt 1964 den Architekten und Stadtplaner Drecker damit beauftragt, einen Entwurf für das Vorhaben zu fertigen. Seitens des Rates waren lediglich fünf Stadtverordnete in einem Ausschuss beteiligt. Dessen Existenz war zwar bekannt, aber ansonsten tagte man nichtöffentlich. Diese fast geräuschlose Arbeit dauerte noch bis zum 28. Januar 1965 an. An diesem Tag sollte der Rat – natürlich nichtöffentlich – über den Sachstand informiert werden. Als jedoch das FDP-Ratsmitglied Wilhelm Distelmeier eine öffentliche Debatte forderte, sein Ansinnen aber von CDU und SPD abgelehnt wurde, fiel der Startschuss für einen „heißen Frühling“ in der Schloss-Stadt. Immer neue Vermutung und Spekulationen wurden an den Stammtischen geäußert und durch die Geheimniskrämerei der Stadt in Kombination mit einer lokal befeuerten überregionalen Berichterstattung eskalierte die Diskussion. Vom „kompletten Abriss der Altstadt“ war die Rede. Man sprach von einem „teuflischen Plan“ sowie einer „Kulturschande und -vergewaltigung“. Die Krönung und die Spitze der Rhetorik war dann der öffentliche Vorwurf, dass man im Geheimen die „Aktion Bombenteppich“ plane. Alles das, was der Krieg nicht geschafft habe, sollte nun durch eine Sanierung erledigt werden.

In einer legendären Bürgerversammlung der CDU im Hofgarten am 15. Juli 1965, die zunächst komplett zu eskalieren drohte, kam die Wende. Bernhard Lampen, Fraktionschef der CDU, erklärte, dass es einen solchen Plan nicht geben würde und man alle im Rat am Erhalt des Stadtkerns interessiert sei. Zwar wurde der Dreckert-Plan noch am 9. Dezember 1965 im Stadtrat vorgestellt, doch der Architekt wurde 1966 durch den Dipl. Ing. Zlonicky abgelöst. Später räumten die Beteiligten dahingehend einen Fehler ein, dass man Dreckert für die Entwurfsplanung freie Hand gelassen und keine Vorgaben gemacht habe.

Mit dem Ratsbeschluss vom 18. Juni 1968 wurde dann auch auf ein neues Stadtzentrum im Bereich des Goethetals verzichtet. Im Gegenteil, es sollte die Altstadt als Zentrum erhalten bleiben, damit dort nicht eine reine Wohnbebauung übrig bleibe. Kernstück der Sanierung wurde der Bau der Goethestraße, weiterhin die Verbreiterung des Schmittweges. Verzichtet wurde auch auf eine Verbreiterung der Bongardstraße, die als Zufahrtsstraße zum Schloss dienen sollte. Die Marktstraße blieb unangetastet und die Islandstraße wurde in eine Fußgängerzone umgewandelt.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 20. Juni 2018.

11.07.2018: Rückblende (43) zum 11. Juli 2008 – Erstes Sommerbob-Rennen in Hückeswagen

Shuttle-Fahrten für die Bergische Morgenpost am Renntag. Foto: Norbert Bangert am 12. Juli 2008.

(nob) Zu bestimmten Gelegenheiten fällt der Begriff „Chronistenpflicht“. Selten war der Ausdruck, den man auch mit „vollständigkeitshalber“ übersetzen könnte, zutreffender, wie beim Notieren der Resultate des „Ersten Internationalen Sommer Bob Grand Prix“ in Hückeswagen. Nach drei Tagen Training und Wettbewerb vom 11. bis 13. Juni 2008 stand bei den Männern das Team von Karl Angerer und bei den Frauen das von Anja Schneiderheinze auf dem Siegerpodest, Letztere mit einem Streckenrekord von knapp 85 Kilometern in der Stunde.

Doch es war letztendlich eine Randnotiz, vielmehr war es das Ereignis an sich, das Geschichte in Form einer Weltpremiere schrieb: Fast wie Außerirdische wirkten die Vertreter der internationalen Bob-Elite in ihren Rennanzügen, die mitten im Sommer in der idyllischen Altstadt gelandet waren, um auf der Marktstraße beginnend mit einer spitzen Kurve in die Islandstraße einzubiegen und über den Wilhelmsplatz bis in die Bahnhofstraße hinunter zu rasen. Auf den Schlossplatz, wo man eher eine altertümliche Postkutsche vermuten würde, hatten die Stars zuvor ihr Fahrerlager aufgeschlagen.

Mangels eines Eiskanals hatte der Organisator Sven Schreiber von der Firma Hammerevents gemeinsam mit der „Professional Summer Bob Association“ (PSBA) kurzerhand eine 525 Meter lange Strecke auf einer Breite von 1,20 Metern mit einer Teerschicht belegen lassen und mit stabilen Banden versehen. Die Kufen wurden durch Rhombus-Rollen ersetzt, von denen der Hersteller aus Wermelskirchen 200 Stück zur Verfügung stellte. Zudem galt es, die sonstige Infrastruktur zu errichten: Eine kilometerlange Verkabelung für die Übertragungstechnik am Zieleinlauf, Aufstellen von Überquerungshilfen für die Zuschauer oder der Aufbau des Riesen-Zeltes „Pflitsch-Arena“ auf dem Etapler Platz.

Mit jedem Tag, an dem das Event näher rückte, wuchs auch die Vorfreude, während Veranstalter, Hauptsponsor Pflitsch und das Stadtmarketing unter der Regie von Uwe Ufer und Monika Winter kräftig die Werbetrommel rührten. Spätestens als die Teermaschine anrückte und auf der extra verlegten Kunststoffplane die Bahn ausrollte, war klar, dass aus einer verrückten Idee Wirklichkeit wurde. Auch die Bergische Morgenpost war mit der Partie: Sie sponserte das Team von Manual Machata, das am Ende Platz 3 belegte, und verloste zudem für die Leser Schussfahrten im Viererbob. Am 14. Juli 2008 titelte die BM „Zwei Tage Begeisterung pur“ und berichtete von etlichen tausend Menschen, die im Verlauf des Wochenendes die Strecke säumten. In den Rennpausen oder abseits der Strecke wurde eine Stuntshow oder Autogrammstunden geboten, während sich die Feierwütigen am Samstagabend in der Pflitsch-Arena versammelten, um Live-Musik von Olaf Henning oder den Alpenstürmern zu erleben.

Und die Sportler? Die waren begeistert und Karl Angerer fand die Sache „total crazy“. Die BM titelte am 15. Juli: „Alle wollen wiederkommen“. Und sie kamen wieder: 2009, 2012 und 2014 wurden weitere Feste gefeiert. Doch der Reiz des Neuen flaute ab und es kehrte wieder Ruhe ein in das beschauliche Hückeswagen.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 18. Juli 2018.

05.06.2018: Rückblende (39) zum 4. Juni 1968 – Pfingstchaos an der Bever und ein geschlachtetes Rind

(nob) Ein scheint eine Art „Hückeswagener Naturgesetz“ zu sein: Immer an schönen Sommertagen und besonders zu Feiertagen bricht an der Bevertalsperre das Chaos aus. Zwar konnte eine im September 2004 gegründete „Ordnungspartnerschaft Bever-Talsperre“, an der der Wupperverband, die Städte Hückeswagen, Radevormwald und Wipperfürth, das Regionalforstamt Bergisches Land, der Oberbergische Kreis, die Feuerwehr und die Polizei beteiligte sind, die Situation in den vergangenen Jahren entschärfen, doch immer noch bleibt genug zu tun.

Was allerdings der BM-Journalist Peter W. Schroeder an Pfingsten 1968 von der Bever berichtete, ist schon abenteuerlich genug obwohl „die große Invasion“, so der BM-Titel, aufgrund des durchwachsenen Wetters ausgeblieben war. Bereits am Samstag vor Pfingsten meldeten die Polizeibeamten an die Funkstreifenleitstelle der Kreispolizeibehörde: „Nichts geht mehr!“ Schuld war „das Nadelöhr Bundesstraße 237 in der Ortsdurchfahrt Hückeswagen“, dass für einen Rückstau bis hoch nach Kammerforsterhöhe sorgte. Nachdem der Verkehr auf eine Kreisstraße umgeleitet wurde, bekam die Polizei die Situation nach guten zwei Stunden in den Griff. Dass die Menschen damals im Straßenverkehr rücksichtsvoller gewesen wären als heute, kann man nach den Schilderungen Schroeders kaum glauben. So hagelte es gegenseitige Anzeigen von Fußgängern und Autofahrern, die sich wechselweise Rücksichtslosigkeit vorwarfen. In zwei weiteren Fällen musste sich jeweils ein Fußgänger auf dem Zebrastreifen mit einem Hechtsprung in Sicherheit bringen, weil es wartenden Autofahrern in der Autoschlange nicht schnell genug ging und zu rasanten Überholmanövern ansetzten.

Auch für die Diebe war die Bevertalsperre ein El Dorado: An einem parkenden Auto vor einer Gaststätte wurden kurzerhand die Halogenscheinwerfer abmontiert. Weiterhin liefen bei der Polizei Meldungen ein, wonach Vandalen Autoantennen und Scheibenwischer abbrachen.

Ein nahezu unglaublicher Zwischenfall ereignete sich an einem Hückeswagener Bauernhof, der in der Nähe der Bever lag. Unbekannte waren mit ihrem Fahrzeug dicht an das Gehöft herangefahren, stellten es dort ab und schlichen sich in die Stallungen. Unbemerkt führten sie ein sechs Monate altes Rind ins Freie, schlachteten das Tier noch auf dem Hof und verluden dann das Fleisch in ihren bereitstehenden Wagen! Wenige Minuten später waren sie in dem dichten Verkehrsgewühl zu Pfingsten, was die Viehräuber offenbar bewusst ausnutzten, verschwunden.

Diese Ereigniskette an einem leicht verregneten Pfingsten lässt erahnen, was in dieser Zeit los gewesen war, wenn es Kaiserwetter gab, vor 50 Jahren.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 5. Juni 2018, URL: https://rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/pfingstchaos-an-der-bever-und-ein-geschlachtetes-rind_aid-23216771