17.05.2018: Rückblende 17. Mai 1943 – Bomben fallen auf die Bevertalsperre

(nob) Wenn der ehemalige Rektor Wilhelm Stuckmann in seiner Zeitzeugen-Chronik des Zweiten Weltkrieges schreibt, dass viele Hü-keswagener Familie am 17. Mai 1943 ein „herrliches Fischgericht“ auf dem Tisch hatten, dann ist ein gewisser Galgenhumor unverkennbar. Denn die Zeiten vor 75 Jahren waren alles andere als vergnüglich.

Bei einem Fliegerangriff in der Nacht zuvor waren Bomben auf die Talsperre geworfen worden. Die Städtische Chronik berichtet von genau zwei Bomben, die eingeschlagen sind. Zwar blieb die Staumauer unbeschädigt und Menschen kamen auch nicht zu Schaden, jedoch wurde der Fischbestand stark in Mitleidenschaft gezogen. „Die Wasseroberfläche war mit Fischen bedeckt“, berichtet Stuckmann. Trotzdem waren die Fische offenbar genießbar.

Das Ereignis hatte noch eine weitere Folge: Noch am gleichen Tag wurde „leichte Flak“ an die Talsperre verlegt, um weiteren möglichen Angriffen nicht vollkommen wehrlos ausgesetzt zu sein. Später dann wurde das Personal durch Aushilfspolizisten ersetzt.

Doch warum nahmen die alliierten Kampfverbände überhaupt die Be-vertalsperre ins Visier? Auf der Casablanca-Konferenz am 21. Januar wird die Direktive für eine „gemeinsame Bomberoffensive“ der westlichen Alliierten USA und Großbritannien gegen das Deutsche Reich verabschiedet. Der Angriff auf die Talsperre ist mutmaßlich Teil einer Aktion, die in der Kriegsgeschichte unter dem Namen „Operation Chastise“ (dt.: „Züchtigung“) bekannt wird und zum Ziel hatte, Staumauern von Talsperren in Hessen und dem späteren Nordrhein-Westfalen durch eine spezielle Staffel der Royal Air Force anzugreifen. Das Bild der zerstörten Edertalsperre, bei dem ein großes Stück aus der Mauerkrone herausgesprengt wurde, ist ins kollektive Bildergedächtnis der Deutschen übergegangen. Die überregionalen Kriegschroniken berichtet zwar nicht über einen geplanten oder stattgefunden Angriff auf die Bevertalsperre, doch das Datum ist mit Sicherheit kein Zufall.

Der britische Premierminister Winston Churchill geht in einer Rede am 8. Juni 1943, also knapp einen Monat nach dieser Operation, nochmal in einem Propaganda-Flugblatt auf die Motivation der Bombenabwürfe ein, damit Ursache und Wirkung nicht verdreht werde: „Der Feind stimmt jetzt ein lautes Wehgeschrei darüber an, dass diese Form der Kriegsführung, durch die er selbst die Weltherrschaft zu erlangen gedachte, sich so entschieden zu ihrem Nachteil gewendet hat.“ Rektor Wilhelm Stuckmann beklagt in seiner Chronik, dass 1943 im zunehmenden Maße „die schönen deutschen Städte in Schutt und Asche gelegt werden“. Alleine in Hückeswagen gab es 34-mal Luftalarm und an 55 Ge-bäuden entstanden Schäden. Fünf Menschen kamen ums Leben, 14 Kühe und ein Pferd verendeten nach Bränden.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 17. Mai 2018, URL: https://rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/grosses-fischsterben-nach-bombenangriff-auf-die-bever-talsperre_aid-22686049

01.05.2018: Rückblende 1. Mai 1893 – Winterhagen bekommt einen Eisenbahnhaltepunkt

Der Bahnhof Winterhagen mit dem alten und dem neuen Stationsgebäude. Foto Archiv Kux/Johann.

(nob) Der Tanz in den Mai 1893 war für die Menschen in Winterhagen ein ganz besonderes Fest. Der 1. Mai war ein Montag und würde ihre kleine Welt nachhaltig verändern. Angekündigt war nämlich die Eröffnung eines Eisenbahnhaltepunktes.

Als am 13. Mai 1876 die Bergisch-Märkische Eisenbahn die ersten Züge zwischen Lennep und Hückeswagen nach offiziellem Fahrplan rollen ließ, war davon noch keine Rede. Die Menschen in Winterhagen, wo die Trasse durch das Gebiet der Landgemeinde führte, blieben zunächst Zaungäste und mussten ihre Fahrkarten entweder in Hückeswagen oder in Bergisch Born lösen. Doch knapp zwei Jahrzehnte änderte sich das. Es stand der generelle zweigleisige Ausbau der Strecke von Lennep nach Bergisch Born an und Vorprüfungen kamen zu dem Ergebnis, dass sich nun die Eröffnung eines Haltepunktes in Winterhagen, dass an dem Abzweig von Bergisch Born nach Wipperfürth lag, für den Personenverkehr lohnen würde. Und so erfolgte am 2. März 1893 der erste Spatenstich. Voller Vorfreunde wertet die Bergische Volkszeitung den Beginn der Arbeiten „als einen weiteren Fortschritt für die Entwicklung unserer Verkehrsverhältnisse“.

Der neue Fahrplan hatte immerhin 15 Halts in Winterhagen in die eine oder andere Richtung vorgesehen. Der erste Zug startete um 6.17 Uhr nach Bergisch Born, der letzte fuhr um 22.17 Uhr nach Wipperfürth. Und die Menschen konnten dort nicht nur Fahrkarten kaufen. Die Landwirte konnten an der Station ihre Milchkannen verladen und eine neue Gaststätte eröffnete. Somit entstanden ein neuer Warenumschlagsplatz und ein Treffpunkt, an dem Neuigkeiten ausgetauscht wurden.

Eine erste Bilanz zwei Monate nach Eröffnung gab den Optimisten recht, die eine starke Frequenz vorhergesagt hatten: Alleine im Premierenmonat Mai wurden über 2400 Fahrkarten ausgegeben. Auch am anderen Ende der Landgemeinde an der Grenze zu Wipperfürth kam Vorfreude auf, denn noch für November war ein Halt in Hämmern geplant.

In den folgenden Jahren florierte die Bahnverbindung, so dass 1898 erste Erweiterungen erfolgten. Der Bahnsteig wurde um 50 Meter verlängert und das Stationsgebäude erhielt einen Wartesaal für die Passagiere der 1. und 2. Klasse. Der Höhepunkt der Winterhagener Eisenbahngeschichte kam am 1. Dezember 1906: Direkt neben dem ersten Stationsgebäude entstand ein neuer Bahnhof und wie es damals hieß, das schönste Bahnhofsgebäude der Region. Als die Familie Kux das Gebäude viele Jahrzehnte später erwarb und im Jahr 2006 im privaten Kreis „das Hundertjährige“ Bestehen feierte, war das erste Stationsgebäude schon lange abgerissen. Bilder im Eingangsbereich der Heilpraxis von Ute Kux künden noch heute von den ruhmreichen Zeiten.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 8. Mai 2018. URL: https://rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/winterhagen-bekommt-einen-eisenbahnhaltepunkt_aid-22487313

28.04.2018: Rückblende 28. April 1938 – Gründung einer Abteilung des Sauerländischen Gebirgsvereins (SGV) in Hückeswagen

Eine SGV-Jahreshauptversammlung im Jahr 1977 unter der Leitung von Werner Scheider. Foto: Kübach/Archiv SGV.

(nob) Es ist ein Phänomen in der Geschichtsschreibung über Vereine in Deutschland und war oft eine der ersten Fragen von Neumitgliedern: Warum gibt es außerhalb des Sauerlandes eigentlich Abteilungen des Sauerländischen Gebirgsvereins (SGV)? Dem Mitbegründer des Vereins, dem Forstrat Ernst Ehmsen aus Arnsberg, gelang es ab 1890 auf Dienstreisen in kurzer Zeit wichtige Persönlichkeiten aus anderen Städten zu einer Abteilungsgründung zu bewegen. Schon damals stand der Fremdenverkehr im Zentrum des Interesses der Aktiven, heute würden wir es Struktur- und Tourismusförderung nennen.

Schnell verbreitete sich diese Idee, die auch das Anlegen und Pflege von Wanderwegen oder die Ortsbildpflege enthielt, und es gelang sogar SGV-Ableger in Berlin und Warschau zu gründen. 1891 gab es bereits 44 Abteilungen, trotzdem sollte es zu einer Gründung in Hückeswagen noch bis 1938 dauern. Diese und auch andere Gründungen jener Zeit gingen jedoch auf Kosten der Naturfreunde, der großen Wanderbewegung der Arbeiter, die den Sozialisten nahestand. Diesen Strukturen wollten die Nationalsozialisten etwas entgegensetzen, was ihnen nach der Machtübernahme Hitlers und der Gleichschaltung der Vereine ungleich leichter fiel.

In Hückeswagen hatten die Naturfreunde zunächst eine Hütte, später ein Haus, auf der so genannten Himmelswiese im idyllischen Wiebachtal (heute Staugebiet der Wuppertalsperre). Kurzerhand zerschlugen 1933 Nazischergen die Inneneinrichtung. Fünf Jahre später trieb in Hückeswagen der NSDAP-Gefolgsmann und von den Machthabern eingesetzte Bürgermeister Albert Gimbel die Pläne für die Gründung einer SGV-Abteilung voran und lud für den 28. April 1938 zur ersten Versammlung ein. In den Chroniken und den sich darauf berufenden Texten und Jubiläumsankündigungen wird immer der 28. März 1938 angegeben, was jedoch auf eine missverständliche Notiz der Gründer im Protokollbuch zurückzuführen ist. Im Übrigen wurde das Vereinshaus im Wiebachtal ebenfalls vom SGV übernommen.

Gründungsmitglieder des SGV Hückeswagen waren Menschen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, unter anderen der Sparkassendirektor Otto Schmitz, Hugo Stöcker, Hermann Heupel, Carl von Polheim, Eduard Schoppmann und Rektor Emil Stosberg. Den Aktiven vor Ort ging es in erster Linie, soweit es die Protokolle und Berichte erkennen lassen, um das Erleben der Natur, die Pflege des Ortsbildes und der Schaffung einer Infrastruktur zum Wandern. Erster Vorsitzender wurde Walter Kruse, prägend war danach vor allen Arnold Schmitz, der ab 1946 genau 30 Jahre den Verein führte.

Bis zur Auflösung der Abteilung am 31. Dezember 2012 wurde das Mitgliedsbuch akribisch geführt, zuletzt von Helga Bonell. Der Nachlass mit vielen Dokumenten aus den ersten Jahren ist mittlerweile gesichert und wird zurzeit geordnet und später dem Stadtarchiv Hückeswagen übergeben.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 3. Mai 2018. URL: www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/abteilung-des-sauerlaendischen-gebirgsvereins-entsteht-aid-1.7551595

21.04.2018: Rückblende 21. April 1968 – Der NS-Verfolgte Klaus-Heinrich Carl ist gestorben

Klaus-Heinrich Carl. Fotografie aus dem Bergischen Volksboten vom 30.12.1952.

Nur kurz ging vor 50 Jahren die ortsansässige Zeitung auf das Schicksal des in Hückeswagen aufgewachsenen Klaus-Heinrich Carl ein. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit den Nationalsozialisten verbrachte der Sohn des Rektors Matthias Carl, der in der Katholischen Stadtschule wirkte, einige Zeit in einem Konzentrationslager.

(nob) Es ist eine Geschichte, die sich in den 1930er- und 1940er-Jahren im Bergischen Land so oder ähnlich unzählige Male im Verborgenen abgespielt hatte. Für öffentliche Aufmerksamkeit sorgten in der Regel die NS-Täter bei den späteren Prozessen in Nürnberg oder der Rückblick auf spektakuläre Zwischenfälle, wie etwa den Hückeswagener Kommunistenmorden im Jahr 1932. Das stille Leiden der vielen Opfer hingegen vollzog sich im Privatbereich. Eine Passage in einem Nachruf der Bergischen Morgenpost vom 8. April 1968 anlässlich des Todes des Hückeswageners Klaus-Heinrich Carl lässt daher aufhorchen: „Die Nationalsozialisten verhafteten ihn wegen einiger Meinungsäußerungen und brachten ihn in einem Konzentrationslager unter in dem er schwere Zeiten durchstehen musste.“

Im Kontrast hierzu steht ein Zeitungsartikel im Bergischen Volksboten vom 30. Dezember 1952 anlässlich des Abschiedes aus Burscheid, wo Carl seit 1947 als Vikar tätig war. Es sei „aus der Kriegsgefangenschaft in Ägypten“ gekommen, hieß es dort. Die KZ-Haft wird jedoch mit keinem Wort erwähnt, wohl aber „harte, hinter ihm liegende Zeiten“. Diesem Kartell des Schweigens nach dem Zweiten Weltkrieg rund um die Vorgänge in den Konzentrationslagern vergrößerte nur noch das Leiden der Überlebenden. Richter, Juristen und Politiker, aber auch Journalisten, Beamte sowie Menschen aus vielen andere Schichten der Gesellschaft kehrten diese Dinge unter den Teppich. Erst mit den Auschwitz-Prozessen kam gesellschaftlich etwas in Bewegung und ein schmerzhafter Konflikt der Generationen brach sich Bahn. Die Fragen: „Warum?“ und „Was wusstet ihr?“ wurden zum Schrecken so mancher Menschen aus der Täter- und Mitläufer-Generation.

Wer war nun Klaus-Heinrich Carl? Er wurde am 6. Juli 1911 in Hückeswagen geboren. Er war der Sohn des Rektors Matthias Carl, der viele Jahrzehnte an der katholischen Stadtschule (heute Löwen-Grundschule) wirkte. Klaus-Heinrich Carl verbrachte seine Jugendzeit in Hückeswagen. 1939 wurde er nach dem theologischen Studium im Hohen Dom zu Köln zum Priester geweiht und seine Primiz (erste Messe) feierte er in seinem Heimatort. Seine erste Kaplanstelle erhielt er in St. Wendel an der Saar. Aber nur kurze Zeit konnte er hier seines Amtes walten: Die Nationalsozialisten verhafteten ihn wegen einiger (nicht näher ausgeführten) Meinungsäußerungen und brachten ihn in ein (ebenfalls nicht näher bezeichnetes) Konzentrationslager. Inwiefern die Haft im KZ und die Kriegsgefangenschaft in Ägypten im Zusammenhang stehen, lässt sich aus den bisher vorliegenden Informationen nicht rekonstruieren. Am 1. April 1947 jedenfalls trat der Hückeswagener als Vikar eine Stelle in Burscheid an und verbliebt dort bis Weihnachten 1952. Von dort ging es weiter zur Gemeinde St. Antonius in Essen-Frohnhausen. Die letzte berufliche Station war die Berufung als Pfarrrektor nach Westerhausen, wo er 1968 an einem Gehirnschlag starb.

Info: In Hückeswagen oder Burscheid liegt bisher kein Aufsatz, etwa eine Kurz-Biografie über den Geistlichen Klaus-Heinrich Carl vor. In den beim Prälaten und bekannten Historiker Helmut Moll vorliegenden Verzeichnissen, der schon seit vielen Jahre im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz das Leben der katholischen Märtyrer des NS-Reiches untersucht, wird er unter Nikolaus-Heinrich Carl geführt.

Erschienen in gekürzter Fassung in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 21. April 2018. URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/klaus-heinrich-carl-stirbt-aid-1.7528043

 

03.04.2018: Rückblende 3. April 1888 – Der „Gute Hirte“ Gerhard Rottlaender wird geboren

Pfarrer Gerhard Rottlaender, Bild Stadtarchiv Hückeswagen.

(nob) Der „Gute Hirte“ ist ein feststehender biblischer Begriff und steht heute nicht nur als Synonym für Jesus Christus, sondern auch für einen herausragenden Geistlichen. Der BM-Journalist Theo Dörpinghaus bezeichnete in einem Nachruf vom Februar 1972 den katholischen Pfarrer Gerhard Rottlaender als einen solchen und wenn man sich sein Wirken in Hückeswagen betrachtet durchaus zurecht.

Rottlaender wurde am 3. April 1888 als fünftes von acht Kindern in einer Arbeiterfamilie in Engelskirchen geboren. Trotzdem besuchte er das Humanistische Gymnasium in Krefeld, wo er im Frühjahr 1909 sein Abitur ablegte. Zum Studium der Theologie und der Philosophie besuchte er drei Jahre die Universität in Bonn, anschließend absolvierte er zwei Semester am Priesterseminar in Köln. Im Hohen Dom zu Köln erhielt Gerhard Rottlaender schließlich am 15. Februar 1913 die Priesterweihe.

Mit frischen Weihen und im Alter von 24 Jahren kam er dann nach Hückeswagen, wo er vom 1. März 1913 bis 1925 das Amt eines Vikars bekleidete. Direkt in seiner Anfangszeit wurde er 1914 bei einer Pfarrer-Vakanz kurzzeitig Pfarrverweser, bis Pfarrer Friedrich Uerlichs als Nachfolger von Joseph Heil das Leitungsamt der St. Mariä Himmelfahrt-Pfarrgemeinde übernahm.

Besondere Verdienste erwarb er sich als Präses im Gesellenverein (heute Kolpingsfamilie), wo er sich leidenschaftlich der Theatergruppe widmete. Auch gründete er ein Tambourcorps.

Im Jahre 1925 endete die erste Phase seines Wirkens in Hückeswagen, denn er wurde als Pfarrrektor und später als Pfarrer nach Bergneustadt versetzt. Ende 1936 übernahm er die Gemeinde „St. Severin“ in Lindlar, aber schon im April 1937 kehrte er nach Hückeswagen zurück, dieses Mal als Pfarrer.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt sein Engagement dem Umbau der Katholische Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt, der Erweiterung und der Modernisierung des Marienhospitals und dem Bau der „Kapelle Maria zur Mühlen“. In einem Nachruf wird vor allem seine Rolle als Kuratoriumsvorsitzender des Krankenhauses gewürdigt, da er wohl einen Sinn fürs kaufmännische entwickelte. Möglich wurde so der Bau eines neuen Schwesternhauses und eines Personalhauses.

Im Jahr 1955 ließ er für die Gemeinde in Voraussicht von steigenden Mitgliedszahlen ein Grundstück in Wiehagen erwerben, wo später die St. Katharina-Kapelle mit einem Gemeindezentrum entstand.

Zum 1. Oktober 1967 ging Rottlaender in den Ruhestand, wobei er mit einem feierlichen Hochamt verabschiedet wurde. In Anerkennung seiner Verdienste verlieh ihm Joseph Kardinal Frings den kirchlichen Ehrentitel „Erzbischöflicher Rat“.

Der Geistliche blieb in Hückeswagen wohnen, wo er in einem Schieferhäuschen an der Weierbachstraße seinen Lebensabend verbrachte. Noch bis zu seinem Tod am 3. Februar 1972 arbeitete er als Seelsorger im Marienhospital und kümmerte sich aufopferungsvoll um die Kranken. Sein diamantenes Priesterjubiläum, das Mitte Februar 1972 gefeiert werden sollte, durfte er nicht mehr erleben.

URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/der-gute-hirte-von-hueckeswagen-wird-geboren-aid-1.7505888, erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 11. April 2018.

05.04.2018: Rückblende 5. April 1868 – In Herweg wird ein Nebengebäude für die Landschule errichtet

Die ehemalige Schule Herweg am 8.3.2018. Foto: N. Bangert.
Die ehemalige Schule Herweg am 8.3.2018. Foto: N. Bangert.

(nob) Die ehemalige Schule Herweg, dessen Kerngebäude 1816/17 errichtet wurde, war wohl die renommierteste Landschule auf dem heutigen Stadtgebiet. Zu verdanken hatte sie diesen Ruf dem Lehrer Heinrich Wilhelm Dortkampf, dem seine Schüler noch viele Jahre nach seinem Tod (1863) ein Denkmal gesetzt hatten. Unter seiner Leitung von 1843 bis 1862 blühte die Schule derart auf, dass Schüler nicht nur aus den benachbarten Schulbezirken, sondern sogar aus Rheinland und Westfalen zu ihm geschickt wurden. Noch heute ist das gut erhaltene und ansehnliche Gebäude in Neuenherweg zu bestaunen, wo sich auch das Denkmal des Dorflehrers befindet.

Ein wichtiger Schritt, die eine der Grundlagen für den späteren Bedeutungszuwachs bildete, war der Bau eines Nebengebäudes im Jahr 1868. Nur in einem Gebäude, das den damaligen Anforderungen einigermaßen gerecht wurde, konnte auch ein guter Unterricht gedeihen. In der Ausgabe vom 1. April der Bergischen Volkszeitung, dem Vorgänger der Bergischen Morgenpost, heißt es wörtlich: „Zu Herweg sollen ein Schulhaus-Anbau, sowie ein neues Stallgebäude, verbunden mit einer Retirade erbaut – und die zu 1600 Thlr. veranschlagte Arbeiten im Wege der öffentlichen Submission vergeben werden. Die Vergantungs-Bedingungen nebst Plänen und Kosten-Anschlägen liegen im Amtslokale des Unterzeichneten zur Einsicht offen. Unternehmungslustige wollen ihre schriftlichen Offerten versiegelt bis spätestens Montag den 6. k. Mts. bei mir einreichen. Die Eröffnung der eingegangenen Offerten findet am Dienstag, den 7. k. Mts. April, Vormittags 10 Uhr, in meinem Amtslokale statt. Hückeswagen, den 27. März 1868. Der Bürgermeister Wirth.“

Die Ausschreibung zeigt sehr schön, wie sich innerhalb von 150 Jahren Sprache verändern kann. Mit „Retirade“ ist eine Toilette gemeint, eine „Submission“ ist das veraltete Wort für eine Ausschreibung und „Vergantungs-Bedingungen“ sind die Konditionen für die Vergabe des Auftrages nach den Prinzipien des Höchstgebotes. Und mit „Unternehmungslustigen“ sind nicht etwa vergnügungssüchtigen Wochenendausflügler gemeint, sondern mögliche Auftragnehmer.

Die Bezeichnung „Hückeswagen“ in dieser Ausschreibung ist schlichtweg ein Irrtum. Julius Wilhelm Wirth war 1868 Bürgermeister von Neuhückeswagen, wie die Landgemeinde bezeichnet wurde, und nicht der Stadtgemeinde Hückeswagen. Das „Amtslokal“, von dem die Rede ist, befand sich im heutigen Gebäude Rader Straße, wo sich einst die Verwaltung der Landgemeinde befand.

18 Jahre nach der Errichtung des Nebengebäudes fand dann die entscheidende Erweiterung statt: 1886 wird die Nutzfläche des Schulgebäudes verdoppelt. Noch bis 1966 dauerte der Schulbetrieb in Neuenherweg an, 1971 kaufte dann der Stuckateur Karl-Heinz Reich das Haus und wandelte es in ein Wohnhaus um.

Info: Über die Schule Herweg, das Gebäude und das Denkmal liegen mehrere Aufsätze und Veröffentlichungen vor, u.a. im Jubiläumsbuch „900 Jahre Hückeswagen“, Leiw Heukeshoven Nr. 39 (Hella Krumm: Das Dortkamp-Denkmal in Herweg) und Zusammenfassungen und Materialien von Karl-Heinz Reich.

URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/in-herweg-wird-ein-nebengebaeude-fuer-die-landschule-errichtet-aid-1.7494165, erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 5. April 2018.

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05.03.2018: Rückblende 5. März 1968 – Gemeinsam „Geld machen“ im Investment-Klub

(nob) Selten erlangte ein Werbespot einen so hohen Bekanntheitsgrad wie der im Jahr 1996 mit dem Schauspieler Manfred Krug. Er warb für die so genannte „T-Aktie“ der Telekom und löste damit einen regelrechten Boom in der Bevölkerung aus. Menschen, die sonst niemals Aktien gekauft hätten, wagten sich auf unbekanntes Terrain und beschäftigten sich plötzlich mit DAX und Dow Jones.

Es ist jedoch ein weit verbreiteter Irrtum, dass dies die Geburtsstunde für den Aktienhandel des „kleines Mannes“ gewesen wäre. Genau am 5. März 1968 kommt es nämlich im „Hotel Zum Hofgarten“ zu einer ganz besonderen Versammlung. Namentlich nicht näher genannte „Aktieninteressierte“, die sich bis dato in regelmäßigen Abständen in Hückeswagen zu einem Erfahrungsaustausch getroffen hatten, stellten Überlegungen zur Gründung eines Investment-Klubs an. In diesem Zusammenhang wird in dem BM-Artikel „Umgang mit Aktien ein einträgliches Hobby“ ausdrücklich betont, dass bereits an vielen Orten der Bundesrepublik „nach dem Beispiel Amerikas“ Investment-Klubs in Leben gerufen worden seien und dass sich „immer breitere Sparerschichten jetzt wieder für Aktien interessieren“ würden.

Es waren drei Entwicklungen, die im Zusammenspiel die Spekulationslust entfachten. Zum einen wuchs in den 1960er-Jahren die Anzahl der Menschen, die finanzielle Mittel angespart hatten, die nicht unmittelbar für den Konsum oder die Lebenshaltung benötigt wurden. Zweitens nahm die Zahl der damals so titulierten „Spekulanten-Vereine“ zu, die sich 1960 zu einem Weltverband zusammengeschlossen hatten. So gab es 1968 in Deutschland 2000 derartige Vereine mit insgesamt 40000 Mitgliedern. Und drittens kam es Ende der 1960er-Jahre zu einer Aktien-Hausse, die den Menschen urplötzlich eine Möglichkeit aufzeigte, auf relativ schnelle Weise zu einem kleinen Vermögen zu kommen.

Doch schon das Jahr zuvor war offenbar kein schlechtes Börsenjahr. So heißt es in dem BM-Artikel: „Das Jahr 1967 […] war ein Traumjahr für den deutschen Aktiensparer: es brachte einen überdurchschnittlichen Kursgewinn von 42 Prozent innerhalb von knapp 12 Monaten“.

Kein Wunder also, dass sich nun auch die Hückeswagener von diesem Kuchen ein schönes Stückchen abschneiden wollten. Und so rief man für 19.30 Uhr an diesem 5. März 1968 zu einer „gemeinsamen Besprechung“ auf, zu der ausdrücklich auch erfahrene Aktiensparer eingeladen wurden. Der Zeitpunkt schien günstig, denn der Bundesbank-Bericht 1968 diagnostizierte für März eine „Aufwärtsbewegung mit raschem Tempo“. Es ist allerdings nicht überliefert, ob es tatsächlich zur Gründung des Vereins gekommen ist. In den Vereinsverzeichnissen von 1969 bis 1975 wird ein „Investment-Klub“ nicht erwähnt. Vielleicht war die Aussicht, Gewinne nicht teilen zu müssen, dann doch größer.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 27. März 2018. URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/gemeinsam-geld-machen-im-investment-klub-aid-1.7479589 

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15.03.2018: Rückblende 15. März 2008 – Hückeswagen gewinnt den WDR2-Tag

Wenn der Begriff „bewegte Zeiten“ wirklich einmal zutrifft, dann für die denkwürdigen Tage im März 2008. Seit Anfang des Monats gab es kaum noch ein anderes Gesprächsthema in der Schloss-Stadt, denn man beim populären Radio-Wettbewerb „WDR 2 für eine Stadt“ ins Finale einzogen. Hückeswagen befand sich unter den zehn Städten, die im Internet relativ auf die Einwohnerzahl gesehen „am meisten angeklickt“ wurde. Ab diesem Zeitpunkt war klar, dass der Radiosender am 11. März über die Bemühungen der Einwohner berichten würde, den Wettbewerb zu gewinnen. Gespannt fieberte man dem Tag entgegen, doch was dann geschehen sollte, ist mit dem Wort „Krimi“ fast noch untertrieben.

Doch der Reihe nach: Einmal im Jahr versprach der Radiosender WDR 2 einer Stadt in NRW ein großes Event. Herzstück war ein Open-Air-Konzert mit einer bekannten Band (für 2008 wurde BAP angekündigt) und die Produktion von beliebten Radiosendungen vor Ort. Um Ausrichter werden zu können, mussten sich die Städte in einer Vorrunde und an einem Finaltag qualifizieren.

Dass das erste Hindernis überwunden werden konnte, daran hatte die Bergische Morgenpost mit der Aktion „Wir klicken Hückeswagen“ entscheidenden Anteil. Durch die Aufrufe in der Presse gelang es, genügend Teilnehmer zu aktivieren, die wiederum Werbung für die Aktion machte. So kam man unter die letzten zehn.

Am Finaltag des 11. März dann begann das große Drama: Die Bürger sollten in der Stadt der Tuchweber spontan ein Riesen-Tuch zusammennähen und so die ersten fünf von möglichen 15 Punkten einfahren. Es gelang und auf dem Etapler Platz wurde das Gemeinschaftswerk entrollt. Es folgte der Auftritt von Bürgermeister Uwe Ufer. Seine Aufgabe war es, zehn Fehler zu finden, die in einem Stadtporträt versteckt waren. Neun fand er, der zehnte Punkt wurde dann zum Zankapfel. Ufer wähnte den Trabi-Club, der den letzten Trabi besaß, in Sachsen, während der WDR darauf hinauswollte, dass es auch in Hückeswagen eine Trabi-Club gebe. Beide Seiten interpretierten die Antwort Ufers entsprechend und sahen sich im Recht.

Zunächst sträubte sich der WDR, den nötigen 15. Punkt zu vergeben, um in ein Stechen mit drei weiteren Städten zu kommen. Doch sie hatten nicht mit Monika Winter gerechnet. Aufgrund ihrer energischen Vorsprache beim Radiosender bekam Ufer nochmal eine Chance. Drei Zusatzfragen waren zu beantworten und tatsächlich gelang es Ufer.

Am 15. März 2008 galt es dann, der Bürgermeister musste sich nun im Stechen einem weiteren Quiz in drei Runden stellen. In der ersten Runde wurde Attendorn besiegt, dann in Runde 2 Beckum. Als dann sein Finalgegner aus Lippstadt die entscheidende Frage falsch beantwortete, brachen im Rathaus alle Dämme: Hückeswagen wurde am 24. Mai 2008 einen Tag Gastgeber für den WDR 2.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen , 14. März 2018, URL: www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/schloss-stadt-gewinnt-den-wdr-2-tag-aid-1.7453430

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23.02.2018: Rückblende 23. Februar 1968 – Karneval von Hückeswagen im Zeichen der Hippies

Eine Szenerie vom Rä-Te-Ma-Teng 1968: "Zwei Klaviere auf einem Pritschenwagen - So wurde Musik gemacht.", Foto publiziert am 27.02.1968 in der BM, Fotograf: Lutz Aldermann.
Eine Szenerie vom Rä-Te-Ma-Teng 1968: „Zwei Klaviere auf einem Pritschenwagen – So wurde Musik gemacht.“, Foto publiziert am 27.02.1968 in der BM, Fotograf: Lutz Aldermann.

Zu Karneval wird immer mal gerne das sogenannte Rheinische Grundgesetz zitiert. Ein Umstand, den wir dem Humoristen Konrad Beikircher zu verdanken haben, der es erstmals 2001 in einem Buch zusammengestellt hatte. Der Artikel 5 lautet: „Et bliev nix wie et wor.“ Dementsprechend müsste sich im Hückeswagener Karneval innerhalb von 50 Jahren so einiges verändert haben.

Es ist tatsächlich so, und Aufschluss hierüber gibt die ausführliche Berichterstattung in der BM vom 23. bis 27. Februar 1968. Meistens war Theo Dörpinghaus von Feier zu Feier unterwegs, der in seinem zusammenfassenden Artikel die Schloss-Stadt „von der rheinischen Luft angesteckt“ sah. Die Liste der Dinge, die auch heute noch geblieben sind, können wir kurzhalten: Den „Rä-Te-Ma-Teng“ gab es schon, geschrieben wurde er allerdings noch „Rä-Te-ma-Täng“. Den dazugehörigen etwas verunglückten Witz, wonach die plattdeutsche Übersetzung „Rette meine Zähne“ lautet, der Zug aber nicht an Karies leiden würde, lassen wir lieber im Dunkel der Karnevalsgeschichte verschwinden. An einem Aufruf in einem Vorbericht, man möge doch für den Zug zusammenhängende Gruppen von „Cowboys, Csárdásfürstinnen (Anm.: Operettenfigur), Negern und Märchengestalten“ bilden, sieht man auch, wie sich die Sprache mittlerweile verändert hat. Der Begriff „Neger“ hat heute einen faden Beigeschmack und wird allgemein als rassistisch bewertet, damals war es jedoch ein gebräuchlicher Ausdruck. Erwähnenswert ist noch, dass der Zug nur einmal durch die Innenstadt lief und nicht wie heute zweimal. Natürlich gab es auch schon die Galasitzung im Kolpinghaus, die auch damals schon „für den Humor bekannt“ war.

Eine Szenerie vom Rä-Te-Ma-Teng 1968: "Die Märchengruppe", Foto publiziert am 27.02.1968 in der BM, Fotograf: Lutz Aldermann.
Eine Szenerie vom Rä-Te-Ma-Teng 1968: „Die Märchengruppe“, Foto publiziert am 27.02.1968 in der BM, Fotograf: Lutz Aldermann.

Der größte Unterschied zwischen 1968 und 2018 ist wohl die Anzahl der Karnevalsfeiern in den Gaststätten und bei den Vereinen. Der TBH, der ATV und zuallererst der „Quartett-Verein Rheingold“ hatten große Karnevalssitzungen, letzterer feierte damals seine 20. Sitzung seit 1948. In den Gaststätten Schoppmann, Haus Bucheneck, Seehotel, Hofgarten, Schnabelsmühle und Wupperschenke tobte samstags und sonntags der Bär. In Bergisch Born, dass damals zum Teil auch zu Hückeswagen gehörte und im Volksmund „Dreiländereck“ hieß, hatten die „Blau-Weißen Jungs“ ihr Zuhause. Zu Rosenmontag ging es mit voller Kraft weiter: Die Tanzschule Böhlefeld veranstaltete einen Kostümball und der Karnevalsclub der „Rot-Weißen von der Bever“ hatten ihr Tanzfest.

Schon wieder acht Jahre her: Der Rä-Te-Ma-Teng im Jahr 2010. Marc von der Neyen und Tobias Bosbach im Vordergrund verteilen Kamelle.
Schon wieder acht Jahre her: Der Rä-Te-Ma-Teng im Jahr 2010. Marc von der Neyen und Tobias Bosbach im Vordergrund verteilen Kamelle.

Die Kolpingjugend hatte natürlich ihre eigenen Veranstaltungen, was eine Parallelität zur Gegenwart ist. Statt der Kindertanzparty gab es jedoch einen „bunten Abend“ und das Kinderprinzenpaar wurde „demokratisch gewählt“, wie immer man sich das vorstellen muss.

Bei den beliebtesten Motiven für Kostüme gab es 1968 drei Favoriten: Auf Platz 3 lag der Cowboy, auf Platz 2 der Indianer und unangefochtener Spitzenreiter war der Hippie! Verfolgt man die Berichte von den Feiern, müssen sich Zeitgenossen bei Auftritten der kostümierten Langhaarigen darüber köstlich amüsiert haben.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 13. Februar 2018. URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/jecke-schloss-stadt-von-rheinischer-luft-angesteckt-aid-1.7390158

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10.02.2018: Rückblende 10. Februar 1968 – Eier-Sortiermaschine „Liliput“ versetzt Berge

v.l.: Wilhelm Rüter, Ilse Rüter mit den Kindern Manfred in Ingrid. Fotograf war Theo Dörpinghaus, der die Familie Anfang 1968 bei der Arbeit an der Maschine ablichtete. Wilhelm Rüter war zum Zeitpunkt der Aufnahme zu Besuch aus dem Westfälischen, da er dort zusammen mit dem Sohn Ernst Rüter einen Hof hatte. Der Hof in Buchholz, wo das Foto entstand, gehörte Manfred Rüters Mutter Ilse, die eine geborene Wirth war.
v.l.: Wilhelm Rüter, Ilse Rüter mit den Kindern Manfred in Ingrid. Fotograf war Theo Dörpinghaus, der die Familie Anfang 1968 bei der Arbeit an der Maschine ablichtete. Wilhelm Rüter war zum Zeitpunkt der Aufnahme zu Besuch aus dem Westfälischen, da er dort zusammen mit dem Sohn Ernst Rüter einen Hof hatte. Der Hof in Buchholz, wo das Foto entstand, gehörte Manfred Rüters Mutter Ilse, die eine geborene Wirth war.

Es war genau der 10. Februar 1968, als eine kreative Schlagzeile in der Bergischen Morgenpost die Aufmerksamkeit der Leser erregte: „Liliput versetzt Berge – Eiersortiermaschine erleichtert die Arbeit“. Auf einem Foto waren vier Mitglieder der Familie Rüter zu sehen, wie sie auf ihrem Hof in Buchholz an der neuen Maschine arbeitete, abgelichtet durch den BM-Journalisten Theo Dörpinghaus. Diese „neueste technische Errungenschaft“, wie es hieß, war mit einer geeichten Waage ausgestattet und sortierte die Eier nach sieben damals geltenden Gewichtsgruppen. Die Eier wurden zuvor auf einem Band liegend unter einer Leuchtröhre geprüft, so dass die mit den unappetitlichen – aber nicht lebensgefährlichen – Blutgerinnseln sowie kleinen kaum sichtbaren Beschädigungen aussortiert werden konnten. Es war eine immense Arbeitserleichterung für alle Mitarbeiter.

Als kleiner Junge ist Manfred Rüter auf dem Bild zu sehen. Heute, 50 Jahre später, führt er selber den Hof, doch diese Szenerie sieht er nun mit ganz anderen Augen. „Letztendlich war die Einführung dieser Maschine Teil eines stetig andauernden Prozesses der Rationalisierung, dem die Landwirtschaft unterworfen ist“, sagt er. So stand man damals wie auch später vor der Frage: „Wie können die eigenen begrenzten Ressourcen effektiver eingesetzt werden?“ Und genau dieser Aspekt erklärt die weiteren Veränderungen auf dem Hof. Die Sortiermaschine war bis in die 1990er-Jahre in Betrieb, anfangs auch noch kurzzeitig ein Eier-Verkaufsautomat. „Dann löste zunächst die Milchviehwirtschaft die Geflügelwirtschaft ab und seit dem Jahr 2011 haben wir nur noch Ammenkühe“, beschreibt Rüter die weitere Entwicklung.

1968 zum Zeitpunkt des Artikels war ein wichtiger Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft bereits erfolgt: Aus der alten Agrarfrage „Wer wird die Scheunen füllen?“, so beschreibt es der Autor Ulrich Kluge in einem wissenschaftlichen Fachbuch zur Geschichte der Landwirtschaft, entstand die Frage „Wer wird die Scheunen leeren?“. Alle Zeichen standen auf Expansion, insbesondere bei der Veredelungswirtschaft, beispielsweise bei der Rinderhaltung. Und so war es auch auf dem Hof Rüter. Der ständige Druck zwang die Betriebe zur weiteren Spezialisierung, bis man irgendwann eine Grenze kam, die nicht überschritten werden konnte, so dass man umdisponieren musste.

„Gegenwärtig kommt hinzu, dass wir eine hohe Reglementierung und Bürokratisierung haben. Der Landwirt ist zum mittelständischen Unternehmer geworden“, so Rüter. Zunehmend entfremde sich der Konsument auch von den landwirtschaftlichen Prozessen, denn so der Landwirt weiter: „Alle wollen kaufen und essen, einen Schlachthof will aber keiner mehr sehen.

Erschienen in leicht gekürzter Fassung in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 12. Februar 2018. URL: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/hueckeswagen/eier-sortiermaschine-liliput-versetzt-berge-auf-hof-in-buchholz-aid-1.7385759

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