02.01.2019: Rückblende (60) zum 1. Januar 1909 – Start ins neue Jahr mit über 50 Fernsprechanschlüssen

Eine Werbung für Telefonanschlüsse von der Firma Elektra, Quelle: Stadtarchiv Hückeswagen, Akte 379b.

(nob) In einer der unzähligen Statistiken zur Infrastruktur von Stadt und Landgemeinde existiert folgender Eintrag: „Am 1. Januar 1909 waren in Hückeswagen über 50 Fernsprechanschlüsse eingerichtet“. Die Anzahl erscheint uns auf den ersten Blick nicht besonders groß. Doch immer wieder wird vergessen, dass die Verbreitung derartiger Alltagstechnik vor 110 Jahren wesentlich langsamer verlief als heute. Die Geschwindigkeit, mit der sich beispielsweise moderne Smartphones nach der Einführung von Apples iPhone im Jahr 2007 verbreitet haben, wäre 1909 absolut undenkbar gewesen.

Doch bevor wir uns einmal anschauen, in welchem Tempo die „moderne Technik Fernsprecheinrichtung“ ihren Weg in die Haushalte fand, ist unbedingt noch eine vorhergehende Entwicklung zu erwähnen: Zirka 30 Jahre vor Einrichtung der ersten Fernsprecher wurde im Jahr 1864 eine Telegraphen-Station in Hückeswagen eingerichtet. Bereits um 1850 hatten sich aus einzelnen Telegraphen-Linien nach dem Prinzip der Weiterleitung durch elektrische Impulse ein Telegraphie-Netzwerk gebildet, das sehr schnell wuchs und schließlich auch durch interkontinentale Seekabel ergänzt wurde. Aber Telegrafie war eben keine übertragene Sprache, sondern es wurden Texte codiert. Wenn es gelingen würde, so die Überlegung der Erfinder damals, Sprache direkt zu übertragen, könnte man Informationen wesentlich schneller übertragen. Wie die Geschichte lehrt, gelang es und so entstanden neben den schon etablierten Telegrafie-Strecken die ersten Telefonleitungen mit einer anderen technischen Basis.

Am 30. Oktober 1895 war es dann auch in Hückeswagen soweit: Man richtete eine so genannte Stadt-Fernsprecheinrichtung ein, an die anfangs sechs Teilnehmer angeschlossen wurden. Mit der Inbetriebnahme wurde eine Verbindung zur Maschinenfabrik Bêché & Grohs (Peterstraße), zur Tuchfabrik Bockhackers Nachfolger (Mühlenweg), zum Bürgermeisteramt Neuhückeswagen (Rader Straße), zur Tuchfabrik Arnold Hueck (Fuhr), zur Stadt Hückeswagen im Schloss und zur Druckerei Friedrich Welke (Altstadt) hergestellt. Gleichzeitig erfolgte die Ankoppelung an das „Bergische Fernsprech-Netz“. Interessanterweise wurde in der kurzen Notiz der Bergischen Volkszeitung (einem Vorläufer der BM) appelliert, dass doch weitere Anträge gestellt werden mögen. Denn je mehr Anschlüsse an einem Ort vorhanden seien, desto größer wäre die Wahrscheinlichkeit, dass man mit weiteren Gebieten über das Bergische hinaus vernetzt werden würde.

Nachdem im Jahr 1904 ein eigenes Fernsprechamt zur Vermittlung der Gespräche eingerichtet wurde, liegt als nächste Nachricht besagter Statistikeintrag aus dem Jahr 1909 vor. Fazit: Von sechs Anschlüssen 1895 wuchs das Netz auf über 50. Für weitere zirka 45 Anschlüsse benötigte man also 14 Jahre, im Schnitt wären das folglich drei neue Anschlüsse pro Jahr. Wenn es also demnächst wieder mal etwas länger dauert mit dem Telefonanschluss, denken wir am besten an die Anfänge im 19. Jahrhundert zurück und alles relativiert sich.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 2.1.2019.

09.01.2019: Rückblende (61) zum 9. Januar 2004 – Meisterchor „Quartettverein Rheingold“ löst sich auf

Der Meisterchor „Quartett-Verein Rheingold“ tritt 1981 in der Hückeswagener Hauptschule auf. Foto: Stadtarchiv.

(nob) Das Maß aller Dinge für den Meisterchor „Quartett-Verein Rheingold“ schrieben die Gründungsmitglieder am 6. Oktober 1921 in die Satzung: Der Verein „bezweckt den Männergesang zu pflegen. […] Es können […] nur ausgesprochene Sänger mit gutem Stimmmaterial als [aktives] Mitglied aufgenommen werden.“ Etwas mehr als 82 Jahre später, am 15. Januar 2004, teilt der Vorsitzende Rolf Kottsieper in einem Pressegespräch mit: „Der Sängerschwund führt nun dazu, dass der Chor dem eigenen Anspruch an hohe musikalische Qualität nicht mehr genügen kann.“ Er sei daher am 9. Januar mit der erforderlichen Stimmenmehrheit auf einer Mitgliederversammlung aufgelöst worden. Ob Absicht oder nicht, der damalige BM-Mitarbeiter und Musik-Koryphäe der Schloss-Stadt Franz Mostert verwendet ebenfalls den Begriff „Maß“ und stellt in einem Zwischenruf für die BM am gleichen Tag fest: „Rheingold und Mittelmaß passen nicht zusammen.“

Ganz offenbar hatte man bei der letzten Mitgliederversammlung in der Geschichte des Vereins keine Öffentlichkeit zugelassen, so dass Zeitzeugen von außerhalb nicht zugegen waren. Folgt man den Worten von Kottsieper, hatte es an diesem Abend des 9. Januar eine lange und teils auch stark emotional geführte Diskussion gegeben, die der Vorsitzende auf dem Pressegespräch mit den Worten kommentierte: „Es war eine sehr traurige Veranstaltung“.

Auslöser der sehr konsequent erfolgten Auflösung war der starke Mitgliederrückgang. So war innerhalb von nur fünf Jahren die Anzahl der Sänger von 43 im Jahr 1999 auf zuletzt 21 gesunken. Die Stagnation setzte bereits 1991 ein, als die Statistik 44 Sänger aufführte. Zu diesem Zeitpunkt war der Vorstand allerdings noch zuversichtlich, obwohl damals schon das Chorsterben auf überregionaler Ebene ein Thema war. In einem Gespräch mit dem BM-Redakteur Stephan Büllesbach sagte der damalige Vorsitzende Friedrich Heinze: „Wir sind ein Verein, der sich glücklich schätzen kann, so viele Jugendliche zu haben.“ Das Durchschnittsalter lag noch bei 47 Jahren, was im Vergleich zu anderen Chören mit gleichem Anspruch ein recht guter Wert war.

Alles hat nichts genutzt und für die ruhmreiche Vergangenheit konnte sich der Chor nichts kaufen. Konzertübertragungen im WDR, Teilnahme an Bundessängerfesten und die fünffache Auszeichnung als Bundesmeisterchor standen auf der Habenseite. Die ARD machte 1986 sogar ein Fernsehporträt und die Mitglieder tourten durch ganz Europa. Selbst im heimischen Karneval war der Rheingold neben der Kolpingsfamilie nicht wegzudenken. Es ist viel geschrieben worden über den Meisterchor und die Erinnerung ist durch den Erhalt des Nachlasses im BGV-Archiv und vor allem durch die Rheingold-Frauen, die sich immer noch regelmäßig treffen, quicklebendig. Doch das Maß aller Dinge waren eben nur „ausgesprochene Sänger mit gutem Stimmmaterial“. Die vielen Pokale an der Wand können leider nicht singen

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 9.1.2019.

23.01.2019: Rückblende (62) zum 23. Januar 1974 – Verheerender Großbrand am Hallenbad

Laufende Löscharbeiten am Hallenbad am 23.01.1974. Foto: Stadtarchiv.

(nob) Treffender hätte es die BM am 24. Januar 1974 in ihrer Berichterstattung nicht ausdrücken können: „Der Wunschtraum vieler Hückeswagener wurde ein Raub der Flammen“ und die Augenzeugen „standen fassungslos an der Brandstelle“. Die Rede ist von einem spektakulären Großbrand am Tag zuvor im Brunsbachtal, der die geschilderten großen Emotionen bei den Menschen auslöste. Dort war das Hückeswagener Hallenbad, das den Namen „Willi-Daume-Bad“ trug, gerade im Bau und sollte drei Monate später im April 1974 eingeweiht werden. Dass daraus nichts werden würde, war jedem spätestens nach dem Betrachten der Fotos von der Unglücksstelle klar. Das Dach habe „wie Zunder“ gebrannt und wurde dementsprechend komplett zerstört.

Was war genau passiert? Gegen 15.20 Uhr des 23. Januars fanden Teerarbeiten am Dach statt, wobei offenbar ein kleines Feuer entstand. Da ein Feuerlöscher nicht sofort zur Hand war, breiteten sich die Flammen an hölzernen Leisten einer Seitenwand aus. Dann griffen sie auf die Skobalit-Abdeckung (ein Baumaterial aus Kunststoff) der Beleuchtungskörper und der hölzernen Dachkuppel über, wo sie sich innerhalb von Sekunden über die komplette Innenseite ausbreiteten. Trotz sofortiger Alarmierung konnte die Feuerwehr nur noch das Schlimmste verhindern. Sie musste zudem das Wasser anfänglich aus einem einzigen Hydranten entnehmen, tragischerweise kam man an die 600 Kubikmeter Wasser nicht heran, das sich bereits im Becken befand, da permanent brennende Holzteile von der Decke fielen. Die „dichte blauschwarze Rauchwolke“, so berichtete der BM-Journalist Lothar Kaiser, zog im Nu weitere Schaulustige aus der Innenstadt ins Brunsbachtal.

Das noch unfertige Hallenbad nach dem Brand. Foto: Stadtarchiv.

Offenbar noch unter dem Eindruck des Geschehens stehend, ging der Journalist in seinem Artikel relativ hart mit der Feuerwehr ins Gericht. Kaiser monierte erstens eine einmütige Verzögerung durch eine falsche Ventilstellung nach dem Anschließen des ersten Löschschlauchs am Hydranten und zweitens die Geschwindigkeit der Schlauchverlegung einer Zusatzleitung für Wasser aus dem Johannisteich, die angeblich „gemächlichen Schrittes“ erfolgt sei. Hinzu kam auch noch Pech, da der zuständige Versorger BEW den Druck auf die Wasserleitung nicht im erforderlichen Maß erhöhen konnte, weil an der Zuführung ins Brunsbachtal noch gearbeitet wurde.

Eine erste Schätzung der Schadenshöhe noch am Brandtag überschritt die Grenze von einer Million DM. Doch zur Beruhigung der vor Ort befindlichen Stadtverordneten konnte der Versicherungsfachmann Karl-Heinz Müller verkünden, dass ein Versicherungsschutz im Brandfall bestehen würde. Später stellte sich zudem heraus, dass die Schadenssumme nicht ganz so groß war. Der ausführenden niederländischen Firma Pellikaan gelang es schließlich, mit einer Zeitverzögerung von nur drei Monaten das Bauprojekt fertigzustellen. Am 20. Juli 1974 kam es unter Anwesenheit von Willi Daume zur Eröffnungsfeier.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 23.01.2019

27.12.2018: Rückblende (Sonderartikel) – Interview mit dem CDU-Vorsitzenden Willi Endresz zur Demo beim St. Martinszug und zum Umgang mit Andersdenkenden in einer Partei

Willi Endresz, Ende 2018 Ortsvorsitzender der CDU Hückeswagen.

(nob) In zwei Rückblenden in der BM hatte ich an Ereignisse erinnert, bei denen die CDU als Partei viel Kritik einstecken musste. Am 11. November 1968 kam es zu einer ideologischen Auseinandersetzung zwischen der 68er-Bewegung und Altvorderen der Christdemokraten. Im Januar 1979 musste man sich in einem Leserbrief die Frage von Jürgen Löwy gefallen lassen, wie man denn mit Andersdenkenden umgeht. Kurz zuvor war Marie-Luise Recknagel aus der Fraktion ausgeschlossen worden, da sie bei einer Stadtdirektorwahl für den Oppositionskanditaten Hans-Jürgen Pauck gestimmt hatte. Ob diese beiden Ereignisse eventuell miteinander zu tun haben und wie Jahrzehnte später ein CDU-Repräsentant diese bewertet, darüber sprach die BM mit Willi Endresz, seit 2007 Vorsitzender des CDU Hückeswagen.

Wenn Sie die Ereignisse mit nun zeitlichem Abstand betrachten, wie bewerten Sie diese?

Endresz: Ich kann mir das heute in der Form nicht mehr vorstellen. Vor allem habe ich im Zusammenhang mit der Wahl von Hans-Jürgen Pauck die Geheimniskrämerei nicht verstanden. Offenbar wollte man taktisch vorgehen. Da der Kandidat nicht direkt von den Bürgern, sondern vom Rat gewählt wurde, war es damals nicht üblich ihn vorher ausgiebig bekanntzumachen und zu werben.

Nun steht die grundsätzliche Frage im Raum: Wie geht man mit Andersdenkenden um?

Endresz: Jetzt kann ich nur für die CDU sprechen: Grundsätzlich gibt es bei uns keinen Fraktionszwang. Natürlich versuchen wir zwecks Zielerreichung einheitlich aufzutreten, vor allem bei wichtigen Entscheidungen. So erwarten wir von möglichen Andersdenkenden, dass sie uns vorher Bescheid geben, damit der Fraktionsvorsitzende in der Ratssitzung nicht überrascht wird.

Nun waren die Leute der 68er-Bewegung auch Andersdenkende, vor allem im ideologischen Sinn. Gibt es diesen ideologischen Kampf im Hinblick auf die Linke heute noch?

Endresz: Die Bewegung hat damals natürlich auf dem Land ordentlich Staub aufgewirbelt. Meiner Beobachtung nach ist heute der ideologische Kampf gegen die Linke eher untergeordnet, vor allem auf kommunaler Ebene, wo meistens sachlich argumentiert wird. Natürlich ist es gut, wenn politische Gruppierungen für mehr Sozialleistungen eintreten. Den finanziellen Spielraum erwirtschaften wir alle gemeinsam, indem Arbeitgeber und Arbeitnehmer über Steuern den Staat dazu in die Lage versetzen. Der Staat darf aber dafür nicht dauernd neue Schulden aufnehmen, das verbietet die Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen. Hinzu kommt, dass einige Linke noch leibhaftig die DDR kennen. Offenbar wird vergessen, mit welcher Brutalität das Regime seinerzeit handelte. Mich regt es nicht auf, wenn die Linke eine große Anhängerschaft hat. Wenn aber die Freiheit des Individuums beschnitten wird, ist für mich eine Grenze erreicht.

Wie bewerten Sie denn überhaupt Bewegungen dieser Art, sei es auf bundespolitischer Bühne oder auf kommunaler?

Endresz: Besonders mit Blick auf die Ereignisse beim Martinszug ist für mich immer noch und immer wieder denkbar, dass die Leute auf die Straße gehen. Das Beispiel „Protest gegen die Grundsteuer B-Erhöhung“ ist in etwa vergleichbar. Solche Gruppen bilden sich spontan, meistens über die so genannten Sozialen Medien. Wenn das Thema dann aus ihrer Sicht positiv erledigt ist, sind die Gruppen wieder weg. Und wenn dann andere sehen, dass man damit Erfolg hat, ahmen sie das natürlich nach. Auch die heutige Medienlandschaft trägt dazu bei. Früher war die Bevölkerung alleine auf Zeitung, Radio oder Fernsehen angewiesen, das heißt die Informationen flossen nicht so schnell wie heute und vieles lief über Mundpropaganda. In den nun interaktiven Medien können sie solche Bewegungen sprichwörtlich aus dem Boden schießen zu lassen.

Wie erklären Sie sich denn die sehr harte Rede von Alfons Koppelberg, der mit der damaligen VHS-Führung so ins Gericht ging?

Endresz: Man ist in dieser Zeit verbal anders miteinander umgegangen. Heute gibt es dafür den Begriff „political correctness“. Durch dieses ungeschriebene Gesetz werden viele Meinungsäußerungen abgeschwächt und verwischt, so dass der Wähler die Parteien nicht mehr unterscheiden kann und fragt: Was soll ich wählen? Damals hat man klar die Fronten zwischen den Parteien abgesteckt, indem vereinfachend schwarz-weiß argumentiert wurde. Auch die Befragungstechnik der Journalisten trägt dazu bei. Es wird extrem hartnäckig nachgebohrt, obwohl klar ist, dass man nichts sagen will, vor allem dann nicht, wenn in Partei oder Fraktion noch keine verkündbaren Beschlüsse gefasst wurden. Dann wird die Aussage unbestimmt.

Das heißt also, dass die Derbheit der Sprache oder das verdecken von internen Konflikten und Entscheidungsprozessen, eben nicht typisch CDU sind?

Endresz: Ja. Nehmen wir das Beispiel der internen Konflikte, wir haben hier ein ganz normales soziales Verhalten vorliegen. Jede Organisation regelt so etwas erst intern. Selbst in der Verwandtschaft macht man das. Und wenn dann doch etwas rauskommt, wird es eben von den Medien ausgeschlachtet. Das will man natürlich vermeiden.

Bleibt immer noch die Frage: Wie gehen Sie denn nun mit Außenseitern um?

Endresz: Grundsätzlich gibt es kein Patentrezept. Es gibt keine Arbeitsverträge nach Arbeitsrecht, wie zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, in denen der Umgang miteinander klar geregelt ist. In einer Partei wird das „Miteinander“ der Mitglieder durch eine Satzung bestimmt, in der das Werkzeug des Parteiausschlussverfahrens enthalten ist. Dieses stellt jedoch eine hohe Hürde dar, wie ich selbst in einem Fall in einem anderen Ortsverband feststellen konnte. Es kommt dabei immer auf die Charaktere an. Wir sind als CDU eine Volkspartei mit vielen Strömungen und haben auch den Anspruch, möglichst viele Meinungen zu integrieren. Andere Meinungen müssen möglich sein.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 27.12.2018.

Einen Tag später, am 28. Dezember 2018, erschien eine Richtigstellung in der Zeitung, wonach Hans-Jürgen Pauck Wert auf die Feststellung legt, das er niemals Mitglied der SPD gewesen war. Dieser Eindruck hätte fälschlicherweise entstehen können, so sagte er. Tatsächlich konnte der Eindruck entstehen, denn ich hatte im Text hinter den Namen das Kürzel „SPD“ in Klammern gesetzt.

26.12.2018: Rückblende (59) zum 26. Dezember 1863 – Großer Festball zur Einweihung der Gasbeleuchtung

Auf einer Ansichtskarte aus dem Jahr 1906 von der Bahnhofstraße ist eine der Gaslaternen zu sehen.

(nob) Mit Sicherheit war es ein rauschendes Fest in Hückeswagen, als am 26. Dezember 1863 die Honoratioren der noch jungen Stadt (erst 1859 erhielt man die Stadtrechte) in der Ruhmeshalle zusammenkamen. Denn ihnen ist zuvor im wahren Sinne des Wortes ein Licht aufgegangen. Gefeiert wurde die Einweihung der Gasbeleuchtung. Nun lässt sich dem Chronikeintrag nicht entnehmen, an welchem Tag genau das erste Gas durch die extra hierfür gelegten Erdleitungen geflossen ist, denn schon im Jahr zuvor wurden die entsprechenden Verträge abgeschlossen.

Glücklicherweise sind uns Details durch einen Aufsatz von Willi Wörsdörfer überliefert, der im Heft 24 von Leiw Heuckeshoven im Jahr 1985 über die Eigenerzeugung von Gas im Städtischen Gaswerk schrieb. Das Werk an der Bachstraße wurde demnach eigens gegründet, um städtische Straßen, aber auch private und öffentliche Gebäude zu beleuchten. 33 Hückeswagener Bürger zeichneten Anteile, um die von der Stadt zu erbringenden 5000 Taler bereitzustellen. Zu ihnen zählten beispielsweise die Fabrikanten Ernst Johanny und Carl Bockhacker, die natürlich ein Eigeninteresse an dem Projekt hatten, wurden doch auch ihre Fabriken mit Gas beliefert.

Die Städtischen Gaswerke erhielten einen Exklusivvertrag über 50 Jahre, kein anderer durfte Leitungen in der Straße verlegen. Zu Beginn bestand die Straßenbeleuchtung aus 24 Laternen. Verlegt wurden die Rohre in die Peterstraße, die Islandstraße bis hoch zur „Kreuzstraße“ (Einmündung Marktstraße/Kölner Straße), in die Kölner Straße, die Friedrichstraße und die Bachstraße bis zur Kolls Ecke (ehemaliges Gebäude in Höhe der Stadtbibliothek). Damit profitierten viele der damals 2700 Einwohner der Stadtgemeinde, während die Landgemeinde erst einmal leer ausging.

Nun berichtet Wörsdörfer, dass „1863 mit der Inbetriebnahme des Gaswerkes zu rechnen (gewesen) sei“, denn im Januar seien bereits vier der vorhandenen alten Straßenlaternen „nebst (Öl)-Brenner“ an die Gemeinde Ründeroth verkauft worden. Daraus folgt, dass zwischen diesem Zeitpunkt und dem 26. Dezember die Premiere stattgefunden haben muss, allerdings ist im Lenneper Kreisblatt (einem Zeitungsvorläufer der BM) darüber keine Notiz zu finden. Wir wissen noch, dass am 7. November 1862 der entsprechende Vertrag für eine „Lieferung ab 1863“ abgeschlossen wurde.

Die Ära der Eigenerzeugung des Gases für die Laternen dauerte bis 1933, dann wurde das Gaswerk aus Rentabilitätsgründen geschlossen. Vorher aber wurde nach der Erfindung des Glühstrumpfes im Jahr 1885 die Leuchtkraft des Gaslichtes erhöht und Zubehörteile zwecks Nachrüstung in einem kleinen Ladengeschäft am Gaswerk angeboten. 1911 erfolgte noch eine Innovation: Der bis dato benötige Laternenanzünder verliert seinen Job, denn fortan wurden die mittlerweile 70 Laternen mittels Druckwellen-Zündung aktiviert. Trotz alledem, der Wettlauf mit den Stromerzeugern ging im 20. Jahrhundert verloren und die Technik wurde erneut umgestellt, die Gaslaternen waren Technikgeschichte.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 4. Januar 2019.

10.12.2018: Rückblende (58) zum 10. Dezember 1978 – Hans-Jürgen Pauck wird überraschend zum Stadtdirektor gewählt

Das Bild zeigt Marie-Luise Recknagel bei der Stimmabgabe zur Wahl des Stadtdirektors am 10.12.1978. Foto: Kübach

(nob) Robert Zawada ist ein Mann der Hückeswagener Zeitgeschichte, allerdings ist er längst in Vergessenheit geraten und das hat einen Grund. Der Kämmerer aus der Gemeinde Tönisforst sollte 1978 eigentlich Stadtdirektor werden, doch daraus wurde nichts. Für Außenstehende vollkommen überraschend unterlag das ortsfremde CDU-Mitglied am 10. Dezember 1978 seinem einheimischen Gegenkandidaten Hans-Jürgen Pauck in einer Abstimmung des Stadtrats. Überraschend deswegen, weil Zawada der Kandidat war, dessen Partei im Stadtrat mit 18:15 die absolute Mehrheit der Mandate stellte. Doch nach Auszählung der geheimen Wahl hatte der Gegenkandidat der SPD 17 Stimmen bekommen und Zawada nur 16.

Was war passiert? Zwei CDU-Mitglieder hatten sich offensichtlich für den Kandidaten der Opposition entschieden. Die Christdemokraten wussten zwar, dass ein Fraktionsmitglied für Pauck stimmen würde, denn eine entsprechende Ankündigung erfolgte in einer vorhergehenden Fraktionssitzung. Dass jedoch noch ein zweites Mitglied die Seiten wechseln würde, hatte die Partei am Wahltag überrumpelt und sorgte nun für Unruhe.

In einer ersten Analyse machte der BM-Redakteur Udo Albiez unter anderem die Geheimniskrämerei des CDU-Fraktionsvorsitzenden Willi Brunsbach dafür verantwortlich, zumal ein auswärtiger Kandidat nominiert wurde, obwohl sich im konkreten Fall ein Hückeswagener anbot. Die CDU schoss öffentlich zurück und rügte Albiez für seinen Kommentar, da dieser erst „wenige Wochen Tätigkeit vor Ort“ nachweisen könne. Zudem wollte man einen Kandidaten haben, der nachweislich ein Fachmann und „unbeeinträchtigt von persönlichen Bindungen“ sei.

Am 17. Januar 1979 platzte dann die Bombe: Marie-Luise Recknagel, die seit 1975 Ratsmitglied war und im Vorfeld als eine von zwei Überläufern identifiziert wurde, wird aufgefordert, die Fraktion zu verlassen. Diese wehrt sich öffentlich und pocht darauf, dass es keinen Fraktionszwang gegeben habe. Tatsächlich war es der CDU aus Satzungsgründen in einem ersten Anlauf nicht gelungen, Recknagel auszuschließen.

In einem weiteren Leserbrief forderte eine Hückeswagenerin mit Bezugnahme auf Recknagels ostdeutschen Herkunft Thüringen den Rücktritt der Ratsfrau, da diese die CDU entgegen einer anfänglich gemachten Absichtserklärung nicht vertreten habe. Und die Eskalationsschraube dreht sich weiter: Friedhelm Schütte fordert unter Hinweis auf ein Demokratiedefizit öffentlich den Rücktritt des CDU-Ortsvorsitzenden Arno Biciste, den er als Schuldigen ausgemacht hatte. Ende Januar dann das letzte Kapitel: Es kam zum Fraktionsausschluss, dem sogar ein „öffentliches Redeverbot“ folgte. Jürgen Löwy war es schließlich, der nun in einem Leserbrief die Frage stellte: „Was passiert mit Andersdenkenden?“ Erneut musste sich die CDU rechtfertigen, was sie dann am 26. Januar 1979 mit einer Pressekonferenz tat. Tenor: Das Vertrauensverhältnis zwischen Fraktion und Recknagel sei schon zu Beginn zerstört gewesen. Zudem habe die Öffentlichkeit kein Recht „alles Schwebende zu erfahren“.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 10.12.2018.

05.12.2018: Rückblende (57) zum 5. Dezember 1958 – TBH feiert Richtfest bei Bau der vereinseigenen Halle

So präsentierte sich die TBH-Turnhalle nach der Eröffnung im Juli 1959. Das Bild wurde publiziert in der BM am 17.07.1959. Fotograf unklar.

(nob) Die vierte Strophe des Deutschen Turnerliedes dürften selbst historisch und musikalisch sattelfeste Mitglieder eines Sportvereins nicht auswendig kennen. Und doch ließ es sich der Journalist der Bergischen Morgenpost im Juli 1959 nicht nehmen, anlässlich der Eröffnung der TBH-Sporthalle an der Schnabelsmühle eine Zeile daraus zu zitieren: „Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit“, titelte er und hob damit die 5.265 von Vereinsmitgliedern geleistete Arbeitsstunden hervor, die in einer gemeinsamen Kraftanstrengung geleistet wurden.

Damit es überhaupt so weit kommen konnte, waren jedoch zunächst ein paar Etappenziele zu erreichen. Ein wichtiges fiel auf den 5. Dezember 1958, genau vor 60 Jahren wurde das Richtfest gefeiert. Und ein halbes Jahr vorher, am 14. Juni 1958, fand unter der Regie des Vereinsvorsitzenden Emil Steinberg der traditionelle erste Spatenstich statt. Bei Tagungen im gegenüberliegenden Vereinslokal (dem mittlerweile abgerissenen Haus Hartmann) wurde zuvor der Arbeitsplan festgelegt.

Von diesem Zeitpunkt an packten „in jeder freien Stunde, vor allen Dingen samstags“ kräftig an, so berichtete die BM. Ein spezieller Aufruf richtete sich an die TBH-Jugend, für die alle 14 Tage – ebenfalls an einem Samstag – ein „Sonderarbeitstag“ organisiert wurde. Und auch die Turnerinnen ließen es sich nicht nehmen, bei den Ausschachtungsarbeiten mitzuwirken.

So präsentierte sich der Waschraum der TBH-Turnhalle nach der Eröffnung im Juli 1959. Das Bild wurde publiziert in der BM am 17.07.1959. Fotograf unklar.

Auffällig ist in der begleitenden Berichterstattung zum Bauprojekt, dass die Arbeitsstatistik der Freiwilligen fast schon ausschweifend geführt und natürlich immer wieder der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. Egal ob Arbeitsstunden aufgeschlüsselt nach Altersgruppen oder die Angabe der weggeschafften Erde in Kubikmetern, alles wurde festgehalten.

Besondere Verdienste um den Bau der Halle erwarb sich der im Jahr 2017 verstorbene Ernst Müller, der Mitte der 1950er-Jahre bei einer Landesbehörde in Düsseldorf aufgrund einer ausbleibenden Baugenehmigung erfolgreich Vorsprache hielt. Zum Gelingen trugen auch der ehemalige Vereinswirt Paul Hartmann und der 1958 bereits verstorbene Paul Fild aus Winterhagen bei, denn beide stellten Grund und Boden zur Verfügung.

Warum nahm der damals finanzschwache Verein das Großprojekt überhaupt in Angriff? Wenn man sich in Bezug auf die benutzten Sportstätten das „Bäumchen-wechsele-Dich-Spiel“ anschaut, liegt die Antwort auf der Hand: So hat es nach eigenem Bekunden kaum einen Saal gegeben, an denen man nicht geturnt habe. Zuletzt war der Verein Gast in der Schloss-Turnhalle, die man aber verlassen musste, weil die Stadt dort ein Heimatmuseum plante, das auch 1963 eröffnet wurde. Zudem gab es dort weder Umkleide- noch Waschmöglichkeiten.

Den Stolz, den die Mitglieder beim Richtfest und der Eröffnung empfanden, kann man an einer weiteren Anmerkung in den zeitgenössischen Berichten ersehen, wonach „alle Erkenntnisse der Neuzeit“ berücksichtigt worden seien und dabei nur relativ bescheidene 180.000 DM ausgegeben wurden.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 5.12.2018.

29.11.2018: Rückblende (56) zum 29. November 1968 – Die Versehrtensportgemeinschaft wird gegründet

Der RBS auf einer Jahreshauptversammlung am 5. April 2010 im Haus Kleineichen. Auf dem Bild sind u. a. zu sehen: Die aktuelle Vorsitzende Brigitte Thiel (2.v.r.) und Andreas Gotter ihr Vorgänger (stehend).

(nob) Mit Zitaten von Pierre de Coubertin, dem in der Neuzeit maßgeblich die Wiederbelebung der Olympischen Spiele zu verdanken ist und wonach sinngemäß der Sport kein Müßiggang, sondern ein Geschenk und ein Mittel der inneren Vervollkommnung sei, eröffnete der Hückeswagener Arzt Dr. Peter Bode am 29. November 1968 in den Räumen der Realschule eine ganz besondere Versammlung. Die Versehrtensportgemeinschaft wurde gegründet und Horst Malek wurde von zirka 20 Mitgliedern zum ersten Vorsitzenden des Vereins gewählt.

Zweimal berichtete die Bergische Morgenpost über das Ereignis, und in beiden Artikeln wird die Zielgruppe des neuen Vereins eindeutig benannt. Das Angebot galt den „Kriegsversehrten“, zumal die Anregung zur Gründung vom „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner“ kam. Unter ärztlicher Überwachung sollten unter anderem Prothesenträger ein größeres Selbstvertrauen gewinnen und so bessere Lebenschancen und mehr Selbstbestimmung im Alltag erfahren. Einmal in der Woche kam man anschließend zusammen, wobei abwechseln Schwimmen im Bad und Sport in der Turnhalle auf dem Programm stand. Mit der Gründung folgte man dem Beispiel aus den Nachbarstädten, so hatte sich unter anderem bereits in Wipperfürth ein derartiger Verein gegründet.

Heute heißt der Verein „Rehabilitations- und Behindertensportgemeinschaft Hückeswagen e.V.“, was ganz eindeutig ein Zeichen für die Veränderung der Zielgruppe ist. Als die heutige Vorsitzende Brigitte Thiel vor zirka 25 Jahren auf den Verein aufmerksam wurde, hieß er bereits „Behindertensportgemeinschaft“. „Der Grund für eine erste Namens- und Satzungsänderung waren die vermehrten Anfragen nach Herz-, Diabetikersport und Sport für Orthopädie, die bis dato aufgrund des Vorbehalts auf der Gruppe der Versehrten nicht befriedigt werden konnte“, so Thiel. Hinzu kam, dass die Versehrtensportler – dem natürlichen Lauf der Dinge folgend – immer weniger geworden waren. Und noch ein weiteres Mal kam es zu einer Veränderung, so wurde der Begriff der Rehabilitation in den Vereinsnamen aufgenommen. Brigitte Thiel: „Viele Patienten vermuteten beim Behindertensport keinen Rehasport.“ Eine grundsätzliche ärztliche Überwachung gibt es heute nicht mehr. Ein Vereinsarzt kann bei aufkommenden Fragen zu Rate gezogen werden, allerdings ist die Anwesenheit eines Mediziners bei der Herzsportgruppe noch zwingend erforderlich.

Die wohl größte Veränderung hat sich auf Verwaltungsebene ergeben. „Früher wurden für die Versehrten vom Landschaftsverband oder den Rentenversicherungen pro Teilnehmer Gelder bereit gestellt, und zwar ohne Zeitlimit und komplizierte Abrechnungen. Heute zahlen die Krankenkassen den Rehasport in der Regel einmalig für 50 Teilnahmen, die innerhalb von 18 Monaten erfolgen müssen. „Diese Abrechnungen nehmen sehr viel Zeit in Anspruch, da die digitale Verarbeitung alleine noch nicht möglich ist und alles zusätzlich in Papierform eingereicht werden muss“, beschreibt Thiel das Problem. Die Geschichte des Vereins ist also noch nicht zu Ende geschrieben und Veränderungen wird es auch in Zukunft geben.

Erschienen am 27.11.2018 in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen.

18.11.2018: Rückblende (55) zum 18. November 1653 – Leutnant Jungbluth erobert mit 25 Soldaten das Schloss

Der Reiter links soll den Leutnant Jungbluth darstellen im Festzug 1935. Quelle: Stadtarchiv Hückeswagen

(nob) Es gibt Ereignisse in der Hückeswagener Geschichte, die sind so fern der Gegenwart, dass wir deren Hintergründe kaum noch richtig einordnen können. Ein solches geschah am 18. November 1653, als ein gewisser Leutnant Jungbluth, der in Diensten des jülich-bergischen Regenten Phillip Wilhelm von Pfalz-Neuburg stand, mit 25 Männern über Sturmleitern in das mit gerade einmal fünf Wachen gesicherte Schloss eindrang. Als eventuelle Verstärkung hatten sich sicherheitshalber weitere 100 Soldaten anderthalb Marschstunden entfernt postiert.

Seit diesem Vorfall wabert besagter Leutnant als prominente Gestalt durch die Ortsgeschichte. Beispielsweise wurde er beim historischen Festumzug zur 850-Jahr-Feier im Jahr 1935 von einem Laienschauspieler hoch zu Pferd dargestellt (siehe Bild), der dann gemeinsam mit anderen historischen Persönlichkeiten an der jubelnden Zuschauermenge vorbeizog.

Versuchen wir, uns einmal in die komplizierte Gemengelage des 17. Jahrhunderts hineinzuversetzen: Der Dreißigjährige Krieg wurde 1648, also fünf Jahre vor dem Schloss-Sturm, durch den Westfälischen Frieden beendet. Weite Landstriche waren verwüstet. Historiker schätzen, dass bis zu 40 Prozent der Landbevölkerung von Krieg und Seuchen dahingerafft wurden. Auch die Hückeswagener Bevölkerung hatte schwer zu leiden. Zwischen 1618 und 1648 kam es zu vielfachen Einquartierungen von Soldaten durchziehender Heere. Diese mussten versorgt und vor dem Weiterziehen mit frischen Pferden ausgestattet werden. Hinzu kamen Abgaben an den Territorialherren für seine Kriegskasse. Seit 1631 gehörte Hückeswagen mit Schloss, Freiheit und Kirchspiel dem Grafen Adam von Schwarzenberg, der es als „bergisches Mannslehen“ erwarben. Das heißt, er musste seinem Lehensgeber militärische Dienste leisten und erhielt im Gegenzug ein vom Herzogtum Jülich-Berg de facto abgetrenntes Territorium inklusive aller wirtschaftlichen Einnahmemöglichkeiten. Lediglich einige Steuereinnahmen und die Vertretung nach außen bei den Reichsständen verblieben beim Landesherrn.

Das Hückeswagener Territorium wurde fortan zum Zankapfel zwischen den Grafen von Schwarzenberg und dem Herzog von Jülich-Berg, da trotz abgeschlossener Verträge insbesondere die Steuer- und Abgabenfrage immer wieder zu Zwist führte. Im Jahr 1639 kam es beinahe zu einem bewaffneten Konflikt, weil der jülich-bergische Regent seinen Ansprüchen folgend kurzerhand Vieh in der Schloss-Stadt konfiszierte. Darüber hinaus nahm er Gefangene, die er mitsamt dem Vieh nach Düsseldorf bringen ließ. Im letzten Moment jedoch wurde ein Vergleich geschlossen und ein Kampf verhindert.

1641 starb Adam von Schwarzenberg, als Regent folgte sein Sohn Johann Adolf. Als auch der bergische Herrscher Wolfgang Wilhelm 1653 starb und sein Sohn Phillip Wilhelm von Pfalz-Neuburg die Regentschaft im Herzogtum übernahm, änderte letztgenannter die Politik und versagte den von seinem Vater abgeschlossenen Vergleich die Anerkennung. Aus seiner Sicht galt es nun, Hückeswagen mit Gewalt zurückzuholen, was dann mit dem Überfall geschah. Tatsächlich konnte sich Phillip-Wilhelm in der Schloss-Stadt festsetzen, was dann mit einem weiteren Vergleich 1675 endgültig besiegelt wurde. Die Schwarzenberger Herrschaft war zu Ende.

Info: Weitergehende Informationen zu diesem Vorgang finden sich im Standardwerk von Waldemar Harleß „Zur Geschichte von Amt und Freiheit Hückeswagen“ aus dem Jahr 1890. Der Bergische Geschichtsverein hat Mitte der 2010er-Jahre einen umfangreichen Doppelband herausgegeben, in dem die bergische Territorialgeschichte von Historikern detailliert und mit umfangreicher Zitation auf den neuesten Stand gebracht wurde.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 20.11.2018

11.11.2018: Rückblende (54) zum 11. November 1968 – Jugend-Demo beim großen St. Martinszug

V.l.: Bernd Lindmeyer und Peter Jobke vor der Pauluskirche nahe des Schlossplatzes, und somit am Ort des Geschehens.

(nob) In den Novembertagen des Jahres 1968 brach in Hückeswagen etwas an die Oberfläche. Es lag ein Aufbegehren in der Luft der bergischen Kleinstadt, so wie in der Gesellschaft der Bonner Republik vor 50 Jahren. Die Jugend und die Studenten des Landes standen körperlich wie geistig auf den Barrikaden, während die Welt wie so oft aus den Fugen zu geraten drohte. Und ein großer Teil der Eltern- und Großelterngeneration stand empört, irritiert und bisweilen hilflos daneben.

Empört, irritiert und hilflos waren auch die Teilnehmer und Zuschauer des Martinszugs am 11. November 1968, als den Kindern in einigem Abstand 80 bis 100 Jugendliche mit Protestplakaten folgten. Das schöne Traditionsfest mit dem wohltätigen Heiligen und den glücklichen Kindern: Gestört von einer Gruppe, die scheinbar wie aus dem Nichts in die öffentliche Wahrnehmung der Stadtgesellschaft einbrach. Wie konnte das nur passieren?

Ins Rollen kam die Sache ein paar Tage zuvor, als die Volkshochschule Hückeswagen (VHS) ihre Eröffnung mit einer Veranstaltung im Hofgarten feiern wollte, unter anderem mit der Kabarettgruppe „Floh de Cologne“. Sehr wahrscheinlich ohne vorherige Kenntnis der dargebotenen Inhalte hatte die VHS-Leitung eine Einladung ausgesprochen. Es folgte ein denkwürdiger Auftritt, bei der auch auf der Bühne ganz im Zeitgeist der immer freier werdenden Liebe dreimal das „F-Wort“ fiel. Der Skandal war perfekt und das ausgewählte bürgerliche Publikum entsetzt.

Schon kurz darauf setzte eine zunächst nicht-öffentliche politische Debatte ein, die vor allen in CDU-Kreisen zu Bestrebungen führte, die VHS-Leitung um den Pädagogen Martin Koenen abzusetzen. Die Kenntnis über diese Pläne drangen auch an die Ohren der Unterstützer der VHS und der Jugendlichen, die sich daraufhin zu der Protestaktion auf dem St. Martinszug entschlossen. Zeitzeuge Peter Jobke, damals Teil der Jugendbewegung: „Praktischerweise demonstrierten wir direkt auch gegen den Vietnamkrieg, den Einmarsch in die CSSR und gegen die Notstandsgesetze.“

Als dann der BM-Journalist Theo Dörpinghaus in seinem Bericht über den Martinszug die Demo in einem Nebensatz erwähnte, erkennbar im Bestreben, die Sache auf kleiner Flamme zu kochen, war die Büchse der Pandora geöffnet: Es folgte eine Anzahl von Leserbriefen, bei denen von Mal zu Mal mehr Details zum Auftritt der Kabarettgruppe, zu den Ereignissen beim Martinszug und der politisch internen Diskussion ans Licht kam. Nach übereinstimmenden Aussagen stießen die jungen Demonstranten auf eine Mauer der Ablehnung, da auch viele Eltern über die Störung verärgert waren. Bezeugt ist auch, dass ihnen Protestplakate weggerissen wurden. Ob es tatsächlich auch Repressalien durch Polizei und Zuschauern in Form von Tritten und Beinstellen gab, ist nicht abschließend geklärt. Die Diskussion in der CDU mündete schließlich in einer scharfzüngigen und polemischen öffentlichen Rede von Alfons Koppelberg, die den Kampfparolen der auf den Barrikaden stehenden in nichts nachstand. Die anschließende Resolution der Fraktionsführung zur Absetzung von Koenen wurde aber von moderaten Mitgliedern, zu denen auch Peter Biesenbach gehörte, gestoppt. Die Welle der Empörung ebbte schließlich ab und die VHS-Führung blieb im Amt. Neu waren nun jedoch Wunden einer Kleinstadt-Gesellschaft zu Beginn einer politischen Zeitenwende.

Zwei Zeitzeugen erinnern sich

Viele der jungen Menschen, die damals als Protestler dem Martinszug hinterher gelaufen sind, haben heute das 60. Lebensjahr überschritten. Zu ihnen gehören der heute in Kürten lebende Peter Jobke und der Hückeswagener Bernd Lindmeyer. Die damaligen Ereignisse im Kontext der 68er-Bewegung, so die übereinstimmen-den Aussagen, hatten beide ganz entscheidend geprägt. „Ich behaupte, dass keine Generation nach uns politischer war“, zeigt sich Lindmeyer überzeugt. Dieses Politisch sein äußerste sich unter anderem darin, dass Jobke gemeinsam mit Lindmeyer und anderen den „Politischen Arbeitskreis Hückeswagen“ gründete. In seiner Ausrichtung stand dieser ganz eindeutig links von der SPD: „Wir, das waren Schüler und Lehrlinge, ein paar gestandene Altkommunisten mit KZ-Erfahrung, ADFler (Anmerkung: Mitglieder der kurzlebigen, kommunistisch geprägten Partei „Aktion Demokratischer Fortschritt“) und DFUler (Anmerkung: Deutsche Friedens-Union, eine linke Sammlungsbewegung und Kleinpartei, die später durch die SED der DDR beeinflusst wurde), Lehrer und Gewerkschafter“, beschreibt Jobke die Zusammensetzung.

Getroffen hatte man sich in Hinterzimmern diverser Kneipen oder später im alten Arbeitsamt. Für Lindmeyer, der genauso wie Jobke die Realschule besuchte, war besonders sein Lehrer Heinrich Bode prägend. „Vormittags stand er vor der Klasse, abends dann war er im Arbeitskreis Diskussionspartner auf Augenhöhe. Das hat mir imponiert“, erinnert er sich.

So standen sie sich also gegenüber: Einerseits die klassische Kleinstadt-Gesellschaft mit den Parteien CDU, SPD und FDP, den Kirchen und auch der fest im Gefüge befindlichen Presse, die – von einigen Ausnahmen abgesehen – allesamt damit beschäftigt waren, die NS-Zeit aus ihren Köpfen zu verdrängen. Andererseits eine Gruppe Versprengter, die entflammt durch die Studentenbewegung begann, ihre Elterngeneration in gut (Nicht-Nazi) und schlecht (Nazi) einzuteilen. Nebenbei postulierten sie ein neues politisch verklärtes Ideal. Dieses Lebensgefühl beschreibt Jobke wie folgt: „Für mich war die zweite Hälfte der 60er-Jahre postpubertärer Protest und Identitätssuche zwischen Ideal und Wirklichkeit“. Und der Lindlarer ergänzt: „Gehe ich heute mal durch die Islandstraße, hoffe ich – wahrscheinlich vergeblich – dass die Jugend dort heute mehr Rechte der Mitbestimmung hat, als wir, die wir gelangweilt vor Valenti (Anmerkung: Eiscafé am Wilhelmsplatz) saßen.“ Ein wenig optimistischer beurteilt Bernd Lindmeyer den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte: „Aus heutiger Sicht waren die Ereignisse um den 11. November für mich trotz allem mehr als ein „Sturm im Wasserglas“, spiegelten sich doch auch im kleinen beschaulichen Hückeswagen gesellschaftliche und politische Umwälzungen ab, die letztlich die gesamte Bundesrepublik erfasste und Gott sei Dank veränderte.“

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 10.11.2018.