29.11.2018: Rückblende (56) zum 29. November 1968 – Die Versehrtensportgemeinschaft wird gegründet

Der RBS auf einer Jahreshauptversammlung am 5. April 2010 im Haus Kleineichen. Auf dem Bild sind u. a. zu sehen: Die aktuelle Vorsitzende Brigitte Thiel (2.v.r.) und Andreas Gotter ihr Vorgänger (stehend).

(nob) Mit Zitaten von Pierre de Coubertin, dem in der Neuzeit maßgeblich die Wiederbelebung der Olympischen Spiele zu verdanken ist und wonach sinngemäß der Sport kein Müßiggang, sondern ein Geschenk und ein Mittel der inneren Vervollkommnung sei, eröffnete der Hückeswagener Arzt Dr. Peter Bode am 29. November 1968 in den Räumen der Realschule eine ganz besondere Versammlung. Die Versehrtensportgemeinschaft wurde gegründet und Horst Malek wurde von zirka 20 Mitgliedern zum ersten Vorsitzenden des Vereins gewählt.

Zweimal berichtete die Bergische Morgenpost über das Ereignis, und in beiden Artikeln wird die Zielgruppe des neuen Vereins eindeutig benannt. Das Angebot galt den „Kriegsversehrten“, zumal die Anregung zur Gründung vom „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner“ kam. Unter ärztlicher Überwachung sollten unter anderem Prothesenträger ein größeres Selbstvertrauen gewinnen und so bessere Lebenschancen und mehr Selbstbestimmung im Alltag erfahren. Einmal in der Woche kam man anschließend zusammen, wobei abwechseln Schwimmen im Bad und Sport in der Turnhalle auf dem Programm stand. Mit der Gründung folgte man dem Beispiel aus den Nachbarstädten, so hatte sich unter anderem bereits in Wipperfürth ein derartiger Verein gegründet.

Heute heißt der Verein „Rehabilitations- und Behindertensportgemeinschaft Hückeswagen e.V.“, was ganz eindeutig ein Zeichen für die Veränderung der Zielgruppe ist. Als die heutige Vorsitzende Brigitte Thiel vor zirka 25 Jahren auf den Verein aufmerksam wurde, hieß er bereits „Behindertensportgemeinschaft“. „Der Grund für eine erste Namens- und Satzungsänderung waren die vermehrten Anfragen nach Herz-, Diabetikersport und Sport für Orthopädie, die bis dato aufgrund des Vorbehalts auf der Gruppe der Versehrten nicht befriedigt werden konnte“, so Thiel. Hinzu kam, dass die Versehrtensportler – dem natürlichen Lauf der Dinge folgend – immer weniger geworden waren. Und noch ein weiteres Mal kam es zu einer Veränderung, so wurde der Begriff der Rehabilitation in den Vereinsnamen aufgenommen. Brigitte Thiel: „Viele Patienten vermuteten beim Behindertensport keinen Rehasport.“ Eine grundsätzliche ärztliche Überwachung gibt es heute nicht mehr. Ein Vereinsarzt kann bei aufkommenden Fragen zu Rate gezogen werden, allerdings ist die Anwesenheit eines Mediziners bei der Herzsportgruppe noch zwingend erforderlich.

Die wohl größte Veränderung hat sich auf Verwaltungsebene ergeben. „Früher wurden für die Versehrten vom Landschaftsverband oder den Rentenversicherungen pro Teilnehmer Gelder bereit gestellt, und zwar ohne Zeitlimit und komplizierte Abrechnungen. Heute zahlen die Krankenkassen den Rehasport in der Regel einmalig für 50 Teilnahmen, die innerhalb von 18 Monaten erfolgen müssen. „Diese Abrechnungen nehmen sehr viel Zeit in Anspruch, da die digitale Verarbeitung alleine noch nicht möglich ist und alles zusätzlich in Papierform eingereicht werden muss“, beschreibt Thiel das Problem. Die Geschichte des Vereins ist also noch nicht zu Ende geschrieben und Veränderungen wird es auch in Zukunft geben.

Erschienen am 27.11.2018 in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen.

18.11.2018: Rückblende (55) zum 18. November 1653 – Leutnant Jungbluth erobert mit 25 Soldaten das Schloss

Der Reiter links soll den Leutnant Jungbluth darstellen im Festzug 1935. Quelle: Stadtarchiv Hückeswagen

(nob) Es gibt Ereignisse in der Hückeswagener Geschichte, die sind so fern der Gegenwart, dass wir deren Hintergründe kaum noch richtig einordnen können. Ein solches geschah am 18. November 1653, als ein gewisser Leutnant Jungbluth, der in Diensten des jülich-bergischen Regenten Phillip Wilhelm von Pfalz-Neuburg stand, mit 25 Männern über Sturmleitern in das mit gerade einmal fünf Wachen gesicherte Schloss eindrang. Als eventuelle Verstärkung hatten sich sicherheitshalber weitere 100 Soldaten anderthalb Marschstunden entfernt postiert.

Seit diesem Vorfall wabert besagter Leutnant als prominente Gestalt durch die Ortsgeschichte. Beispielsweise wurde er beim historischen Festumzug zur 850-Jahr-Feier im Jahr 1935 von einem Laienschauspieler hoch zu Pferd dargestellt (siehe Bild), der dann gemeinsam mit anderen historischen Persönlichkeiten an der jubelnden Zuschauermenge vorbeizog.

Versuchen wir, uns einmal in die komplizierte Gemengelage des 17. Jahrhunderts hineinzuversetzen: Der Dreißigjährige Krieg wurde 1648, also fünf Jahre vor dem Schloss-Sturm, durch den Westfälischen Frieden beendet. Weite Landstriche waren verwüstet. Historiker schätzen, dass bis zu 40 Prozent der Landbevölkerung von Krieg und Seuchen dahingerafft wurden. Auch die Hückeswagener Bevölkerung hatte schwer zu leiden. Zwischen 1618 und 1648 kam es zu vielfachen Einquartierungen von Soldaten durchziehender Heere. Diese mussten versorgt und vor dem Weiterziehen mit frischen Pferden ausgestattet werden. Hinzu kamen Abgaben an den Territorialherren für seine Kriegskasse. Seit 1631 gehörte Hückeswagen mit Schloss, Freiheit und Kirchspiel dem Grafen Adam von Schwarzenberg, der es als „bergisches Mannslehen“ erwarben. Das heißt, er musste seinem Lehensgeber militärische Dienste leisten und erhielt im Gegenzug ein vom Herzogtum Jülich-Berg de facto abgetrenntes Territorium inklusive aller wirtschaftlichen Einnahmemöglichkeiten. Lediglich einige Steuereinnahmen und die Vertretung nach außen bei den Reichsständen verblieben beim Landesherrn.

Das Hückeswagener Territorium wurde fortan zum Zankapfel zwischen den Grafen von Schwarzenberg und dem Herzog von Jülich-Berg, da trotz abgeschlossener Verträge insbesondere die Steuer- und Abgabenfrage immer wieder zu Zwist führte. Im Jahr 1639 kam es beinahe zu einem bewaffneten Konflikt, weil der jülich-bergische Regent seinen Ansprüchen folgend kurzerhand Vieh in der Schloss-Stadt konfiszierte. Darüber hinaus nahm er Gefangene, die er mitsamt dem Vieh nach Düsseldorf bringen ließ. Im letzten Moment jedoch wurde ein Vergleich geschlossen und ein Kampf verhindert.

1641 starb Adam von Schwarzenberg, als Regent folgte sein Sohn Johann Adolf. Als auch der bergische Herrscher Wolfgang Wilhelm 1653 starb und sein Sohn Phillip Wilhelm von Pfalz-Neuburg die Regentschaft im Herzogtum übernahm, änderte letztgenannter die Politik und versagte den von seinem Vater abgeschlossenen Vergleich die Anerkennung. Aus seiner Sicht galt es nun, Hückeswagen mit Gewalt zurückzuholen, was dann mit dem Überfall geschah. Tatsächlich konnte sich Phillip-Wilhelm in der Schloss-Stadt festsetzen, was dann mit einem weiteren Vergleich 1675 endgültig besiegelt wurde. Die Schwarzenberger Herrschaft war zu Ende.

Info: Weitergehende Informationen zu diesem Vorgang finden sich im Standardwerk von Waldemar Harleß „Zur Geschichte von Amt und Freiheit Hückeswagen“ aus dem Jahr 1890. Der Bergische Geschichtsverein hat Mitte der 2010er-Jahre einen umfangreichen Doppelband herausgegeben, in dem die bergische Territorialgeschichte von Historikern detailliert und mit umfangreicher Zitation auf den neuesten Stand gebracht wurde.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 20.11.2018

11.11.2018: Rückblende (54) zum 11. November 1968 – Jugend-Demo beim großen St. Martinszug

V.l.: Bernd Lindmeyer und Peter Jobke vor der Pauluskirche nahe des Schlossplatzes, und somit am Ort des Geschehens.

(nob) In den Novembertagen des Jahres 1968 brach in Hückeswagen etwas an die Oberfläche. Es lag ein Aufbegehren in der Luft der bergischen Kleinstadt, so wie in der Gesellschaft der Bonner Republik vor 50 Jahren. Die Jugend und die Studenten des Landes standen körperlich wie geistig auf den Barrikaden, während die Welt wie so oft aus den Fugen zu geraten drohte. Und ein großer Teil der Eltern- und Großelterngeneration stand empört, irritiert und bisweilen hilflos daneben.

Empört, irritiert und hilflos waren auch die Teilnehmer und Zuschauer des Martinszugs am 11. November 1968, als den Kindern in einigem Abstand 80 bis 100 Jugendliche mit Protestplakaten folgten. Das schöne Traditionsfest mit dem wohltätigen Heiligen und den glücklichen Kindern: Gestört von einer Gruppe, die scheinbar wie aus dem Nichts in die öffentliche Wahrnehmung der Stadtgesellschaft einbrach. Wie konnte das nur passieren?

Ins Rollen kam die Sache ein paar Tage zuvor, als die Volkshochschule Hückeswagen (VHS) ihre Eröffnung mit einer Veranstaltung im Hofgarten feiern wollte, unter anderem mit der Kabarettgruppe „Floh de Cologne“. Sehr wahrscheinlich ohne vorherige Kenntnis der dargebotenen Inhalte hatte die VHS-Leitung eine Einladung ausgesprochen. Es folgte ein denkwürdiger Auftritt, bei der auch auf der Bühne ganz im Zeitgeist der immer freier werdenden Liebe dreimal das „F-Wort“ fiel. Der Skandal war perfekt und das ausgewählte bürgerliche Publikum entsetzt.

Schon kurz darauf setzte eine zunächst nicht-öffentliche politische Debatte ein, die vor allen in CDU-Kreisen zu Bestrebungen führte, die VHS-Leitung um den Pädagogen Martin Koenen abzusetzen. Die Kenntnis über diese Pläne drangen auch an die Ohren der Unterstützer der VHS und der Jugendlichen, die sich daraufhin zu der Protestaktion auf dem St. Martinszug entschlossen. Zeitzeuge Peter Jobke, damals Teil der Jugendbewegung: „Praktischerweise demonstrierten wir direkt auch gegen den Vietnamkrieg, den Einmarsch in die CSSR und gegen die Notstandsgesetze.“

Als dann der BM-Journalist Theo Dörpinghaus in seinem Bericht über den Martinszug die Demo in einem Nebensatz erwähnte, erkennbar im Bestreben, die Sache auf kleiner Flamme zu kochen, war die Büchse der Pandora geöffnet: Es folgte eine Anzahl von Leserbriefen, bei denen von Mal zu Mal mehr Details zum Auftritt der Kabarettgruppe, zu den Ereignissen beim Martinszug und der politisch internen Diskussion ans Licht kam. Nach übereinstimmenden Aussagen stießen die jungen Demonstranten auf eine Mauer der Ablehnung, da auch viele Eltern über die Störung verärgert waren. Bezeugt ist auch, dass ihnen Protestplakate weggerissen wurden. Ob es tatsächlich auch Repressalien durch Polizei und Zuschauern in Form von Tritten und Beinstellen gab, ist nicht abschließend geklärt. Die Diskussion in der CDU mündete schließlich in einer scharfzüngigen und polemischen öffentlichen Rede von Alfons Koppelberg, die den Kampfparolen der auf den Barrikaden stehenden in nichts nachstand. Die anschließende Resolution der Fraktionsführung zur Absetzung von Koenen wurde aber von moderaten Mitgliedern, zu denen auch Peter Biesenbach gehörte, gestoppt. Die Welle der Empörung ebbte schließlich ab und die VHS-Führung blieb im Amt. Neu waren nun jedoch Wunden einer Kleinstadt-Gesellschaft zu Beginn einer politischen Zeitenwende.

Zwei Zeitzeugen erinnern sich

Viele der jungen Menschen, die damals als Protestler dem Martinszug hinterher gelaufen sind, haben heute das 60. Lebensjahr überschritten. Zu ihnen gehören der heute in Kürten lebende Peter Jobke und der Hückeswagener Bernd Lindmeyer. Die damaligen Ereignisse im Kontext der 68er-Bewegung, so die übereinstimmen-den Aussagen, hatten beide ganz entscheidend geprägt. „Ich behaupte, dass keine Generation nach uns politischer war“, zeigt sich Lindmeyer überzeugt. Dieses Politisch sein äußerste sich unter anderem darin, dass Jobke gemeinsam mit Lindmeyer und anderen den „Politischen Arbeitskreis Hückeswagen“ gründete. In seiner Ausrichtung stand dieser ganz eindeutig links von der SPD: „Wir, das waren Schüler und Lehrlinge, ein paar gestandene Altkommunisten mit KZ-Erfahrung, ADFler (Anmerkung: Mitglieder der kurzlebigen, kommunistisch geprägten Partei „Aktion Demokratischer Fortschritt“) und DFUler (Anmerkung: Deutsche Friedens-Union, eine linke Sammlungsbewegung und Kleinpartei, die später durch die SED der DDR beeinflusst wurde), Lehrer und Gewerkschafter“, beschreibt Jobke die Zusammensetzung.

Getroffen hatte man sich in Hinterzimmern diverser Kneipen oder später im alten Arbeitsamt. Für Lindmeyer, der genauso wie Jobke die Realschule besuchte, war besonders sein Lehrer Heinrich Bode prägend. „Vormittags stand er vor der Klasse, abends dann war er im Arbeitskreis Diskussionspartner auf Augenhöhe. Das hat mir imponiert“, erinnert er sich.

So standen sie sich also gegenüber: Einerseits die klassische Kleinstadt-Gesellschaft mit den Parteien CDU, SPD und FDP, den Kirchen und auch der fest im Gefüge befindlichen Presse, die – von einigen Ausnahmen abgesehen – allesamt damit beschäftigt waren, die NS-Zeit aus ihren Köpfen zu verdrängen. Andererseits eine Gruppe Versprengter, die entflammt durch die Studentenbewegung begann, ihre Elterngeneration in gut (Nicht-Nazi) und schlecht (Nazi) einzuteilen. Nebenbei postulierten sie ein neues politisch verklärtes Ideal. Dieses Lebensgefühl beschreibt Jobke wie folgt: „Für mich war die zweite Hälfte der 60er-Jahre postpubertärer Protest und Identitätssuche zwischen Ideal und Wirklichkeit“. Und der Lindlarer ergänzt: „Gehe ich heute mal durch die Islandstraße, hoffe ich – wahrscheinlich vergeblich – dass die Jugend dort heute mehr Rechte der Mitbestimmung hat, als wir, die wir gelangweilt vor Valenti (Anmerkung: Eiscafé am Wilhelmsplatz) saßen.“ Ein wenig optimistischer beurteilt Bernd Lindmeyer den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte: „Aus heutiger Sicht waren die Ereignisse um den 11. November für mich trotz allem mehr als ein „Sturm im Wasserglas“, spiegelten sich doch auch im kleinen beschaulichen Hückeswagen gesellschaftliche und politische Umwälzungen ab, die letztlich die gesamte Bundesrepublik erfasste und Gott sei Dank veränderte.“

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 10.11.2018.

08.10.2018: Rückblende (52) zum 8. Oktober 1918 – Gemeinde bietet baltische Landarbeiter an

Das Inserat mit der Offerierung der baltischen Landarbeiter durch die Gemeinde Neuhückeswagen am 8. September 1918.

(nob) Es ist ein Inserat der Gemeinde Neuhückeswagen, das stutzig macht und alleine schon wegen des Inhalts bemerkenswert. Am 8. Oktober 1918 lässt Bürgermeister Richard Leyhausen in der Bergischen Volkszeitung folgenden Text veröffentlichen:

„Es besteht die Möglichkeit für Landwirte tüchtige baltische Landarbeiter zur Arbeitsleistung anzufordern. Die Leute werden wie Deutschrussen behandelt und brauchen nicht bewacht zu werden, außerdem können sie einzeln untergebracht werden. Anträge sind schriftlich unter der Größe der Ackerfläche spätestens bis zum 12. des Monats hierhin einzureichen.“

Die Passage „…brauchen nicht bewacht zu werden…“ offenbart somit in aller Öffentlichkeit ein System, dem sich die Geschichtsforschung systematisch erst seit wenigen Jahren widmet: Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Der Historiker Christian Westerhoff veröffentlichte 2012 ein weithin anerkanntes Werk, in dem er sich speziell der deutschen Arbeitskräftepolitik in Polen und Litauen widmet.

Teile des Baltikums waren von 1915 bis 1918 von Deutschland besetzt und standen unter dem Namen „Ober Ost“ de facto unter Militärverwaltung. Heute gehört dieses Gebiet östlich von Königsberg in Teilen zu Lettland, Litauen, Polen und Weißrussland. Da während des Ersten Weltkriegs im Kernland in Industrie und Landwirtschaft Arbeitskräftemangel herrschte, warb man ausländische Kräfte an, zunächst freiwillig, später dann zwangsweise. Letzteres heißt konkret, dass kräftig aussehende Männer bei regelrechten Razzien festgenommen und zur Arbeit gezwungen worden. Zwangsarbeit war also nicht nur ein Phänomen des Zweiten Weltkrieges, wo diese allerdings im noch größeren Stil angewandt wurde. Nach den Schätzungen Westerhoffs wurden während des Ersten Weltkriegs zirka 24.000 Menschen aus Ober Ost zwangsweise vermittelt, aus dem ungleich größeren Weichselgebiet, der westlichen Provinz des Russischen Reiches (damals auch „Russisch-Polen“ genannt), waren es zirka 220.000 Menschen.

Obwohl schon im August 1918 die Kriegsniederlage des Deutschen Reiches abzusehen war, setzten die Militärverwaltung die Rekrutierungsmaßnahmen fort, so dass eben noch im Oktober 1918 Bürgermeister Leyhausen „seinen Landwirten“ das Angebot machen konnte. Doch nach dem Waffenstillstandsabkommen von Compiègne am 11. November 1918 brach die Verwaltung im besetzten Gebiet zusammen und der Arbeitskräftezufluss versiegte. Nur noch wenige kamen danach freiwillig ins Kernland, denn der Arbeitsmarkt wurde nun mit rückkehrenden Soldaten gefüllt, die alle wieder an ihren Arbeitsplatz wollten.

Leyhausen erwähnt in seinem Inserat auch die Deutschrussen, die während des Ersten Weltkrieges als Landarbeiter sehr willkommen waren. Der Spiegel-Autor Uwe Stock stellt einem Artikel dazu fest, dass viele von ihnen in Russland nun plötzlich als „Vorposten des mächtigen Deutschen Reiches und als potentielle Vaterlandsverräter“ gebrandmarkt wurden.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 19.10.2018.

13.09.2018: Rückblende (49) zum 13. September 1918 – C.F. Schroeder dementiert Daimler-Ansiedlung

Eberhard Schroeder mit Tochter Herta neben einem Auto in Hückeswagen im Jahr 1925.

(nob) Gerüchte sind für einige Zeitgenossen in einer Stadtgesellschaft das Salz in der Suppe, zum Beispiel um sich wichtig zu machen. Andere sehen darin ein Mittel zur Rufschädigung oder sogar mehr. Wie Gerüchte genau zustande kommen, ist oftmals geheimnisvoll und unergründlich, doch versuchen wir es im Fall von C.F. Schroeder trotzdem einmal. Unter anderem haben bereits Ingo Schaffus und Hella Krumm (beide BGV) sowie Wolfgang Schuler, ein Urenkel des Firmengründers, Informationen zu C.F. Schroeder in diversen Publikationen zusammengetragen, die nun hilfreich sind.

Zunächst zum Gerede: Am 13. September 1918 erscheint eine bemerkenswerte Anzeige in der Bergischen Volkszeitung. Das Unternehmen C.F. Schroeder tritt in diesem Inserat Gerüchten entgegen, wonach ihr im Jahr 1914 errichteter Neubau in Kobeshofen durch die Daimler-Motoren-Gesellschaft Stuttgart-Untertürkheim erworben worden sei. Auch habe sich das berühmte Werk aus Süddeutschland nicht am Unternehmen beteiligt, zudem erfolgte der verdeutlichende Hinweis: „Alleiniger Inhaber ist Eberhard Schröder“.

Um das zu verstehen, müssen wir uns die Geschichte des Unternehmens etwas genauer anschauen. Bei C.F. Schroeder handelt es sich um eine Firma mit zunächst einem, später zwei Zweigwerken in Hückeswagen. Der Hauptsitz befand sich in Volmarstein. Firmengründer ist Carl Friedrich Schroeder jun. (1838-1892), wobei der Sohn Eberhard (1879-1958) in seine Fußstapfen trat und später in Hückeswagen in der Villa Clarenbach in Kleineichen ansässig wurde. Im Jahr 1906 wurde zunächst in Tannenbaum die Tuchfabrik H.W. Kipper, R. Schnabel & Edelhagen angemietet. Sie wird gemäß dem Hauptprodukt von C.F. Schroeder in eine Schlossfabrik umgewandelt, eine Bezeichnung, die sich im Volksmund durchsetzt und Namens gebend für eine Straße wurde. 1914 errichtete das Unternehmen in Kobeshofen einen Neubau. Dieser war nötig geworden, da die Fabrik in Tannenbaum mit mehr als 100 Beschäftigten ausgelastet war. Allerdings stockte die Inbetriebnahme aufgrund des Ersten Weltkrieges, so dass im Neubau zunächst eine Gesenkschmiede eingerichtet wurde, in der für die Reichsbahn Teile des Oberbaus von Eisenbahngleisen gefertigt wurden. Der Aufbau des neuen Werkes in Kobeshofen gelang durch Hinzuziehung von Fachkräften aus Volmarstein. Neben anderen Produkten wurden auch Eisenteile für die Wagenbauindustrie gefertigt.

Und hier dürfte die Grundlage für diese Gerüchte liegen: Fachkräfte, die plötzlich von außen kommen in Kombination mit einer Planänderung in Form eines neuen Fahrzeug-Produktes. Und dann ist da noch der Autoliebhaber und Firmenleiter Eberhard Schroeder, der sich gerne in schönen Autos zeigt. Also ist es doch vollkommen klar: Daimler kommt nach Hückeswagen! Nun, Daimler kam nicht in die Schloss-Stadt und 1929 ist mit dem Konkurs eine knapp Vierteljahrhundert dauernde Unternehmens-Saga zu Ende.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 13.09.2018.

20.09.2018: Rückblende (50) zum 20. September 1968 – WDR-Prominentenmannschaft kickt an der Schnabelsmühle

Ein Gemeinschaftsfoto der beiden Prominentenmannschaften vom WDR und aus Hückeswagen mit der Reporter-Legende Ernst Huberty am Mittelkreis. Foto: Theo Dörpinghaus.

(nob) Es war der 20. September 1968, als in Hückeswagen ein Sportereignis stattfand, von dem der BM-Berichterstatter Theo Dörpinghaus schreibt: „Halb Hückeswagen war auf den Beinen […] und es war schon Wochen vorher in aller Munde.“ Die Rede ist allerdings nicht von einer Weltmeisterschaft, sondern vom Auftritt der WDR-Prominentenmannschaft an einem Freitagabend auf dem Sportplatz, dass für Hückeswagener Verhältnisse von unfassbaren 2500 Zuschauern verfolgt wurde. Tatsächlich gab es in der Bergischen Morgenpost zu diesem Fußballspiel eine ausführliche Vor- und Nach-Berichterstattung, ganz offenbar wurde der Stellenwert dieser Veranstaltung als sehr hoch eingeschätzt. Nicht nur Prominente traten auf, auch wurde Gutes getan, so war der Erlös für Waisenhäuser bestimmt.

Die Begeisterung von Dörpinghaus könnte auch damit erklärt werden, dass er als Linienrichter eingesetzt war, die Aufstellung der Teams war aber gewiss eine ganz besondere. Für den WDR spielten unter anderem: Paul Olpp (Handball-Nationalspieler, Olympia-Teilnehmer 1936 und später Architekt), Ernst Huberty (Sportmoderator), Willy Quator (Europameister im Boxen), Gerd Harpers (Fußball-Nationalspieler), Erich Schöppner (Profiboxer) und Reinhard Münchenhagen (Fernsehmoderator). Hier wollten die Hückeswagener nicht hintenanstehen und boten ihrerseits die geballte Lokalprominenz auf, zum Beispiel: Dr. Peter Bode (Allgemeinmediziner), Fred Purwin (Mitglied der legendären Raspo-Landesligaelf), Horst Flosbach (Langstreckenläufer und Olympia-Teilnehmer), Burkhard Moos (Pfarrer), Wilfried Stawicki (Gastwirt) und Fritz Krumm.

Linienrichter Herbert Orbach ritt zur Freunde der Zuschauer zu Beginn der zweiten Halbzeit als „Don Camillo“ auf einem Esel auf dem Platz. Bild: Theo Dörpinghaus.

Unter anderem Sportler des ATV und des Turnerbunds Hückeswagen gestalteten das Rahmenprogramm, in dem auch ein 800-Meter-Lauf stattfand. Köstlich amüsiert haben sich die Zuschauer den Berichten zu Folge über den Linienrichter Herbert Orbach. Als das Spiel zur zweiten Halbzeit angepfiffen wurde, ritt dieser unvermittelt als Don Camillo aufs Feld, eine Hommage an eine damals sehr populäre Fernsehfigur. Übrigens: Das Spiel endete 4:4, doch das Ergebnis interessierte am Ende niemanden, stand doch der Spaß und der gute Zweck im Vordergrund.

Der Tag klang mit einem gemütlichen Beisammensein im Hofgarten aus, wo nun auch der damalige RSV 09-Vorsitzende Friedhelm Bender zu Wort kam, der als Hauptorganisator galt und dabei von Bürgermeister und Politik unterstützt wurde. Initiator war jedoch Paul Olpp, der zwischen dem Prominententeam und Stadt vermittelt hatte. An diesem Abend erfuhren die Hückeswagener auch, dass das Prominententeam bereits seit zirka 1948 spielt und so über vier Millionen D-Mark für den guten Zweck eingespielt hatte. Die Kölner bekamen als Abschlussgeschenk ein Bild vom Schloss samt Signatur.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 20. September 2018.

04.10.2018: Rückblende (51) zum 4. Oktober 1993 – Frühschwimmer retten das Hallenbad

Die Mitgliederentwicklung der IG Frühschwimmer vom 4.10.1993 bis zum 04.10.2018.

Unter Aufbruchstimmung wählten 25 Mitglieder Horst Hellerling zum ersten Vorsitzenden des Vereins. Es begann eine Erfolgsgeschichte, die bis in die Gegenwart andauert. Heute würdigen alle Seiten die IGF als wichtige Säule des Bades, doch der Erfolgsdruck ist nach wie vor groß.

(nob) Die Schlagzeile in der Bergischen Morgenpost in der Ausgabe vom 5. Oktober 1993 liest sich bereits wie eine Bilanz: „Private retten das Hallenbad“. Berichtet wird im Folgenden über die Gründungsversammlung der IG Frühschwimmer am Tag zuvor, bei der „25 feste Mitglieder“ zugegen waren. In der ansonsten faktischen Schilderung der Hintergründe gibt zumindest die Unterschrift unter einem Foto, das Menschen auf der Versammlung zeigt, eine kurze Auskunft über die damalige Gefühlslage der Akteure, so ist von „optimistischer Aufbruchsstimmung“ die Rede. Ein Indiz für die hohe Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit ist die Tatsache, dass an diesem Abend des 4. Oktober bereits Namen von 150 Interessenten vorlagen, die sich in dem Verein aktiv oder passiv engagieren wollten.

Wie wir heute wissen, sollte der Verfasser der damaligen Schlagzeile Recht behalten. Das Hallenbad, das damals noch Willi-Daume-Bad hieß, würde vorläufig gerettet werden, wenngleich es im Jahr 2008 noch einmal zu einer finanziellen Krise kam. Vor zehn Jahren schuf man dann die Bürgerbad gGmbH, da die Defizite der Einrichtung erneut in die Höhe schossen (Die BM blickte Anfang des Jahres darauf zurück).

Doch zurück zur Gründungsversammlung: Die Vorgehensweise, zu der sich die Versammlungsteilnehmer 1993 entschlossen, war zumindest auf Ebene des Deutschen Schwimmverbandes einzigartig. Deshalb berichtete der frisch gebackene Gründungsvorsitzende Horst Hellerling noch auf dem Treffen von der Absicht des Verbandes, dieses Verfahren als neue Idee überall publik machen zu wollen. Sie bestand im Kern darin, einerseits die öffentlichen Schwimmzeiten zu reduzieren, um so laufende Kosten zu sparen, womit vor allem die Personalkosten gemeint waren. Andererseits sollte den Menschen trotzdem ein Zugang zum Bad ermöglicht werden, in dem sie als Mitglied eines Fördervereins in eigenen Zeitfenstern unter vergünstigtem Eintritt schwimmen konnten. Auf die Mitgliedsbeiträge waren die IG Frühschwimmer in-sofern angewiesen, da die Aufsicht führenden Übungsleiter, aber auch die Versicherung für alle Schwimmer finanziert werden mussten. Eines dieser Zeitfenster war montags zwischen 7 und 8 Uhr, womit sich der Begriff „Frühschwimmer“ von selbst erklärt.

Über Auslöser und Motive zu dieser Art des Vorgehens berichtete Hellerling rückblickend in einem BM-Interview aus dem Jahr 2013. So kam der eigentliche Anstoß vom damaligen Stadtdirektor Hans-Jürgen Pauck und der damaligen Badleiterin Andrea Poranzke. Denn: „Es lag de facto ein Schließungsbeschluss vor und man fragte uns Schwimmer, ob wir nicht etwas zur Rettung des Bads unternehmen können“, so Hellerling. Hintergrund war eine Anordnung der Bezirksregierung, die aufgrund des großen städtischen Defizits erfolgte und zwingend Einsparungen vorsah.

Aus heutiger Sicht war die damalige Gründung der Rettungsanker für die Einrichtung und die Idee genau die Richtige. Thomas Cosler, aktueller Vorsitzender der Frühschwimmer, stellt heraus: „1900 Mitglieder der IGF stehen gemeinsam mit dem Stadtsportverband für die Idee eines Bades in Bürgerhand.“ Aus den anfänglich 25 Wahlberechtigten und 150 Interessierten ist einer der größten Vereine der Stadt geworden und stellen so eine „unmittelbare Überlebenshilfe für das Bad“ dar, wie Cosler weiter betont.

Bürgermeister Dietmar Persian, der bereits seit 1975 bei der Stadt arbeitet, hat persönlich keine Erinnerung an die Gründungsversammlung, ist jedoch selbst Mitglied bei den Frühschwimmern. „Dieser Verein war elementar für das Hallenbad und ist es nach wie vor“, stellt Persian heraus. „Ohne das persönliche Engagement der Menschen wäre eine Rettung undenkbar gewesen.“

Mitgliederentwicklung der IG Frühschwimmer:

  • 4.10.1993: 25 Menschen wählen den ersten Vorstand, noch 150 Interessierte vor der offiziellen Eintragung als Verein
  • 15.12.1993: mehr als 200
  • Ende 1997: 600
  • Anfang 2002: 800
  • 4.10.2003: 900
  • Januar 2005: 1000
  • Oktober 2008: mehr als 1200
  • Anfang 2012: 1406
  • Heute: 1900

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 10.10.2018.

29.10.2018: Rückblende (53) zum 29. Oktober 1868 – Dienstjubiläum von Pfarrer Giesen wird groß gefeiert

Pfarrer Giesen, Foto Nachlass Paffrath, Stadtarchiv.

(nob) Wenn der Rauch von Kanonen durch eine Kleinstadt des 19. Jahrhunderts wabert und dazu noch der Donner der Geschütze die Menschen morgens aus den Betten wirft, ist das normalerweise kein gutes Zeichen. „Ist denn wieder Krieg?“, mögen sich so manche Uninformierte gefragt haben. Mitnichten war Krieg, vielmehr feierte Pfarrer Johann Peter Heinrich Giesen sein 25-jähriges Pfarrjubiläum.

Am 29. Oktober 1868 wird dieser Jubeltag in Hückeswagen groß gefeiert. Ein ausführlicher Bericht des Lenneper Kreisblatts, dessen Umfang für ein lokales Ereignis zu dieser Zeit eher ungewöhnlich ist, widmet sich diesem Geschehen. Schon am Abend des 28. Oktober begannen die Feiern mit einem Fackelzug. Dabei gebraucht der Verfasser des Artikels die Formulierung „eine große Anzahl seiner Verehrer“, womit wir einen weiteren Hinweis auf den Status dieses Mannes in der Stadt erhalten. Auch die zahlreichen weiteren Berichte vor und nach dem Jubiläum künden von der enormen Beliebtheit des Geistlichen.

Am Festtag selbst leiteten dann die schon beschriebenen Kanonenschläge die weiteren Feiern ein. Es folgte zunächst ein Gottesdienst in Form eines Hochamtes. Giesen wurde dabei mit einem Umzug von der Schuljugend in die Kirche geleitet. Nach dem Hochamt ging es dann in einem Festzug zur Schule, wo Ehrengeschenke überreicht wurden. Besonders betont wird im Bericht die Gratulation der Armen und Kranken des Marienhospitals, das von Giesen 1866 gegründet und eingerichtet wurde.

Nach den Gratulationen in der Schule erfolgte ein Festdiner im Hotel Königs mit 150 Gästen. Zum damaligen Zeitpunkt war das Hotel ein wichtiger Treffpunkt in der städtischen Gesellschaft.

Die große Beliebtheit von Johann Peter Heinrich Giesen erklärt sich in Teilen auch aus seiner Biografie. Als Geistlicher war er ein Seiteneinsteiger. In Hückeswagen wurde er am 28. September 1797 geboren. Ursprünglich lernte er das Gewerbe des Tuchmachers. Im Alter von 27 Jahren fand er noch Aufnahme in eine Schule, um mit 32 Jahren das Abitur zu machen. Es folgte eine vierjährige theologische Ausbildung. 1833, im Alter von 36 Jahren, wurde er Pfarrverwalter in Cronenberg, wo er sich auch den Rufnamen „dä Bettelpastur“ (der Bettelpastor) erwarb. Seine Beharrlichkeit in Sachen Geldeintreiben für die Belange der Kirche stellte er ab November 1843 auch in Hückeswagen unter Beweis, wo er zum Pastor der katholischen Gemeinde ernannt wurde. Für das Marienhospital sammelte er unermüdlich Geld und wurde sogar überkonfessionell tätig, in dem er Hauskollekten und Lotterielose auch an die Protestanten verkaufte. Giesen war in der Schloss-Stadt auch als Schulpfleger tätig und Mitgründer des „Katholischen Gesellenvereins zu Hückeswagen e.V.“, der heute Kolpingsfamilie Hückeswagen heißt.

Als krönender Abschluss des Festtages erhielt Giesen den preußischen Verdienstorden „Roten Adlerorden der IV. Klasse“.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 29.10.2018

20.08.2018: Rückblende (47) zum 20. August 2003 – Pilot stirbt nach Flugzeugabsturz in Hambüchen

Flugzeugabsturz am 20. August 2003 in Hambüchen, Foto Nico Hertgen für die Bergische Morgenpost, erneut publiziert am 28.08.2018 im Rahmen der BM-Rückblende.

(nob) Diesen Mittwochnachmittag im August des Jahres 2003 werden die Zeitzeugen soll schnell nicht vergessen. Es war gegen 14.45 Uhr, als einer von ihnen, der Anwohner Dieter Wurth auf dem Dierl, mit Arbeiten an seinem Haus beschäftigt war. Plötzlich tauchte ungewöhnlich dicht über dem Dach ein Kleinflugzeug mit einem Segler im Schlepptau auf. Nur zirka 20 Sekunden später war es auch schon passiert: Er hörte einen Knall. Nachdem er aufs Dach gestiegen war, sah er auf einem Feld in Hambüchen eine schwarze Rauchwolke emporziehen.

Vor 15 Jahren ereignete sich der bislang einzige in Hückeswagen bekannte Flugzeugabsturz zu Friedenszeiten. Der 73-jährige Pilot Heinz Spies verlor dabei sein Leben, und hinterließ trauernde Angehörige und Kameraden des Luftsportvereins Wipperfürth. Unterwegs war der Radevormwalder mit einer Maschine vom Typ „Robin DR 400/180R Remorqueur“. Er hatte zudem 600 Stunden Flugerfahrung, wobei er zirka 700 Starts absolvierte. Er wollte einen Segler, einen Amateurbau vom Typ „Condor IV/2“, in die Lüfte ziehen, wobei beide Maschinen aber kaum an Höhe gewannen. Nach dem Absturz des Motorflugzeugs auf einem Feld bei Hambüchen – der Segler hatte sich zuvor ausgeklinkt – brannte die Maschine aus und der Pilot starb am Unfallort. Die Feuerwehr war bereits wenige Minuten später zur Stelle, konnte aber nicht mehr viel ausrichten, da das Flugzeug im Wesentlichen aus Holz und Leinen bestand und so die Flammen schnell Nahrung fanden.

Spies gehörte einer Seniorengruppe des Vereins an, die sich in regelmäßigen Abständen traf. Er war in der Regel derjenige, der mit dem Motorflugzeug den Segler in die Höhe zog.

Auch die Tage danach wurde über die Ursachen des Absturzes gerätselt. Einen Notruf hatte der Pilot zumindest nicht abgesetzt. In der Zwischenzeit waren Sachverständige herbeigeeilt, um die Überreste der Maschine in einer Halle in Wipperfürth zu untersuchen. Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung vermerkt später in seinem Bericht, dass der Pilot plötzlich an Höhe verlor und das Flugzeug unkontrolliert in Rückenlage aufschlug. Die eigentliche Unfallursache wird aber auch in diesem wohl abschließenden Report nicht erwähnt.

Im Segelflieger saß ein 64-jähriger Mann aus Leichlingen. Dieser hatte eine so genannte Außenlandung nahe der Neye-Kapelle vollzogen, nachdem ihm klar wurde, dass das Fluggerät nicht genügend Thermik für einen normalen Landeanflug in Neye bekommen würde. Ein solches Flugmanöver wird von Segelflugpiloten regelmäßig trainiert.

Bei den Anwohnern löste der tödliche Absturz indes Besorgnis aus, nicht nur in Dierl, sondern auch in Kobeshofen oder Stahlschmidtsbrücke. Allerdings handelte es sich bei dem Kurs der Unglücksmaschine damals nicht um eine normale Route. Der Pilot wich nur deswegen ab, weil er nicht genug an Höhe gewann.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 28. August 2018.

06.09.2018: Rückblende (48) zum 6. September 1968 – Der Abriss von Kolls Ecke beginnt

Kolls Ecke in der Ansicht vor 1968.

 

(nob) Die 1960er-Jahre waren allgemein dafür bekannt, dass man in Bezug auf den Abriss alter Häuser relativ schmerzfrei war. Unabhängig von der Stadtkernsanierung in Hückeswagen wurden historisch bedeutende Bauten schnell dem Erdboden gleich gemacht, falls sie den immer breiter werdenden Straßen im Weg waren. Eines dieser Häuser war Kolls Ecke. Nach Meinung von Rat und Verwaltung stellte diese einfach nur eine Sichtbehinderung und Gefährdung für den Verkehr dar. Und der Berichterstatter schreibt am 6. September 1968 in der Bergischen Morgenpost in Bezug auf den Abriss fast erwartungsvoll: „Lange kann es nicht mehr dauern.“ Tatsächlich waren die letzten Mieter ausgezogen und das Schaufenster mit Brettern vernagelt. In der zweiten Oktoberhälfte war dann das Zerstörungswerk fast erledigt.

Kolls Ecke war nicht irgendein Haus. Schon der Name hat sich im Volksmund durchgesetzt und er diente bei der Stadtverwaltung als feststehende Ortsangabe für den Kreuzungsbereich Lindenbergstraße/Friedrichstraße/Bachstraße unterhalb der heutigen Stadtbibliothek. Noch heute ist der Begriff vielen Hückeswagenern geläufig, wenngleich die Erinnerung so langsam verblasst.

Folgt man dem Heimatforscher Arno Paffrath, war 1834 in dem Haus Franz Steinkäuler ansässig, der dort eine Weinwirtschaft betrieb. Historische Bedeutung erlangte das Gebäude, weil dort von 1842 bis zum 22. Februar 1879 die Poststation untergebracht war, bevor sie an den „Stricks Platz“ (Wilhelmsplatz) verlegt wurde. Steinkäuler wurde Postmeister und das Gebäude fortan „Posthaus“ oder später dann „alte Post“ genannt.

Der eigentliche Namensgeber von Kolls Ecke war Friedrich Wilhelm Koll, der im Jahr 1905 auf den Plan trat. Er kaufte das Anwesen und richtete dort sein Polster- und Dekorationsgeschäft ein. Vier Jahre später kam es dann zur Katastrophe: Am 16. Dezember 1909 – Koll hatte noch am Tag zuvor für das Weihnachtsgeschäft geworben – brannte es bis auf die Außenmauern nieder. Doch er gab nicht auf. Größer und architektonisch ansprechender ließ er es im Jahr 1910 dreigeschossig wiederaufbauen, wobei die Gebäudeecke hin zum Kreuzungsbereich abgerundet wurde. Der verrohrte Brunsbach verlief interessanterweise unter dem Haus.

Bis 1936 blieb Koll ansässig, bis der nächste berühmte Hückeswagener einzog: Wilhelm Distelmeier, später FDP-Ratsmitglied und Vorsitzender des Haus- und Grundbesitzervereins, verlegte sein Lebensmittelgeschäft von der Bachstraße 2 in Kolls Ecke. Noch bis 1968 wurde es noch unter anderem von Heinrich Menke und Herbert Mörl als Geschäft genutzt, bevor der Beschluss zum Abriss fiel, um einer neuen Verkehrsführung der Lindenbergstraße Platz zu machen.

Info: Hella Krumm hat die Geschichte von Kolls Ecke in Leiw Heukeshoven Nr. 45 zusammengefasst, unabhängig dazu berichtete Arno Paffrath aus der Entstehungszeit. Umfangreiches Material inklusive eines Lageplans zur Verdeutlichung befindet sich im Stadtarchiv.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 6.9.2018.