Elektromobilitäts-Geschichte(n) – Ausgabe Februar 2019 – Tramcar No. 6, die spannende Geschichte eines elektrischen Straßenbahnwagens der United Electric Car Co. aus dem Jahr 1914.

Tramcar No. 6 Llandudno and Colwyn Bay Electric Railway.

(nob) „Elektromobilität bezeichnet das Benutzen von Elektrofahrzeugen“, mit dieser kurzen und einfachen Definition beginnt der Wikipedia-Artikel zum Begriff Elektromobilität. Doch schon bei der zweiten spezifischeren Definition im folgenden Satz offenbaren sich erste Schwächen des Online-Artikels. Eine weiterführende Quellenangabe führt schlichtweg ins Leere. Zudem ist die Rede von einem „hochgradig vernetzten Industriezweig“ der sich „auf das Erfüllen von Mobilitätsbedürfnissen unter Nachhaltigkeitsaspekten fokussiert und dafür Fahrzeuge nutzt, die einen Energiespeicher mitführen sowie einen Elektroantrieb verwenden, der im Grad der Elektrifizierung variieren kann.“ Es fällt auf, dass die historische Perspektive in dieser Definition vollkommen außer Acht gelassen wird, denn „Nachhaltigkeit“ war mitnichten ein Merkmal eines Elektrofahrzeugs im Jahr 1914.

Immerhin wird im weiteren Verlauf des Artikels deutlich: Elektromobilität ist mehr als nur Elektroautos, wie auch eine schöne Ansichtskarte zeigt, die ich im Dezember 2018 für meine Bibliothek erwerben konnte. Sie zeigt eine elektrische Straßenbahn, gebaut von der United Electric Car Co. Abgedruckt ist zudem eine für eine Postkarte recht ausführliche Beschreibung des Fahrzeugtyps wie folgt:

„Tramcar No. 6 Llandudno and Colwyn Bay Electric Railway. Built by the United Electric Car Co. of Preston in 1914 and operated by the Bournemouth Corporation until 1936 when it was purchased for operation at Llandudno. Seating capacity 66 and equipped with two B.T.H. type G.E.249 motors of 40h.p. each and Westinghouse T2C controllers. Mounted on Brill type 22E bogie trucks of 3ft. 6in. gauge and fitted with hand magnetic and mechanical brakes. They were the last British- open-top 3ft. 6in. gauge cars to operate in this county and were finally withdraw from service in 1956. Tramcar No. 6 is preserved at the Museum of British Transport, London, S.W.4”

Versuchen wir uns ein wenig eingehender mit Bild und Text zu befassen, um so etwas über die Geschichte der Elektromobilität und speziell dem Segment „elektrische Straßenbahn“ zu lernen. Dabei werden wir uns hauptsächlich auf den Britischen Inseln bewegen und zwei wichtige Touristenziele kennenlernen.

Gefahren ist sie also zuletzt zwischen 1936 und 1956 in Llandudno. Llandudno ist das größte Seebad von Wales, liegt an der Nordküste des Landes und ist mit einem für solche Orte typischen Pier ausgestattet, dem längsten von ganz Wales. Interessanterweise existieren die Schienen in dem zirka 20.000 Einwohner zählenden Ort noch heute. Bildern und Texten über Llandudno lässt sich entnehmen, dass das Verkehrsmittel eine Touristenattraktion ist. Dabei handelt es sich um eine Standseilbahn mit zwei Abschnitten. Ein Abschnitt ist die frühere Straßenbahn, der andere eine Bergbahn. In ganz Europa gibt es nur noch zwei Standseilbahnen, die zweite befindet sich in Lissabon. Die Bahn in Llandudno war jedoch in ihrem einen Teil nicht immer eine Standseilbahn. Der Straßenbahnabschnitt wurde früher mit Strom betrieben, womit wir nun wieder bei unserer Ansichtskarte wären. Deutlich sieht man den Stromabnehmer auf der Abbildung.

Die Betreibergesellschaft nannte sich „Llandudno and Colwyn Bay Electric Railway“. Schon der Name gibt uns einen Hinweis auf die Strecke, die betrieben wurde. So gab es eine Schienenverbindung von Colwyn Bay nach Llandudno, die Zentren beider Orte liegen zirka sechs Kilometer voneinander entfernt. Sie operierte von 1908 bis 1956, dann wurde der Betrieb der Strecke eingestellt. Zwar wurde die Betreibergesellschaft abgewickelt, allerdings gibt es heute noch die „Llandudno and Colwyn Bay Tramway Society“, sie sich im historische Straßenbahnen kümmert. Auf ihrer Homepage und auf der Vintage Carriage Trust website wird der „Lebenslauf“ des Wagens auf der Ansichtskarte beschrieben. Wir erfahren u.a., dass dieser Wagen Nr. 6 der einzige der Flotte gewesen ist, der nach 1956 nicht verschrottet wurde und im Anschluss im Besitz diverser Museen war. Kürzlich (zirka 2016) war sie Gegenstand eines Restaurationsprojektes, dass komischer Weise den Namen „The Tram No.7 Project“ trägt, ein Wagennummer, die sie historischen gesehen nie getragen hat.

Um die Verwirrung komplett zu machen, – vielleicht ist es aber auch der berüchtigte britische Humor – wurde sie mit der Nummer 85 lackiert, eine Zahl, die sie in Bournemouth trug. Somit wären wir beim „ersten Lebensabschnitt“ 1914 bis 1936 angekommen, als sie von der „Bournemouth Corporation“ eingesetzt wurde. Unsere Reise auf den Britischen Inseln führt uns nun an die Südküste Englands in die Grafschaft Dorset. Und wieder gelangen wir zu einem Touristenmagneten, denn es gilt als eines der populärsten Ziele der Südküste. Die Stadt hat fast 200.000 Einwohner, somit wohnen dort zehnmal so viele Menschen, wie in Llandudno. Die Gesellschaft betrieb dort vom 23. Juli 1902 bis zum 8. April 1936 eine Strecke, die nach Westen, Osten und Norden in die Vororte Pool, Christchurch und Winton erweitert wurde. Auch die farbegebende Lackierung unterscheidet sich: Während wir auf der Postkarte den Wagen grün-weiß lackiert war, ist er nun rot-geld.

Wer sich den Wagen gegenwärtig anschauen will, muss ins National Tramway Museum nach Crich (im Zentrum der Insel nahe Nottingham) fahren. Dort steht der Wagen seit dem Jahr 2017 in einer Museumshalle, da die Spurweite auf dem Museumsgelände einen anderen Standard hat und dort nicht fahren kann.

Wenden wir uns nun dem Erbauer „United Electric Car Company“ zu. Dieses Unternehmen bestand von 1905 bis 1917, somit wurde der Wagen drei Jahre vor dem Ende der Firma gebaut. Ursprünglich wurde die Firma 1897 von den Schotten W. B. Dick and John Kerr unter dem Namen „Electric Railway and Tramway Carriage Works“ gegründet, danach ging man auf Expansionskurs. Bei einem Zukauf von zwei Firmen 1905 wurde dann der Name „United Electric Car Company“ kreiert. Und es war nun wahrlich keine kleine Klitsche. 1914 arbeiteten 2000 Menschen für das Unternehmen. Man baute insgesamt 8000 Straßenbahnen, die in alle Welt exportiert wurden. Sogar auf Malta fuhr einst eine Straßenbahn dieses Typs (dazu mehr in einer der nächsten Ausgaben von Elektromobilitäts-Geschichte(n). Die Elektromotoren wurden von der Firma General Electric geliefert und hatten eine Leistung von jeweils 40 PS. Mit dem „Westinghouse T2C Contoller“ und seinem charakteristischen Hebel wird das Fahrzeug bedient: es wird sowohl Energie gegebenen als auch (nach Umlegen des Hebels) die Bremsen betätigt. Erwähnt werden muss noch die Firma „J. G. Brill Company“, die das Fahrgestell herstellte. Das Gefährt wurde auf einer Spurweite von 3 Fuß und 6 Inch betrieben (Kapspur, 1067mm) und stellt somit eine relativ schmale Spurweite dar. Im Übrigen wird die Spurweite noch heute von der Straßenbahn in Tallinn verwendet und von der besagten Great Orme Trumway in Llandudno.

Insgesamt kann man feststellen, dass das Geschäft mit den schienengebundenen System weitaus bedeutender war als mit dem Automobil. 1914, also in dem Jahr, wo der Wagen gebaut wurde, war zwar auch die Hochzeit der Elektroautos in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch dann der Bruch. Während auf der Straße die Verbrennungsmotoren vorherrschten, blieb den elektrischen Antrieben die Schiene vorbehalten. Dementsprechend hochentwickelt sind die Systeme bei den Bahnen. Wir werden sehen, wohin die Reise auf der Straße geht auf der Schiene jedenfalls ist die Elektromobilität die Nr. 1.

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