29.03.2019: Rückblende (68) zum 29. März 1974 – Hückeswagener Rat will in den Oberbergischen Kreis

Das Foto zeigt wahrscheinlich CDU-Mitglieder und Vertreter des Rheinisch-Bergischen Kreises in Bergisch Gladbach.

(nob) Die endgültige Entscheidung, war es zwar noch nicht, jedoch geschah am 29. März 1974 im Rat der Stadt eine wichtige Weichenstellung. Das oberste Gremium von Hückeswagen entschied sich mit den 14 Stimmen von CDU und FDP, einen Beitritt zum Oberbergischen Kreis anzustreben, während die 12 SPD-Ratsmitglieder für den Rheinisch-Bergischen Kreis votierten. Zuvor hatte der nordrhein-westfälische Innenminister Willi Weyer die Stadt- und Gemeinderäte der betroffenen Kommunen aufgefordert, eine Stellungnahme zur anstehenden Neuordnung im Rahmen der Kommunalen Gebietsreform abzugeben, die in einem Entwurf und zwei Varianten vom 1. März 1974 vorlag. Zu diesem Zeitpunkt war nur klar, dass Hückeswagen eine selbstständige Gemeinde bleiben würde.

In der Rückschau wissen wir, dass dann tatsächlich am 5. November 1974 das „Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden und Kreise des Neugliederungsraumes Köln“, kurz „Köln-Gesetz“ genannt, verabschiedet wurde und am 1. Januar 1975 in Kraft trat. Fortan war Opladen nicht mehr der Verwaltungssitz der Kreisbehörde, da der Rhein-Wupper-Kreis aufgelöst wurde: Das KfZ-Kennzeichen „OP“ verschwand aus dem Straßenbild und das „GM“ für Gummersbach verbreitete sich. Schmerzlich dürfte aus Sicht von Hückeswagen der Verlust von Bergisch Born gewesen sein, das nun nach Remscheid eingemeindet wurde.

Ungeachtet aller Folgen lohnt sich ein Blick zurück auf die Motiv- und Gefühlslage der damals politisch Handelnden. Warum entschieden sich einige für Oberberg, die anderen für Rhein-Berg? Nun haben wird das Glück, dass ein Ratsprotokoll die einzelnen Motive genau auflistet und auch der BM-Journalist Lothar Kaiser gab seine Eindrücke wieder.

Willi Brunsbach von der CDU sprach auch im Namen der FDP und begründete das gemeinsame Eintreten für Oberberg unter anderen damit, dass die zukünftigen Gemeinden etwa gleich groß seien, eine „Mentalitätsähnlichkeit“ bestehe, man dem Naturpark Bergisch Land angehöre und die Autobahnplanungen günstiger seien. Zu Letzterem muss man wissen, dass seinerzeit die Bundesautobahn 54 geplant war, die von Remscheid über Radevormwald nach Halver verlaufen sollte, aber niemals realisiert wurde.

Helmut Müller von der SPD führte in der Sitzung dann seine Argumente für einen Beitritt zum Rheinisch-Bergischen Kreis auf, die in erster Linie wirtschaftliche Gesichtspunkte beinhaltete. Und ergänzend gab er dann den be-merkenswerten Satz zu Protokoll: „Wir befinden uns dann mit den gleichen Nachbarn in einem Kreis (Anmerkung: Wie bei dem dann aufgelösten Rhein-Wupper-Kreis) und entgehen darüber hinaus der Gefahr mit Wipperfürth zusammengemeindet zu werden.“ Ganz offenbar gab es zwischen CDU und SPD verschiedene Sichtweisen, wie denn Wipperfürth zu bewerten ist. Während Brunsbach eine Mentalitätsähnlichkeit sieht, rückt der SPD-Mann die Gefahren in den Vordergrund. Kein Problem Letzterer aber damit, dass Wermelskirchen einige Kreisfunktionen bekommen würde, vielmehr sei dies „günstig für Hückeswagen“. Im Übrigen trieb das Stichwort Wipperfürth auch Helmut Ptock Schweißperlen auf die Stirn, denn auch er wusste zu berichten, dass die Nachbarstadt eine „kommunale Zusammenarbeit“ plane, die möglicherweise die Eingemeindung nach sich ziehen könnte.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 29. März 2019.

15.03.2019: Rückblende (67) zum 15. März 1959 – IG übernimmt Verwaltung der Zeltplätze

Campingplatz an der Bever, Foto von Ansichtskarte, zirka 1961.

(nob) Ganz offenbar um einen reinen Verwaltungsakt handelt es sich bei einem Ereignis, das die Chroniken für den 15. März 1959 an der Bevertalsperre festgehalten haben. Denn nicht eine einzige Zeile in der Bergischen Morgenpost beschäftigte sich vor 60 Jahren mit der Tatsache, dass der Wupperverband die Verwaltung der Camping-Zeltplätze an die „Interessengemeinschaft Zeltplätze Bever-Talsperre“ abgegeben haben. Stattdessen standen ganz andere Dinge im Blickpunkt: Die Arbeiter des Wupperverbandes konnten sich Anfang 1959 über ein neues Werkstatthaus freuen. So war man bis dato „unzulänglich in den Kellerräumen eines mit Schiefer bekleideten Wohnhauses“ untergebracht, wie es in einem BM-Bericht vom 20. März hieß. Gemeint ist damit das schöne Fachwerkhaus unmittelbar am Damm in Reinshagensbever an der K12, das bis heute noch ein Blickfang ist. Schlosserei und Schreinerei konnten sich damals auf zwei neue Räume ausdehnen, ebenso gab es Aufenthaltsräume für die Arbeiter „mit Zentralheizung und Toilettenanlage“.

Drei Tage später, am 23. März, gab die BM einen erneuten Lagebericht von der Bevertalsperre ab: Demnach war der Wupperverband nun damit beschäftigt, die Wochenendhäuser fit zu machen, da man zu Ostern und vor den folgenden Wochenenden mit dem ersten Gästeansturm des Jahres rechnete. Eine andere Aufgabe ruhte im wahren Sinne des Wortes noch still auf dem See: Es galt die seit 1956 existierende DLRG-Lehrschwimmanlage ans Ufer zu holen, die man aus Angst vor einer Beschädigung draußen auf dem Wasser und somit schwer zugänglich festgemacht hatte. Sie musste für den Betrieb vorbereitet werden, denn am 15. Mai 1959, so schrieb die BM, würde die neue Badesaison beginnen. Aber was war denn nun mit den Zeltplätzen? Immerhin, so lesen wir, war dem Wupperverband „sehr gelegen daran, die Ordnung der Talsperre aufrecht zu erhalten“. Denn es würden bald „jung und alt auf den frei gegebenen Wiesen lagern“. Ein Hinweis auf die IG Zeltplätze fehlt nach wie vor.

Fragen wir jemanden, der es wissen muss: den amtierenden Vorstand des Wupperverbandes Georg Wulf. „Primär ist die Bewirtschaftung der Talsperren unsere Aufgabe. Aber schon damals war klar, dass die Menschen ein legitimes Interesse an Naherholung haben und dazu eben auch die Bevertalsperre nutzen“, erläutert er die Ausgangslage. Um diesen kleinen Spagat zu vollziehen, holte man daraufhin die Städte Hückeswagen, Wuppertal und Remscheid, aber auch die Kirchen mit ins Boot. Wulf: „Wir mussten in irgendeiner Form die Dinge ordnen und es kam zur Gründung der Interessengemeinschaft Zeltplätze Bever-Talsperre.“ Zu ordnen waren zum Beispiel das wilde Parken und Campen aber auch das Einwirken auf Ruhestörer.

Die Vermüllung des Gewässers und vor allem der Randzonen war damals wie heute ebenfalls ein großes Thema. Zwar ist seit den 1980er-Jahren allgemein ein wachsendes Umweltbewusstsein zu beobachten, doch mit vorsichtiger Diplomatie gießt Wulf ein wenig Wasser in den Wein: „Ich würde mir wünschen, wenn selbige Entwicklung sich auch in der Sauberkeit an den Talsperren bemerkbar macht, doch noch müssen wir regelmäßig Aufräumaktionen veranstalten“.

Die Geschichtsschreibung der Interessengemeinschaft Zeltplätze Bever-Talsperre begann also mit dem Wunsch des Wupperverbandes, nicht mehr alles alleine schultern zu müssen. Daraus sind für die IG viele neue Aufgaben entstanden, nicht zuletzt auch aufgrund der Tatsache, dass sich Form und Verhalten bei Freizeit und Naherholung stark verändert haben. Noch im Juli 2018 gab die Geschäftsführerin der IG, Claudia Krieger, in einem BM-Interview einen Einblick. Bei der Gelegenheit sprach sie auch die Gründungszeit an und zitierte einen ehemaligen Satzungsbestandteil. Demnach sei es Aufgabe gewesen, „den gesitteten Aufenthalt der Jugend in der Natur zu sichern“. Zwar würde man es heute anders formulieren, doch nach 60 Jahren ist klar: Es bleibt wohl eine Daueraufgabe.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 15. März 2019.

09.03.2019: Rückblende (66) zum 9. März 1839 – Das Ringen um das Andenken von Maria Zanders

Ein Porträt von Maria Zanders, veröffentlicht in „Köppe ut Heukeshoven“ Kalender des Jahres 1980, Archiv Bangert.

(nob) Nur den wenigsten Persönlichkeiten ist es vergönnt, über viele Generationen hinweg in Erinnerung zu bleiben. Herrscher aus der Frühen Neuzeit beispielsweise wähnten sich im ewigen Ruhm und sind doch heute vergessen, gleiches gilt für lokale Berühmtheiten. Und dann sind es die folgenden Generationen, die versuchen, gegen das Vergessen anzukämpfen.

Ein solcher Fall ist Maria Zanders, die am 9. März 2019 ihren 180 Geburtstag gefeiert hätte. Ihr Geburtshaus steht in Hückeswagen und trägt die Adresse Marktstraße 25. Sie war die Tochter des Tuchfabrikanten-Ehepaars Julius und Charlotte Johanny und wurde in einem vornehmen Düsseldorfer Pensionat erzogen. Aus der Kindheit in Hückeswagen wird berichtet, dass sie vom Großvater oder ihren Onkeln zu dem sonntäglichen Stammtisch in der Gaststädte Krone mitgenommen wurde und dieser durch ihre drolligen Einfälle belebt wurde.

Sie heiratete 1857 im Alter von 18 Jahren den Papierfabrikanten Carl Richard Zanders aus Bergisch Gladbach. Nach dem Tod ihres Mannes 1870 – er hinterließ drei kleine Kinder – führte Maria Zanders sein Werk als Unternehmerin fort. Von 1873 bis 1874 ließ sie sich nach Entwürfen des Architekten Hermann Otto Pflaume eine repräsentative Villa errichten, die heute in Bergisch Gladbach „Maria-Zanders-Haus“ oder auch „Villa Zanders“ genannt wird. In ihrem gastfreundlichen Heim verkehrten bedeutende Künstler und Gelehrte, unter ihnen der Komponist Max Bruch oder die Schriftstellerin Anna Caspary, die sie zum Teil auch förderte. Maria Zanders ist zudem Mitbegründerin des Altenberger Dom-Vereins und trug so maßgeblich zum Erhalt des berühmten bergischen Gotteshauses bei.

Obwohl sie lediglich ihre Kindheit in Hückeswagen verbrachte, wurden in der Schloss-Stadt erhebliche Anstrengungen unternommen, die Erinnerung an sie zu bewahren. Nachdem am 25. Mai 1963 an ihrem Geburtshaus eine Gedenktafel durch den BGV enthüllt wurde, erfolgte im Jahr 1968 die Benennung einer Straße nach ihr. Und am 16. Dezember 2011 beschloss der Rat der Stadt Hückeswagen nach einem vorhergehenden Wettbewerb und Prüfung einer Jury, die geplante (aber nicht realisierte) Sekundarschule „Maria-Zanders-Schule“ zu nennen. In der Begründung damals hieß es, dass das Leben und Wirken von Maria Zanders auch die neue Schule prägen soll. Man wolle an die enge Verzahnung von Industrie und Familie, sozialem Engagement und Menschlichkeit anknüpfen und den Schülern diese Werte vermitteln.

Weniger angestrengt hat man sich jedoch bei Carola Lepping. Die Literaturpreisträgerin und Schöpferin einer ehrenamtlichen Bibliothek, die zudem mehr als ihr halbes Leben in Hückeswagen verbrachte, blieb bis heute ohne Straßen- oder Gebäudebenennung. Immerhin erhielt sie 2008 den über die FDP-Grenzen hinweg viel beachteten Liberalen Bürgerpreis.

Was sind nun die Gründe, um längerfristig im Gedächtnis einer städtischen Gesellschaft hängen zu bleiben? Auf jeden Fall braucht man Fürsprecher und die hatte Maria Zanders zweifelsohne, zudem dürfte das begüterte Haus kein Hindernis gewesen sein. Und nicht zuletzt war sie eine Frau, die sich in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Vielleicht ist mit größerem zeitlichem Abstand betrachtet dieses die eigentliche Leistung. Denn auch 2019, 180 Jahre nach Maria Zanders, ringen Frauen immer noch um Chancengleichheit und gleiche Bezahlung.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen,  9. März 2019

22.02.2019: Rückblende (65) zum 22. Februar 1879 – Das Kaiserliche Postamt zieht an den Stricks Platz

Der Stricksplatz im Jahr 1904, Postkarte „Stadtplatz“, Archiv Erich Kahl.

(nob) Wenn ein Kaiserliches Postamt umzieht, ist das in einer Kleinstadt immer ein Ereignis von allgemeinem Interesse. So geschehen am 22. Februar 1879, als diese wichtige öffentliche Einrichtung von Kolls Ecke (Ecke Bachstraße/Friedrichstraße) an den Stricks Platz (heute Wilhelmsplatz) umzog. Gemietet wurde das Haus von Julie Strick, der Witwe des 1876 gestorbenen Heinrich Strick jr. Der damalige Postmeister Johannes Franz Steinkäuler notierte in einer im Jahr 2016 veröffentlichten Chronik mit dem 1. Januar 1879 zwar ein um ein paar Wochen abweichendes Datum, doch dieses ändert nichts an dem Umstand, dass der Standortwechsel historisch gesehen Teil einer tiefgreifenden Veränderung der städtischen Strukturen von Hückeswagen war. Um diesen Prozess zu verstehen, ist zunächst das Wissen um Funktion und Bedeutung des Platz um 1900 unabdingbar.

Noch 1897 war der Platz ein Tränkweiher für Postpferde. Wilhelm Blankertz berichtete in einem seiner zahlreichen Aufsätze, dass besagter Weiher gemeinsam mit dem „Wolfsweiher“ hinter der Sparkasse in die Reihe der ehemaligen Burgweiher gehören würde. Wie auch immer: Es ergibt sich der Hinweis, dass an dieser Stelle Postpferde Zwischenstation machten, was aufgrund des damaligen Standortes der Post gut nachvollziehbar ist. Erst 1924 zog die damals staatliche Behörde nur etwa 100 Meter weiter stadtauswärts in die Villa Clarenbach, wo sich das privatisierte Unternehmen heute noch mit einem Verteilerzentrum in einem angrenzenden Gebäude befindet.

An einem Verkehrsknotenpunkt lag der Platz tatsächlich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Von zirka 1770 bis etwa 1790 wurde die Fernstraße Elberfeld-Siegen gebaut. Diese verlief von Waag kommend über den Kratzkopf (Wiehagen), die Friedrichstraße und die Islandstraße bis zur Peterstraße und dann weiter Richtung Tannenbaum. Genau dort, wo sich Stricks Platz befand, machte die Fernstraße einen Schwenk auf die Peterstraße Richtung Wipperfürth. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie am 13. Mai 1876 verlagerte sich zumindest ein Teil des Waren- und Postverkehrs auf die Schiene, somit lag man am Standort Kolls Ecke ein wenig abseits. Am Stricks Platz hingegen war man wieder näher am Brennpunkt des Personen- und Warenumschlags und die Bahnhofstraße führte schnell zum Haltepunkt.

Um 1900 herrschte rund um den Platz eine rege Bautätigkeit. Diese hatte einen Stadtbild verändernden Charakter und ist durchaus vergleichbar mit den jüngsten Umwälzungen am Etapler Platz um die Jahrtausendwende. Die Familie Strick errichtete 1877 und 1888 zwei Wohn- und Geschäftshäuser und es siedelten sich weitere wichtige Einrichtungen an. Zu nennen wäre beispielsweise das heutige Kolpinghaus, das 1907 in Nachfolge der Gaststätte Brügger entstand oder etwa 1910 die Bahn mit einem Haus (Bahnhofstraße 14) für die Bahnmitarbeiter. Die Stadtsparkasse Hückeswagen folgte erst 1920, als Stadt- und Landgemeinde vereinigt wurden. Doch zu diesem Zeitpunkt war aus Stricks Platz 1906 der Wilhelmsplatz geworden, nachdem zuvor die Stadt 1898 die Fläche erwarb und der HVV den Platz verschönerte.

Der Wilhelmsplatz sollte auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Treff- und Kommunikationspunkt bleiben. Doch mittlerweile ist der Glanz etwas verblasst, woran auch die große Altstadtsanierung in den 1970er-Jahren nichts Grundlegendes änderte. Die Islandstraße ist für den Fernverkehr unrelevant geworden und die Aufenthaltsqualität um den mittlerweile versiegten Brunnen ist stark ausbaufähig. Doch ein Vorteil bleibt: Er liegt immer noch in der Nähe des neuen Pulsgebers, dem Etapler Platz.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 21.02.2018.

17.02.2019: Rückblende (64) zum 17. Februar 2004 – Der FC 04 Hückeswagen wird gegründet

Das Logo des FC 04 Hückeswagen.

(nob) Eingeweihte Eltern, Fußballfunktionäre und Fans wussten schon länger, was sich am 17. Februar 2004 ereignet hatte. Doch es dauerte noch weitere drei Monate, bis der breiten Öffentlichkeit in einem Pressegespräch verkündet wurde: Es gibt einen neuen Fußballverein in Hückeswagen. Die BM titelte sodann am 15. Mai: „Eltern-Initiative FC 04“. Schon die Schlagzeile machte deutlich, wo nach Meinung der Vereinsgründer im Hückeswagener Fußball der Hase im Pfeffer lag: Es galt Initiative zu ergreifen, denn die Elternschaft von zirka 20 Kindern, vorwiegend aus der Bambini-Elf, fühlten sich bei ihrem Stammverein RSV 09 nicht mehr richtig aufgehoben. Mit Kritik hielten sich der Gründungsvorsitzende Frank Jeschke, sein Stellvertreter Marcus Uppmann und Kassenwart Michael Czogalla bei ihrem ersten offiziellen Statement zurück. Deutlich wurde aber, dass es mit den Trainingsbedingungen, der internen Vereinskommunikation und der Organisation nicht zum Besten stand.

Anders und besser sollte alles werden und eine altersgerechte, attraktive und sportliche Alternative entstehen. Und die Startphase ließ sich vielversprechend an: Der junge Verein verzeichnete einen hohen Zustrom von Kindern und Jugendlichen, sogar ein komplettes Jugendteam wechselte zum FC 04. Dem Verein gelang es kurzfristig sogar, ein Mädchenteam zu etablieren. Zudem war das Konzept klar auf den Jugendfußball ausgerichtet. Ein Seniorenteam war anfangs nicht geplant, wurde allerdings auch nicht ausgeschlossen.

Angesichts der Aktivitäten verfiel man beim RSV 09 jedoch nicht in Schockstarre. Indirekt angefeuert durch die rührigen Eltern intensivierte nun auch der Raspo seine Bemühungen. Beide Vereine schafften es gemeinsam, die Anzahl der aktiven Kinder im Hückeswagener Fußball deutlich zu erhöhen, so wie es in den Zielen der Gründer auch angedacht war. Die immer wieder gestellte Frage, ob denn die Schloss-Stadt wirk-lich zwei Jugendvereine brauchen würde, wurde sozusagen auf den Platz beantwortet.

Alles wurde also gut? Mitnichten! Orts-Chronisten müssen 15 Jahre später emotionslos feststellen: Den RSV 09 gibt es immer noch, den FC 04 nicht mehr. Dafür spielt mit dem SC Heide ein komplett neuer Verein auf der Schnabelsmühle, der in seiner Gründungsgeschichte in keiner Weise mit dem FC 04 zu vergleichen ist.

Im Jahr 2016 wurde der FC 04 Hückeswagen mangels Aktiver abgewickelt. Irgendwann in diesem Zeit-raum ging die Anfangseuphorie verloren und mit ihr das stringente Konzept der Gründer, das den systematischen Aufbau von Jugendteams vorsah. Stattdessen wurde ein Seniorenteam gegründet, einem „normalen Fußballverein“ immer ähnlicher. Der Begriff „Eltern-Initiative“ hatte schon lange ausgedient. Um 2015 setzte dann ein rasanter Verfall ein und der Verein implodierte regelrecht. Der FC 04 Hückeswagen war zwölf Jahre nach seiner Gründung Geschichte.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 16.02.2019.

09.02.2019: Rückblende (63) zum 9. Februar 1979 – Hitler verliert formell Ehrenbürger-Titel

(nob) Wenn das oft bemühte geflügelte Wort „sang- und klanglos“ einmal wirklich zutrifft, dann für einen politischen Vorgang, der sich am 9. Februar 1979 ereignet hatte. Für die meisten Mitglieder des Stadtrates vollkommen überraschend stellte Helmut Ptock als Fraktionsvorsitzender der SPD den Antrag, die Ehrenbürgerschaft von Adolf Hitler zu streichen. 34 Jahre nach dem Ende des dunkelsten Kapitels Deutschlands brach dieses Thema ganz unvermittelt in den kommunalpolitischen Alltag ein. Genau so schnell wie es gekommen war, verschwand es auch wieder: Am 13. Februar berichtete die BM noch einmal kurz in einem einspaltigen Artikel über diesen Vorgang. Dabei wurde auch ein formalrechtliches Hindernis in der Gemeindesatzung erwähnt, wonach bei kurzfristig eingebrachten Anträgen die Dringlichkeit begründet werden musste. Nachdem man kurz zuvor über die Räumpflicht auf Gehwegen entschieden hatte, entschlossen sich die Ratsmitglieder, auch dieses Themas zügig abzuräumen. Nach dem BM-Artikel gab es auch keine öffentliche Diskussion mehr zu dieser Entscheidung, beispielsweise in Form von Leserbriefen oder anderen Reaktionen.

Im Jahr 2005 griff die Bergische Zeitgeschichte (BZG) das Thema in ihrer Ausstellung zum Nationalsozialismus im Radevormwalder Wülfing-Museum auf, zwei Jahre später dann schrieb die ehemalige Hückeswagener Stadtarchivarin Iris Kausemann einem Artikel in Leiw Heukeshoven und machte so darauf aufmerksam, dass der Vorgang der Verleihung der Ehrenbürgerschaft im Stadtarchiv für alle einsehbar aktenkundig ist. Wir erfahren in diesem Zusammenhang auch, dass über 4000 kleine Städte besagtem Herrn die Ehrenbürgerschaft angedient bzw. verliehen hatten. Kausemann betonte weiter, dass es sich bei der Aberkennung um einen symbolischen Akt handelte, denn der Alliierte Kontrollrat hatte bereits mit einer Direktive bestimmt, dass Kriegsverbrechern generell die Ehrenbürgerschaft aberkannt werde.

Ein Blick in die Akte des Archivs lohnt sich in jedem Fall. Abgesehen vom Akt der Verleihung fällt die devote Sprache auf, die der Bürgermeister gegenüber Hitlers Kanzlei an den Tag legte. Für uns sicher ungewöhnlich, in einem diktatorischen System aber durchaus üblich. Als Beispiel mag ein Zitat vom 3. April 1935 in einem Dankesschreiben (nach Annahme der Ehrenbürgerschaft durch Hitler) an die Reichskanzlei dienen: „Wir geloben Ihnen, mein Führer, getreulich dazu beizutragen, die an den Ufern der Wupper gelegene Stadt zu einer Zelle deutscher Volksgemeinschaft zu gestalten, die ihrem Ehrenbürger stets würdig bleiben möge.“ Es folgt die Grußformel und Unterschrift: „Heil mein Führer, Bürgermeister Gimbel.“ Angesichts der erwähnten über 4000 vergebenen Ehrenbürgerschaften wundert es im Übrigen nicht, dass Hitler auch noch zwei Jahre später so gar keine Zeit für Hückeswagen hatte. Dass der Diktator die Schloss-Stadt nicht besuchen würde, war wahrscheinlich auch denen klar, die 1935 eine entsprechende Einladung zur 850-Jahr-Feier formulierten. Es gab noch nicht einmal einen Termin für eine Delegation in Berlin. So blieb nichts anderes übrig, als die schmuckvolle Ehrenurkunde, die als Kunstgewerbearbeit entstand, mit der Post zu schicken. Gemäß der Aktennotizen kam auch ein Dankesschreiben des Führers als Antwort, das sich aber im Original nicht in den Unterlagen findet.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 9.2.2019.

02.01.2019: Rückblende (60) zum 1. Januar 1909 – Start ins neue Jahr mit über 50 Fernsprechanschlüssen

Eine Werbung für Telefonanschlüsse von der Firma Elektra, Quelle: Stadtarchiv Hückeswagen, Akte 379b.

(nob) In einer der unzähligen Statistiken zur Infrastruktur von Stadt und Landgemeinde existiert folgender Eintrag: „Am 1. Januar 1909 waren in Hückeswagen über 50 Fernsprechanschlüsse eingerichtet“. Die Anzahl erscheint uns auf den ersten Blick nicht besonders groß. Doch immer wieder wird vergessen, dass die Verbreitung derartiger Alltagstechnik vor 110 Jahren wesentlich langsamer verlief als heute. Die Geschwindigkeit, mit der sich beispielsweise moderne Smartphones nach der Einführung von Apples iPhone im Jahr 2007 verbreitet haben, wäre 1909 absolut undenkbar gewesen.

Doch bevor wir uns einmal anschauen, in welchem Tempo die „moderne Technik Fernsprecheinrichtung“ ihren Weg in die Haushalte fand, ist unbedingt noch eine vorhergehende Entwicklung zu erwähnen: Zirka 30 Jahre vor Einrichtung der ersten Fernsprecher wurde im Jahr 1864 eine Telegraphen-Station in Hückeswagen eingerichtet. Bereits um 1850 hatten sich aus einzelnen Telegraphen-Linien nach dem Prinzip der Weiterleitung durch elektrische Impulse ein Telegraphie-Netzwerk gebildet, das sehr schnell wuchs und schließlich auch durch interkontinentale Seekabel ergänzt wurde. Aber Telegrafie war eben keine übertragene Sprache, sondern es wurden Texte codiert. Wenn es gelingen würde, so die Überlegung der Erfinder damals, Sprache direkt zu übertragen, könnte man Informationen wesentlich schneller übertragen. Wie die Geschichte lehrt, gelang es und so entstanden neben den schon etablierten Telegrafie-Strecken die ersten Telefonleitungen mit einer anderen technischen Basis.

Am 30. Oktober 1895 war es dann auch in Hückeswagen soweit: Man richtete eine so genannte Stadt-Fernsprecheinrichtung ein, an die anfangs sechs Teilnehmer angeschlossen wurden. Mit der Inbetriebnahme wurde eine Verbindung zur Maschinenfabrik Bêché & Grohs (Peterstraße), zur Tuchfabrik Bockhackers Nachfolger (Mühlenweg), zum Bürgermeisteramt Neuhückeswagen (Rader Straße), zur Tuchfabrik Arnold Hueck (Fuhr), zur Stadt Hückeswagen im Schloss und zur Druckerei Friedrich Welke (Altstadt) hergestellt. Gleichzeitig erfolgte die Ankoppelung an das „Bergische Fernsprech-Netz“. Interessanterweise wurde in der kurzen Notiz der Bergischen Volkszeitung (einem Vorläufer der BM) appelliert, dass doch weitere Anträge gestellt werden mögen. Denn je mehr Anschlüsse an einem Ort vorhanden seien, desto größer wäre die Wahrscheinlichkeit, dass man mit weiteren Gebieten über das Bergische hinaus vernetzt werden würde.

Nachdem im Jahr 1904 ein eigenes Fernsprechamt zur Vermittlung der Gespräche eingerichtet wurde, liegt als nächste Nachricht besagter Statistikeintrag aus dem Jahr 1909 vor. Fazit: Von sechs Anschlüssen 1895 wuchs das Netz auf über 50. Für weitere zirka 45 Anschlüsse benötigte man also 14 Jahre, im Schnitt wären das folglich drei neue Anschlüsse pro Jahr. Wenn es also demnächst wieder mal etwas länger dauert mit dem Telefonanschluss, denken wir am besten an die Anfänge im 19. Jahrhundert zurück und alles relativiert sich.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 2.1.2019.

09.01.2019: Rückblende (61) zum 9. Januar 2004 – Meisterchor „Quartettverein Rheingold“ löst sich auf

Der Meisterchor „Quartett-Verein Rheingold“ tritt 1981 in der Hückeswagener Hauptschule auf. Foto: Stadtarchiv.

(nob) Das Maß aller Dinge für den Meisterchor „Quartett-Verein Rheingold“ schrieben die Gründungsmitglieder am 6. Oktober 1921 in die Satzung: Der Verein „bezweckt den Männergesang zu pflegen. […] Es können […] nur ausgesprochene Sänger mit gutem Stimmmaterial als [aktives] Mitglied aufgenommen werden.“ Etwas mehr als 82 Jahre später, am 15. Januar 2004, teilt der Vorsitzende Rolf Kottsieper in einem Pressegespräch mit: „Der Sängerschwund führt nun dazu, dass der Chor dem eigenen Anspruch an hohe musikalische Qualität nicht mehr genügen kann.“ Er sei daher am 9. Januar mit der erforderlichen Stimmenmehrheit auf einer Mitgliederversammlung aufgelöst worden. Ob Absicht oder nicht, der damalige BM-Mitarbeiter und Musik-Koryphäe der Schloss-Stadt Franz Mostert verwendet ebenfalls den Begriff „Maß“ und stellt in einem Zwischenruf für die BM am gleichen Tag fest: „Rheingold und Mittelmaß passen nicht zusammen.“

Ganz offenbar hatte man bei der letzten Mitgliederversammlung in der Geschichte des Vereins keine Öffentlichkeit zugelassen, so dass Zeitzeugen von außerhalb nicht zugegen waren. Folgt man den Worten von Kottsieper, hatte es an diesem Abend des 9. Januar eine lange und teils auch stark emotional geführte Diskussion gegeben, die der Vorsitzende auf dem Pressegespräch mit den Worten kommentierte: „Es war eine sehr traurige Veranstaltung“.

Auslöser der sehr konsequent erfolgten Auflösung war der starke Mitgliederrückgang. So war innerhalb von nur fünf Jahren die Anzahl der Sänger von 43 im Jahr 1999 auf zuletzt 21 gesunken. Die Stagnation setzte bereits 1991 ein, als die Statistik 44 Sänger aufführte. Zu diesem Zeitpunkt war der Vorstand allerdings noch zuversichtlich, obwohl damals schon das Chorsterben auf überregionaler Ebene ein Thema war. In einem Gespräch mit dem BM-Redakteur Stephan Büllesbach sagte der damalige Vorsitzende Friedrich Heinze: „Wir sind ein Verein, der sich glücklich schätzen kann, so viele Jugendliche zu haben.“ Das Durchschnittsalter lag noch bei 47 Jahren, was im Vergleich zu anderen Chören mit gleichem Anspruch ein recht guter Wert war.

Alles hat nichts genutzt und für die ruhmreiche Vergangenheit konnte sich der Chor nichts kaufen. Konzertübertragungen im WDR, Teilnahme an Bundessängerfesten und die fünffache Auszeichnung als Bundesmeisterchor standen auf der Habenseite. Die ARD machte 1986 sogar ein Fernsehporträt und die Mitglieder tourten durch ganz Europa. Selbst im heimischen Karneval war der Rheingold neben der Kolpingsfamilie nicht wegzudenken. Es ist viel geschrieben worden über den Meisterchor und die Erinnerung ist durch den Erhalt des Nachlasses im BGV-Archiv und vor allem durch die Rheingold-Frauen, die sich immer noch regelmäßig treffen, quicklebendig. Doch das Maß aller Dinge waren eben nur „ausgesprochene Sänger mit gutem Stimmmaterial“. Die vielen Pokale an der Wand können leider nicht singen

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen am 9.1.2019.

23.01.2019: Rückblende (62) zum 23. Januar 1974 – Verheerender Großbrand am Hallenbad

Laufende Löscharbeiten am Hallenbad am 23.01.1974. Foto: Stadtarchiv.

(nob) Treffender hätte es die BM am 24. Januar 1974 in ihrer Berichterstattung nicht ausdrücken können: „Der Wunschtraum vieler Hückeswagener wurde ein Raub der Flammen“ und die Augenzeugen „standen fassungslos an der Brandstelle“. Die Rede ist von einem spektakulären Großbrand am Tag zuvor im Brunsbachtal, der die geschilderten großen Emotionen bei den Menschen auslöste. Dort war das Hückeswagener Hallenbad, das den Namen „Willi-Daume-Bad“ trug, gerade im Bau und sollte drei Monate später im April 1974 eingeweiht werden. Dass daraus nichts werden würde, war jedem spätestens nach dem Betrachten der Fotos von der Unglücksstelle klar. Das Dach habe „wie Zunder“ gebrannt und wurde dementsprechend komplett zerstört.

Was war genau passiert? Gegen 15.20 Uhr des 23. Januars fanden Teerarbeiten am Dach statt, wobei offenbar ein kleines Feuer entstand. Da ein Feuerlöscher nicht sofort zur Hand war, breiteten sich die Flammen an hölzernen Leisten einer Seitenwand aus. Dann griffen sie auf die Skobalit-Abdeckung (ein Baumaterial aus Kunststoff) der Beleuchtungskörper und der hölzernen Dachkuppel über, wo sie sich innerhalb von Sekunden über die komplette Innenseite ausbreiteten. Trotz sofortiger Alarmierung konnte die Feuerwehr nur noch das Schlimmste verhindern. Sie musste zudem das Wasser anfänglich aus einem einzigen Hydranten entnehmen, tragischerweise kam man an die 600 Kubikmeter Wasser nicht heran, das sich bereits im Becken befand, da permanent brennende Holzteile von der Decke fielen. Die „dichte blauschwarze Rauchwolke“, so berichtete der BM-Journalist Lothar Kaiser, zog im Nu weitere Schaulustige aus der Innenstadt ins Brunsbachtal.

Das noch unfertige Hallenbad nach dem Brand. Foto: Stadtarchiv.

Offenbar noch unter dem Eindruck des Geschehens stehend, ging der Journalist in seinem Artikel relativ hart mit der Feuerwehr ins Gericht. Kaiser monierte erstens eine einmütige Verzögerung durch eine falsche Ventilstellung nach dem Anschließen des ersten Löschschlauchs am Hydranten und zweitens die Geschwindigkeit der Schlauchverlegung einer Zusatzleitung für Wasser aus dem Johannisteich, die angeblich „gemächlichen Schrittes“ erfolgt sei. Hinzu kam auch noch Pech, da der zuständige Versorger BEW den Druck auf die Wasserleitung nicht im erforderlichen Maß erhöhen konnte, weil an der Zuführung ins Brunsbachtal noch gearbeitet wurde.

Eine erste Schätzung der Schadenshöhe noch am Brandtag überschritt die Grenze von einer Million DM. Doch zur Beruhigung der vor Ort befindlichen Stadtverordneten konnte der Versicherungsfachmann Karl-Heinz Müller verkünden, dass ein Versicherungsschutz im Brandfall bestehen würde. Später stellte sich zudem heraus, dass die Schadenssumme nicht ganz so groß war. Der ausführenden niederländischen Firma Pellikaan gelang es schließlich, mit einer Zeitverzögerung von nur drei Monaten das Bauprojekt fertigzustellen. Am 20. Juli 1974 kam es unter Anwesenheit von Willi Daume zur Eröffnungsfeier.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 23.01.2019

27.12.2018: Rückblende (Sonderartikel) – Interview mit dem CDU-Vorsitzenden Willi Endresz zur Demo beim St. Martinszug und zum Umgang mit Andersdenkenden in einer Partei

Willi Endresz, Ende 2018 Ortsvorsitzender der CDU Hückeswagen.

(nob) In zwei Rückblenden in der BM hatte ich an Ereignisse erinnert, bei denen die CDU als Partei viel Kritik einstecken musste. Am 11. November 1968 kam es zu einer ideologischen Auseinandersetzung zwischen der 68er-Bewegung und Altvorderen der Christdemokraten. Im Januar 1979 musste man sich in einem Leserbrief die Frage von Jürgen Löwy gefallen lassen, wie man denn mit Andersdenkenden umgeht. Kurz zuvor war Marie-Luise Recknagel aus der Fraktion ausgeschlossen worden, da sie bei einer Stadtdirektorwahl für den Oppositionskanditaten Hans-Jürgen Pauck gestimmt hatte. Ob diese beiden Ereignisse eventuell miteinander zu tun haben und wie Jahrzehnte später ein CDU-Repräsentant diese bewertet, darüber sprach die BM mit Willi Endresz, seit 2007 Vorsitzender des CDU Hückeswagen.

Wenn Sie die Ereignisse mit nun zeitlichem Abstand betrachten, wie bewerten Sie diese?

Endresz: Ich kann mir das heute in der Form nicht mehr vorstellen. Vor allem habe ich im Zusammenhang mit der Wahl von Hans-Jürgen Pauck die Geheimniskrämerei nicht verstanden. Offenbar wollte man taktisch vorgehen. Da der Kandidat nicht direkt von den Bürgern, sondern vom Rat gewählt wurde, war es damals nicht üblich ihn vorher ausgiebig bekanntzumachen und zu werben.

Nun steht die grundsätzliche Frage im Raum: Wie geht man mit Andersdenkenden um?

Endresz: Jetzt kann ich nur für die CDU sprechen: Grundsätzlich gibt es bei uns keinen Fraktionszwang. Natürlich versuchen wir zwecks Zielerreichung einheitlich aufzutreten, vor allem bei wichtigen Entscheidungen. So erwarten wir von möglichen Andersdenkenden, dass sie uns vorher Bescheid geben, damit der Fraktionsvorsitzende in der Ratssitzung nicht überrascht wird.

Nun waren die Leute der 68er-Bewegung auch Andersdenkende, vor allem im ideologischen Sinn. Gibt es diesen ideologischen Kampf im Hinblick auf die Linke heute noch?

Endresz: Die Bewegung hat damals natürlich auf dem Land ordentlich Staub aufgewirbelt. Meiner Beobachtung nach ist heute der ideologische Kampf gegen die Linke eher untergeordnet, vor allem auf kommunaler Ebene, wo meistens sachlich argumentiert wird. Natürlich ist es gut, wenn politische Gruppierungen für mehr Sozialleistungen eintreten. Den finanziellen Spielraum erwirtschaften wir alle gemeinsam, indem Arbeitgeber und Arbeitnehmer über Steuern den Staat dazu in die Lage versetzen. Der Staat darf aber dafür nicht dauernd neue Schulden aufnehmen, das verbietet die Verantwortung gegenüber nachfolgenden Generationen. Hinzu kommt, dass einige Linke noch leibhaftig die DDR kennen. Offenbar wird vergessen, mit welcher Brutalität das Regime seinerzeit handelte. Mich regt es nicht auf, wenn die Linke eine große Anhängerschaft hat. Wenn aber die Freiheit des Individuums beschnitten wird, ist für mich eine Grenze erreicht.

Wie bewerten Sie denn überhaupt Bewegungen dieser Art, sei es auf bundespolitischer Bühne oder auf kommunaler?

Endresz: Besonders mit Blick auf die Ereignisse beim Martinszug ist für mich immer noch und immer wieder denkbar, dass die Leute auf die Straße gehen. Das Beispiel „Protest gegen die Grundsteuer B-Erhöhung“ ist in etwa vergleichbar. Solche Gruppen bilden sich spontan, meistens über die so genannten Sozialen Medien. Wenn das Thema dann aus ihrer Sicht positiv erledigt ist, sind die Gruppen wieder weg. Und wenn dann andere sehen, dass man damit Erfolg hat, ahmen sie das natürlich nach. Auch die heutige Medienlandschaft trägt dazu bei. Früher war die Bevölkerung alleine auf Zeitung, Radio oder Fernsehen angewiesen, das heißt die Informationen flossen nicht so schnell wie heute und vieles lief über Mundpropaganda. In den nun interaktiven Medien können sie solche Bewegungen sprichwörtlich aus dem Boden schießen zu lassen.

Wie erklären Sie sich denn die sehr harte Rede von Alfons Koppelberg, der mit der damaligen VHS-Führung so ins Gericht ging?

Endresz: Man ist in dieser Zeit verbal anders miteinander umgegangen. Heute gibt es dafür den Begriff „political correctness“. Durch dieses ungeschriebene Gesetz werden viele Meinungsäußerungen abgeschwächt und verwischt, so dass der Wähler die Parteien nicht mehr unterscheiden kann und fragt: Was soll ich wählen? Damals hat man klar die Fronten zwischen den Parteien abgesteckt, indem vereinfachend schwarz-weiß argumentiert wurde. Auch die Befragungstechnik der Journalisten trägt dazu bei. Es wird extrem hartnäckig nachgebohrt, obwohl klar ist, dass man nichts sagen will, vor allem dann nicht, wenn in Partei oder Fraktion noch keine verkündbaren Beschlüsse gefasst wurden. Dann wird die Aussage unbestimmt.

Das heißt also, dass die Derbheit der Sprache oder das verdecken von internen Konflikten und Entscheidungsprozessen, eben nicht typisch CDU sind?

Endresz: Ja. Nehmen wir das Beispiel der internen Konflikte, wir haben hier ein ganz normales soziales Verhalten vorliegen. Jede Organisation regelt so etwas erst intern. Selbst in der Verwandtschaft macht man das. Und wenn dann doch etwas rauskommt, wird es eben von den Medien ausgeschlachtet. Das will man natürlich vermeiden.

Bleibt immer noch die Frage: Wie gehen Sie denn nun mit Außenseitern um?

Endresz: Grundsätzlich gibt es kein Patentrezept. Es gibt keine Arbeitsverträge nach Arbeitsrecht, wie zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, in denen der Umgang miteinander klar geregelt ist. In einer Partei wird das „Miteinander“ der Mitglieder durch eine Satzung bestimmt, in der das Werkzeug des Parteiausschlussverfahrens enthalten ist. Dieses stellt jedoch eine hohe Hürde dar, wie ich selbst in einem Fall in einem anderen Ortsverband feststellen konnte. Es kommt dabei immer auf die Charaktere an. Wir sind als CDU eine Volkspartei mit vielen Strömungen und haben auch den Anspruch, möglichst viele Meinungen zu integrieren. Andere Meinungen müssen möglich sein.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 27.12.2018.

Einen Tag später, am 28. Dezember 2018, erschien eine Richtigstellung in der Zeitung, wonach Hans-Jürgen Pauck Wert auf die Feststellung legt, das er niemals Mitglied der SPD gewesen war. Dieser Eindruck hätte fälschlicherweise entstehen können, so sagte er. Tatsächlich konnte der Eindruck entstehen, denn ich hatte im Text hinter den Namen das Kürzel „SPD“ in Klammern gesetzt.