14.04.2019: Rückblende (70) zum 14. April 1909 – Bockhackers Traum: eine Eisenbahndirektverbindung

Friedrich Bockhacker jun. (1835-1912), Quelle: LH 44, S. 125.

(nob) Pläne zu schmieden, ist eine Sache, diese dann auch umzusetzen, noch eine ganz andere. Konkret ging es um eine Diskussion, die im April 1909 im preußischen Abgeordnetenhaus, der Zweiten Kammer des Preußischen Landtages, geführt wurde. Der Hückeswagener Fabrikant Friedrich Bockhacker (1835-1912) hatte gemäß der Berichterstattung in der Bergischen Landeszeitung am 14. April 1909 in einer Denkschrift angeregt, das Wupper- und das Dhünntal durch Schienenwege besser zu erschließen. Er schlug unter anderem vor, eine Trasse von Hückeswagen über Kräwinklerbrücke nach Radevormwald zu bauen. Diese sei, so begründete er, „weit kürzer, billiger und lohnender“, als die Verbindung nach „Barmen-Rittershausen“.

Um diesen Vorschlag zu verstehen, müssen wir uns kurz in die Lage des Unternehmers versetzen und uns die damaligen Streckenverläufe vor Augen führen. Bockhacker leitete eine Tuchfabrik am Mühlenweg (seit 1938 Standort der Firma Pflitsch). Dieser Industriebetrieb war einer von vielen im so genannten Corneliusthal, das sich etwa vom Kieköm (Bezeichnung einer alten Wupperschleife) bis zum Damm der Wuppervorsperre erstreckte. Wollte man nun Ware auf der Schiene in das damals ebenfalls wichtige Industriegebiet Kräwinklerbrücke und weiter nach Radevormwald und ins Märkische bringen, führte der Weg über Lennep und Krebsöge, was einen Umweg bedeutete. Diese real existierende Strecke führte dann weiter nach Wuppertal-Rittershausen womit sich der zweite Teil der Anmerkung Bockhackers erschließt. Dem Unternehmer schwebte in der Endausbaustuffe eine Fortführung von Radevormwald nach Milspe und zur Ennepetalsperre vor, womit die Industriegebiete von Berg und Mark enger verzahnt gewesen wären.

Die Pläne des Industriellen wurden unter dem Schlagwort „Kleinbahn-Vorlage“ im Abgeordnetenhaus diskutiert. Oftmals besteht das Missverständnis, dass es sich somit um Straßen- oder Schmalspurbahnen gehandelt haben müssten. Der Begriff Kleinbahn stand in Preußen jedoch für eine „Bahn dritter Ordnung“. Sie hatte eine geringere Bedeutung als beispielsweise Hauptbahnen und in der Bau- und Betriebsführung galten weniger strenge Anforderungen. Das machte die Sache somit auch für nichtstaatliche Unternehmen interessant. Eine Kleinbahn war also keine Miniaturausgabe einer großen Bahn oder verlief auf einem besonders schmalen Gleis, denn sie konnte auch Normalspurbreite haben. Die Geschichte lehrt uns, dass es zum Bau der Trasse niemals kam. Viele Jahrzehnte später wurde das Areal zum Einzugsgebiet der Wuppertalsperre und der Ort Kräwinklerbrücke „versank in den Wupperfluten“, so ein griffiger Buchtitel des Radevormwalders Norbert Wolff.

Interessanterweise tauchten Pläne für diese Schienenverbindung fast genau zehn Jahre später im April 1919 als Anregung aus der Industrie wieder auf. Dieses Mal sollte eine „Elektrische“ vom Corneliusthal nach Kräwinklerbrücke führen, also tatsächlich eine Straßenbahn. Zum damaligen Zeitpunkt war dieser Fahrzeugtyp sehr populär, auch die Nachbarstädte Remscheid und Wermelskirchen hatte eine solche. Aber auch daraus wurde bekanntlich nichts, geblieben ist einzig und allein Bockhackers Traum.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, 25. April 2019.

02.01.2019: Rückblende (60) zum 1. Januar 1909 – Start ins neue Jahr mit über 50 Fernsprechanschlüssen

Eine Werbung für Telefonanschlüsse von der Firma Elektra, Quelle: Stadtarchiv Hückeswagen, Akte 379b.

(nob) In einer der unzähligen Statistiken zur Infrastruktur von Stadt und Landgemeinde existiert folgender Eintrag: „Am 1. Januar 1909 waren in Hückeswagen über 50 Fernsprechanschlüsse eingerichtet“. Die Anzahl erscheint uns auf den ersten Blick nicht besonders groß. Doch immer wieder wird vergessen, dass die Verbreitung derartiger Alltagstechnik vor 110 Jahren wesentlich langsamer verlief als heute. Die Geschwindigkeit, mit der sich beispielsweise moderne Smartphones nach der Einführung von Apples iPhone im Jahr 2007 verbreitet haben, wäre 1909 absolut undenkbar gewesen.

Doch bevor wir uns einmal anschauen, in welchem Tempo die „moderne Technik Fernsprecheinrichtung“ ihren Weg in die Haushalte fand, ist unbedingt noch eine vorhergehende Entwicklung zu erwähnen: Zirka 30 Jahre vor Einrichtung der ersten Fernsprecher wurde im Jahr 1864 eine Telegraphen-Station in Hückeswagen eingerichtet. Bereits um 1850 hatten sich aus einzelnen Telegraphen-Linien nach dem Prinzip der Weiterleitung durch elektrische Impulse ein Telegraphie-Netzwerk gebildet, das sehr schnell wuchs und schließlich auch durch interkontinentale Seekabel ergänzt wurde. Aber Telegrafie war eben keine übertragene Sprache, sondern es wurden Texte codiert. Wenn es gelingen würde, so die Überlegung der Erfinder damals, Sprache direkt zu übertragen, könnte man Informationen wesentlich schneller übertragen. Wie die Geschichte lehrt, gelang es und so entstanden neben den schon etablierten Telegrafie-Strecken die ersten Telefonleitungen mit einer anderen technischen Basis.

Am 30. Oktober 1895 war es dann auch in Hückeswagen soweit: Man richtete eine so genannte Stadt-Fernsprecheinrichtung ein, an die anfangs sechs Teilnehmer angeschlossen wurden. Mit der Inbetriebnahme wurde eine Verbindung zur Maschinenfabrik Bêché & Grohs (Peterstraße), zur Tuchfabrik Bockhackers Nachfolger (Mühlenweg), zum Bürgermeisteramt Neuhückeswagen (Rader Straße), zur Tuchfabrik Arnold Hueck (Fuhr), zur Stadt Hückeswagen im Schloss und zur Druckerei Friedrich Welke (Altstadt) hergestellt. Gleichzeitig erfolgte die Ankoppelung an das „Bergische Fernsprech-Netz“. Interessanterweise wurde in der kurzen Notiz der Bergischen Volkszeitung (einem Vorläufer der BM) appelliert, dass doch weitere Anträge gestellt werden mögen. Denn je mehr Anschlüsse an einem Ort vorhanden seien, desto größer wäre die Wahrscheinlichkeit, dass man mit weiteren Gebieten über das Bergische hinaus vernetzt werden würde.

Nachdem im Jahr 1904 ein eigenes Fernsprechamt zur Vermittlung der Gespräche eingerichtet wurde, liegt als nächste Nachricht besagter Statistikeintrag aus dem Jahr 1909 vor. Fazit: Von sechs Anschlüssen 1895 wuchs das Netz auf über 50. Für weitere zirka 45 Anschlüsse benötigte man also 14 Jahre, im Schnitt wären das folglich drei neue Anschlüsse pro Jahr. Wenn es also demnächst wieder mal etwas länger dauert mit dem Telefonanschluss, denken wir am besten an die Anfänge im 19. Jahrhundert zurück und alles relativiert sich.

Erschienen in der Bergischen Morgenpost, Ausgabe Hückeswagen, am 2.1.2019.